Fälle in Praxen und Kliniken Grippewelle hat auch Kreis Böblingen erfasst

Wer an der Influenza erkrankt, ist für einige Tage außer Gefecht. Die Zahlen sind aktuell überall hoch – auch im Kreis Böblingen. Foto: dpa/P. Dulian

Die Grippe ist im Kreis Böblingen auf dem Vormarsch. Viele Arztpraxen und die Kliniken im Kreis Böblingen sind stark beansprucht. Auch in der Kinderklinik sind Viruserkrankungen Thema.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Winterzeit ist Viruszeit. Das ist zwar eine Binsenweisheit und jedes Jahr zu beobachten, dennoch scheint in diesem Jahr etwas anders. In der Region Stuttgart ist aktuell vor allem die Influenza auf dem Vormarsch, so wie im Kreis Reutlingen. Dort musste wegen der Grippewelle das dortige Klinikum sogar OPs verschieben und Ärzte aus dem Urlaub zurückbeordern.

 

Im Kreis Böblingen ist die Situation zwar nicht so dramatisch, dennoch zeigt sich in den Arztpraxen und den Kliniken auch hier eine deutliche Tendenz. Den Eindruck einer Grippewelle kann auch der Herrenberger Allgemeinmediziner Jürgen Nüssle bestätigen. In seiner Praxis spielt die Influenza mit ihren beiden Hauptvarianten A und B derzeit eine große Rolle: „Wir haben im Moment sehr viele Patienten, die mit Fieber, Glieder-, Kopf- und Halsschmerzen, Schüttelfrost, trockenem Husten, aber auch starke Abgeschlagenheit zu uns kommen.“

Grippe-Symptomatik ist besonders

Diagnostizieren kann der Mediziner eine Grippe einerseits durch Schnelltests. Diese können neben der Influenza A und B auch Corona und RSV nachweisen. Andererseits lässt sich das Virus auch klinisch diagnostizieren. „Bei der Influenza berichten Patienten oft, dass es ab einer bestimmten Uhrzeit schlagartig schlechter wurde. Bei einem grippalen Infekt lässt sich das zeitlich oft nicht so genau eingrenzen. Die Symptome bauen sich langsam auf und sie kommen meist nacheinander“, erläutert Nüssle.

Auffällig sei dieses Jahr, dass die Grippe-Infektionswelle früher als sonst kam. „Normalerweise beginnt die Grippesaison erst nach dem Jahreswechsel. Dieses Mal aber hatte ich in meiner Praxis schon vor Weihnachten zahlreiche Patienten mit diesem Befund“, sagt der Allgemeinmediziner. Dass die Zahlen momentan hoch und das Infektgeschehen früher eingesetzt hat, erklärt sich der Mediziner durch die neue Virusvariante „Sublade K, H3N2“. Den Erklärungsansatz Nüssles bestätigen übrigens auch das Robert-Koch-Institut und das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

Auch die Böblinger Kreisärztevorsitzende Annette Theewen sieht die Grippe auf dem Vormarsch. Besorgt zeigt sich die Sindelfinger Hausärztin deshalb aber nicht unbedingt: „In den Praxen wird nach meiner Wahrnehmung die Infektwelle bewältigt. Wir haben sie jedes Jahr und sind in der Regel darauf eingerichtet“, erklärt die Ärztin.

Viele große und kleine Klinikpatienten

Grundsätzlich gut vorbereitet auf Krankheitswellen ist auch der Klinikverbund Südwest. Aktuell aber berichtet auch der Klinikverbund von einem fast ungewöhnlich hohen Infektionsgeschehen: „Wir verzeichnen alleine wegen der Influenza ein hohes, aber beherrschbares Patientenaufkommen. Das merken wir sowohl in der Notaufnahme als auch bei den stationären Aufnahmen.“

Einige Abteilungen weiter, in der Böblinger Kinderklinik, stellt neben der Influenza auch ein anderes Virus die Mediziner und Pflegekräfte vor eine Herausforderung: Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV). „Wir beobachten aktuell in unserer Kinderklinik ein deutlich erhöhtes Aufkommen an Infektionskrankheiten bei Kindern – insbesondere im Zusammenhang mit RSV sowie mit Influenza. Die Patienten reichen vom Säuglingsalter bis hin zu größeren Kindern“, erklärt ein Sprecher des Klinikverbunds.

