Fährunglück in der Adria Überlebende belasten Besatzung schwer

Mindestens sieben Personen kommen bei der Havarie der Norman Atlantic in der Adria ums Leben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Gesellschaft Anek Lines.

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Athen - Italienische und griechische Rettungsmannschaften haben die Evakuierung der überlebenden Passagiere von der Autofähre Norman Atlantic, die seit Sonntag brennend und manövrierunfähig in der Adria treibt, abgeschlossen. Mindestens sieben Menschen sind bei der Katastrophe ums Leben gekommen.

In pausenlosen Flügen holten Rettungshubschrauber am Montag die letzten verbliebenen Passagiere und die meisten Mannschaftsmitglieder mit Seilwinden vom Deck des Havaristen und setzten sie an Bord anderer Schiffe ab. Unter den Geretteten sind 18 Deutsche sowie je vier Schweizer und Österreicher. Zwei der Deutschen kamen am Montag mit einem Containerschiff im Hafen von Bari an. Den beiden aus Saarbrücken und Berlin gehe es soweit gut, sie sollten nun nach Deutschland zurückgebracht werden, sagte eine Mitarbeiterin des deutschen Konsulats in Bari. An Bord des Schiffes seien jetzt nur noch der italienische Kapitän und vier Offiziere, teilte der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi in Rom mit.

Schlechtes Wetter erschwert die Rettungsaktion

Die Rettungsaktion wurde von den italienischen Behörden koordiniert. Die Fähre mit vermutlich 478 Menschen und mehr als 200 Fahrzeugen war am frühen Sonntagmorgen auf der Fahrt vom griechischen Hafen Igoumenitsa zum italienischen Ancona in Brand geraten. In einer mehr als 30-stündigen Rettungsaktion, an der neben fünf Hubschraubern auch neun zur Hilfe geeilte Schiffe beteiligt waren, konnten Passagiere und Besatzungsmitglieder von dem brennenden und qualmenden Schiff in Sicherheit gebracht werden. Die Rettungsaktion wurde allerdings durch schweren Sturm sowie Regen- und Hagelschauer erschwert.

Die meisten Geretteten wurden inzwischen nach Italien an Land gebracht. Viele sind völlig erschöpft und unterkühlt. 70 Menschen werden in Kliniken behandelt. Bei der Rettungsaktion wurden viele Kinder von ihren Eltern getrennt und warten nun in Krankenhäusern auf Nachrichten.

Migranten versuchten, unentdeckt an Bord zu gelangen

Ein griechischer Passagier starb, als er sich mit einem Sprung von der brennenden Fähre retten wollte. Die Identität der anderen Opfer ist unklar. Möglicherweise handelt es sich um blinde Passagiere. Nach Aussage des griechischen Marineministers Miltiades Varvitsiotis hatten in Igoumenitsa neun illegale Migranten versucht, an Bord zu gelangen, um nach Italien zu gelangen. Sie wurden festgenommen.

Fachleute schließen aber nicht aus, dass weitere blinde Passagiere an Bord der Fähre waren, etwa auf den Fahrzeugdecks. Migranten versuchen täglich, in griechischen Häfen unentdeckt auf Fährschiffe zu kommen. Meist verstecken sie sich in Lastwagen. Die Behörden schließen deshalb nicht aus, dass man weitere Opfer entdeckt, wenn das weitgehend ausgebrannte Schiff durchsucht werden kann. Es wird nun nach Italien geschleppt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Brandursache ist bisher ungeklärt. Die Staatsanwaltschaften von Bari und Brindisi haben Ermittlungen eingeleitet. Sie gehen dabei auch Berichten nach, denen zufolge die griechischen Behörden zehn Tage vor dem Unglück bei einer Überprüfung des unter italienischer Flagge fahrenden Schiffes Sicherheitsmängel festgestellt haben sollen. Dabei wurden angeblich auch Probleme mit Brandschutzeinrichtungen moniert. Die Norman Atlantic gehört einer italienischen Reederei, fuhr aber in Charter für die griechische Gesellschaft Anek Lines. Nach ihrer Aussage war das Schiff seetüchtig.

Eine der geretteten Passagiere erzählten Agenturberichten zufolge von Schlägereien an Bord. Andere erhoben schwere Vorwürfe gegen die Besatzung. „Eigentlich hätten wir mit einem anderen Schiff fahren sollen. Wir haben das erst im Hafen gemerkt. Als wir es gesehen haben, ist uns etwas mulmig geworden“, sagte eine Frau im griechischen Fernsehen. „Auf dem Schiff gab es keinerlei Koordination. Das Personal war praktisch nicht vorhanden.“

Der ADAC stuft die Gesellschaft Anek Lines, in deren Auftrag die Norman Atlantic unterwegs ist, indessen als „gut“ ein. Die havarierte Fähre selbst habe man zwar bei den bisherigen Fährentests nicht unter die Lupe genommen, sagte ADAC-Experte Klaus Reindl. Aber das in Italien gebaute Schiff sei relativ neu, erst 2009 in Dienst gestellt worden, und in den Fährentests der vergangenen Jahre hätten die Schiffe der Anek Lines stets ordentlich abgeschnitten. Allgemein seien Fähren in der Nord- und Ostsee besser in Schuss. Aber Anek zähle im Mittelmeer zu den besseren Reedern. Ob einmal eine baugleiche Fähre getestet wurde, konnte der ADAC-Experte nicht sagen. Alte Tests seien aber ohnehin nicht aussagekräftig, weil Fähren oft nachgerüstet oder umgebaut werden.




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