Fahrermangel in der Busbranche Viel Platz für Frauen hinterm Lenkrad

Yvonne Hüneburg, Chefin des Verbandes Württembergischer Busunternehmer, sieht Busfahren auch als attraktiven Beruf für Frauen. Foto: WBO

Der Busbranche fehlt massiv Fahrpersonal. Welche Chance sieht die neue Chefin des Verbandes Württembergischer Omnibusunternehmen (WBO), mehr Frauen zu gewinnen?

Stadtentwicklung & Infrastruktur: Andreas Geldner (age)

Immer noch ist Yvonne Hüneburg in ihrer Branche die Ausnahme. Seit Anfang des Jahres ist sie Chefin des Verbands Baden- Württembergischer Omnibusunternehmen (WBO.) Und damit eine nur von zwei Frauen in den Führungsetagen der Busbranche in Deutschland. „Ja, es stimmt, das Thema Busfahren ist immer noch stark männerdominiert,“ sagt die 47-Jährige, die nach einigen Jahren als Scheidungsanwältin zunächst als Verbandsjuristin für Personalfragen die Branche kennengelernt hat.

 

Sie wolle aber keineswegs Männer gegen Frauen ausspielen, beeilt sie sich zu versichern: „Es gibt auch eine ganze Reihe von Unternehmerinnen in der Branche“. In der Region Stuttgart sei dies etwa in Ludwigsburg mit LVL Jäger eine Firma mit immerhin mehr als 80 Bussen. Frauen sind da aber in der Regel als Nachfolgerinnen in den für die Branche typische Familienunternehmen irgendwann einmal an die Spitze gerückt.

Wie viele Frauen hinter dem Steuer von Bussen sitzen, darüber hat der Verband keine exakten Zahlen. Hüneburg schätzt sie auf etwa fünf Prozent: „Da ist in der Tat noch deutlich Luft nach oben“

Vorbild Österreich

Umso mehr hat sie vor kurzem eine Exkursion nach Feldkirch im österreichischen Vorarlberg inspiriert, wo bei den Stadtbussen der Frauenanteil bei einem Viertel liegt. Schwerpunktmäßig habe die Branche in den vergangenen Jahren nicht um Frauen geworben, räumt Hüneburg ein – auch wenn die aktuelle Werbekampagne der Busunternehmen von der Mittfünfzigerin bis zur jungen Kopftuchträgerin auch Frauen in den Vordergrund rückt.

Das immer dramatischer werdende Defizit beim Fahrpersonal hat man eine Weile gerne mit der Anwerbung von Fahrern etwa aus Osteuropa oder aus Griechenland oder der Türkei zu stopfen versucht, auch deshalb weil sie den Busführerschein meist von Zuhause mitbrachten. Aber nicht unbedingt deutsche Sprachkenntnisse.

Frauen müssten hingegen meistens erst den Busführerschein machen – und das ist in Deutschland teuer und kompliziert, auch wenn es in bestimmten Fällen eine Förderung vom Arbeitsamt im Rahmen eines Bildungsgutscheins geben kann und auch Busunternehmen beim Thema Zuschuss immer häufiger mit sich verhandeln lassen.

Familienfreundliche Dienstplanung

„Die Vorarlberger machen ihrer Personalplanung ganz anders. Familienfreundlichkeit steht dort ganz stark im Mittelpunkt“, sagt Hüneburg. Flexibler Dienstetausch oder eine Einteilung nach Wunsch seien die Regel: „Es geht einfach auch darum, dass sich im Unternehmen jemand ausdrücklich um solche Aspekte kümmert.“ Dass in Österreich auch der in der ganzen EU anerkannte Busführerschein deutlich günstiger ist, dürfte es ebenfalls leichter machen, Frauen als Zielgruppe zu erschließen.