Wohl auch aufgrund der Erfahrung der vergangenen Jahre, in dem die Betten in der Kinderklinik durch eine Vielzahl an RSV-Erkrankten voll waren, ist die aktuelle Welle noch unter der Kontrolle: „Ein Großteil der Kinder könne aber ambulant behandelt werden. Nur ein vergleichsweise kleiner Anteil müsse stationär aufgenommen werden“, heißt es aus dem Klinikverbund weiter.

Das Personal ist ausgedünnt

Doch nicht nur auf der Patientenseite sind die Zahlen hoch, auch das Personal hat die (Grippe-) Viruswelle aktuell ziemlich im Griff, wie ein Sprecher des Klinikverbunds auf Anfrage unserer Zeitung erklärt: „Wir haben auch bei den Mitarbeitenden einen hohen Krankenstand. Solche Erkrankungen machen natürlich leider auch bei unserem Personal nicht Halt. Sie sind auch jeden Tag möglichen Krankheiten ausgesetzt. Die Situation ist in jedem Fall angespannt.“

Helfen würde Patienten, Praxis- und Klinikmitarbeitern, die jährliche Grippewelle zu bewältigen, eine höhere Impfquote. Die ist auch im Kreis Böblingen (zu) gering. Annette Theewen plädiert deshalb klar für die Grippeimpfung: „Es lohnt sich immer noch, dass sich die Patienten impfen lassen. Leider wollten viele Patienten das Angebot nicht wahrnehmen. Nach Corona bemerken wir eine ‚Impfmüdigkeit’ oder Skepsis. Das ist bedauerlich. Die Influenza-Impfung wird in der Regel sehr gut vertragen und schützt vor schweren Verläufen und einer Ausbreitung.“

Auch Jürgen Nüssle macht sich für die Impfung stark: „Ich empfehle die Impfung gerade für Risikogruppen. Ich impfe in einer Saison rund 600 gegen Grippe. Vielen Patienten biete ich an, Grippe und Corona an einem Termin zu impfen. Das funktioniert gut.“ Eine gewisse Impfmüdigkeit nimmt auch Hausarzt Nüssle wahr: „Manche äußern durchaus Zurückhaltung. Viele haben das Gefühl, dass man sich gegen immer mehr impfen sollte. Das stimmt ja auch. Es ist aber ein gutes Zeichen, dass wir gegen immer mehr wirksam impfen können.“

Nicht nur Ältere oder Vorerkrankte würden von dem Pieks profitieren, unterstreicht Allgemeinmediziner Nüssle: „Auch Jüngeren sage ich: Lasst euch impfen, damit ihr die Oma oder das eigene Kind nicht ansteckt. Was wir tun können, sollten wir tun. Und bei der Impfung ist es kein großer Aufwand.“ Damit sich das Immunsystem noch in dieser Saison auf das Virus einstellen kann, solle die Impfung möglichst zeitnah erfolgen. Eine Anpassung auf die neue Virusvariante wird es in dieser Saison keine mehr geben.

Grippewelle ist längst übergeschwappt

Virus
Die Grippe wird durch Influenzaviren ausgelöst. Die Erkrankung kann schnell und heftig beginnen, meist mit typischen Symptomen wie Fieber, Gliederschmerzen, Hals- und Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit. Die häufigsten und gefährlichsten Varianten sind die Influenza A und B.

Impfung
Die STIKO empfiehlt die Influenza-Impfung für alle Personen ab 60 Jahre. Diese erhalten eine viermal höhere Dosis, die noch größeren Schutz vor einer Ansteckung und vor allem einem schweren Verlauf bietet. Auch Schwangeren, Vorerkrankte mit Herz, Lunge, Stoffwechsel Diabetes gehören zu den Risikogruppen. Empfohlen wird es auch für Menschen, die mit Risikogruppen in Berührung kommen. Geimpft werden kann in Arztpraxen und Apotheken – auch im Kreis Böblingen.

Weitere Themen