Fahrdienst in Filderstadt Das Rollimobil transportiert Menschen und Schicksale

Von Felizitas Eglof 

Private Fahrdienstunternehmen fahren Betroffene oft zu Dialyse- oder Chemotherapiesitzungen. Wie ist es, einen Fremden auf so einem schweren Weg zu begleiten? Katja Knupfer von Katjas Rollimobil erzählt.

Dagi (l.) und Katja Knupfer sind sehr vertraut miteinander. Foto: Felizitas Eglof
Dagi (l.) und Katja Knupfer sind sehr vertraut miteinander. Foto: Felizitas Eglof

Filderstadt/Birkach - Mit einem Grinsen rollt Dagi auf Katja Knupfer zu. „Hallo meine Freundin, wie geht’s dir?“, fragt die 59-jährige Dagi, die im Rollstuhl sitzt und in Birkach wohnt. Knupfer kniet sich auf den Boden und drückt Dagi zur Begrüßung. Die Vertrautheit zwischen den beiden ist sofort offensichtlich. „Dagi und ich kennen uns seit fast 20 Jahren, da ich sie schon so lange zu ihren Dialyseterminen fahre“, erklärt Knupfer.

Seit zehn Jahren betreibt Katja Knupfer zusammen mit ihrem Mann das Fahrdienstunternehmen Katjas Rollimobil mit Sitz in Filderstadt; es ist nach eigenen Angaben das einzige seiner Art auf den Fildern. Davor hatte das Ehepaar ein Taxiunternehmen. Der Umschwung vom Taxi zum Rollimobil kam durch ein Schlüsselerlebnis. „Ich saß mal wieder nachts vor dem Telefon und hab’ auf den Anruf von Kunden gewartet, als ich realisiert habe: Das kann ich nicht für immer machen“, erinnert sich Knupfer.

Das Geschäft läuft gut

Da sie schon während ihrer Taxizeit bewegungseingeschränkte Kunden wie Dagi transportiert hatte, entschied sie sich, ein Auto mit Platz für einen Rollstuhl zu kaufen. Das Geschäft lief so gut, dass nach und nach weitere Fahrzeuge dazukamen. Heute sind um die zehn Fahrer für Katja Knupfer im Einsatz. Die Kosten für die Transporte zahlen – je nach Termin oder Patient – die Krankenkasse, das Sozialamt, das Landratsamt oder die Mitfahrer selbst.

Was hat sich dadurch in ihrem Alltag alles geändert? „Dass ich so viel von den Menschen zurückbekomme, sogar mehr als ich ihnen gebe“, sagt die 56-Jährige. Aber nicht nur die Wertschätzung war neu. „Der Beruf hat mich sensibilisiert, für Menschen und Themen, die in unserer Gesellschaft oft noch ein Tabu sind. Und ich kann endlich hinter dem stehen, was ich mache“, sagt Knupfer. Mit ihr fahren Rollstuhlfahrer genauso wie Krebs- oder Nierenkranke, erzählt sie.

Mancher trägt ein schweres Schicksal

Mittlerweile hat Katja Knupfer ihre Freundin Dagi samt Rollstuhl sicher angeschnallt, und die Fahrt zum Dialysezen­trum in Stuttgart-Ost kann losgehen. Wenn Dagi im Auto sitzt, laufen im Radio in der Regel Schlager. „Das ist meine Lieblingsmusik. Vor allem Andrea Berg und Helene Fischer“, ruft Dagi von hinten und lacht fröhlich. Katja Knupfer passt sich gerne dem Geschmack der Fahrgäste an: „Ich höre eigentlich bei allem mit. Solange meine Dagi zufrieden ist, bin ich es auch.“

Das ist nicht immer der Fall. „Dagi mag es nicht, wenn sie gehetzt wird. Das kann aber manchmal vorkommen, vor allem wenn ich viele Termine habe“, sagt die Chauffeurin. Doch mittlerweile kennt sie ihre Fahrgäste gut und weiß, wie sie Dagi wieder aufmuntern kann. „Wir singen dann zusammen, oder ich erzähle ihr etwas, das lenkt sie ab“, sagt Knupfer.

Manchmal steigt auch ein neues Gesicht mit schwerem Schicksal bei ihr ein. „Ich versuche sensibel vorzugehen. Manche möchten darüber sprechen, andere nicht“, erzählt sie. „Mit jeder weiteren Begegnung habe ich dazugelernt und bin daran gewachsen.“

Viel Leid, aber auch viel Freude

In den vergangenen zehn Jahren gab es viele solcher Begegnungen, die Katja Knupfer geprägt haben. „Man erlebt so viele Geschichten. Erfährt viel Leid, aber auch viel Freude. Dieser Job ist weit mehr als nur ein Beruf.“ Eine Begegnung hat die 56-Jährige ganz besonders geprägt: „Eine Mitfahrerin ist mittlerweile eine gute Freundin geworden, weil ich sie fast wöchentlich zu ihrer kranken Mutter gefahren habe.“ Das Verhältnis ist so gut, dass die beiden in den Urlaub fahren, sich treffen und Katja Knupfer sogar als Unterstützung dabei war, als die Mutter gestorben ist.

Mittlerweile sind Dagi und Katja Knupfer im Dialysezentrum angekommen. Wer denkt, dass Knupfers Job damit erledigt ist, irrt sich. Fürsorglich rollt sie Dagi in das Wartezimmer, sucht das Patientenkärtchen und hilft der Frau aus ihrem Rollstuhl auf die Waage, um ihr Gewicht vor der Dialyse zu bestimmen. Dann geht es weiter ins Behandlungszimmer, an dem schon Dagis Platz vorbereitet ist. „Katja, ich brauche bitte meine Medizin und meine Kuscheltiere“, sagt Dagi. Geduldig sucht Knupfer die gewünschten Sachen zusammen und legt sie aufs Bett. Dann verabschiedet sie sich. In vier Stunden wird sie ihre Freundin im Rollstuhl wieder abholen und heim bringen.