Wenn man von den Interessen von Frauen ausgehe, sei Busfahren aufgrund seiner Flexibilität sogar attraktiver als so manche andere Tätigkeit. „Typischerweise steigen Frauen nach der Erziehungsphase ein. Vorher nur dann, wenn vor Ort ein entsprechendes Betreuungsangebot vorhanden ist“, sagt die WBO-Chefin. Wer nicht in seinen alten Beruf zurückkehren wolle, brauche für diesen Neuanfang keine mehrjährige Berufsausbildung, sondern kann binnen einiger Monate den Führerschein absolvieren. Jobs als Busfahrerin oder Busfahrer gebe es überall: „Und die sind absolut zukunftssicher.“

Garantierte und sichere Jobs

Klimaschutz, Verkehrswende, Deutschlandticket – der Busverkehr werde noch viele Jahre tendenziell wachsen. Langfristige Verkehrsverträge im öffentlichen Nahverkehr sorgen für Planungssicherheit. Und noch einen Trumpf will die Branche im immer heftigeren Wettlauf um Dienstleistungsarbeitskräfte ausspielen: im Gegensatz zu Gastronomie, Einzelhandel oder beim Friseur, sei die Busbranche kein Mindestlohnberuf. Hier liege man etwa acht Euro je Stunde darüber.

Auch das Thema unregelmäßige Arbeitszeiten oder Arbeit am Wochenende sei lösbar. „Morgens und mittags im Schülerverkehr gibt es einen besonders hohen Bedarf – und das ist gut in Teilzeit zu machen“, sagt Hüneburg. Generell seien flexible Arbeitszeiten eine Frage der Disposition: „Da sind die Unternehmen heute zu großem Entgegenkommen bereit.“ Und das gilt auch für Themen wie die Frage, ob eine Fahrerin nun unbedingt die Nachtfahrt nach Kneipenschluss machen möchte.

Es muss nicht gleich ein Gelenkbus sein

„Und man sollte auch nicht vergessen, dass es da nicht immer um den großen Gelenkbus geht“, sagt die Verbandschefin: „Das Spektrum ist viel breiter als man sich das vorstellt.“Gerade um den öffentlichen Nahverkehr in die Fläche zu bringen, seien Kleinbusse oder selbst PKW immer wichtiger – für die es keinen besonderen Führerschein brauche.

Busfahren sei für manche Mitarbeiter in der Busbranche auch eine Abwechslung zum Büroberuf: „Man sitzt dann zu Zeiten des Spitzenbedarfs wie im morgendlichen Berufsverkehr hinter dem Lenkrad – und macht ansonsten etwas anderes.“ Auch für die Unternehmen seien mehr Busfahrerinnen ein Vorteil: „Frauen sind regional verwurzelt, die ziehen nicht einfach weiter zum nächsten Arbeitgeber in einem anderen Bundesland.“

Zu wenige Fahrer

Fahrermangel
Die Busbranche hat ihre Prognose zum Fahrermangel bis 2030 auf Basis aktueller Unternehmensbefragungen deutlich nach oben korrigiert Inzwischen geht der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen (BDO) davon aus, dass in den nächsten sieben Jahren rund 87 000 Fahrerinnen und Fahrer fehlen werden. Bisher bezifferte die Branche den voraussichtlichen Mangel auf rund 76 000 Beschäftigte bis 2030. Aktuell fehlten den Unternehmen der Umfrage zufolge insgesamt fast 7800 Mitarbeiter.

Folgen
Viele der Unternehmen müssten deshalb bereits jetzt Aufträge ablehnen oder könnten sich an Ausschreibungen nicht beteiligen, sagt Patrick Orschulko, Referent für Recht und Touristik beim BDO. „Wir haben auf der einen Seite eine sehr hohe Zahl altersbedingter Abgänge“, betonte er. „Und wir müssen uns im Rahmen der Verkehrswende auf eine Verdoppelung der Fahrgäste einstellen.“ Der Verband fordert deshalb eine Vereinfachung und Entbürokratisierung der Ausbildung für Busfahrer. dpa

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