Fahrgastzahlen massiv eingebrochen Der Verkehrsverbund Stuttgart ächzt unter Corona

Durch die Coronapandemie hat der Verkehrsverbund Stuttgart viele Fahrgäste und allein 2020 rund 120 Millionen Euro an Einnahmen verloren. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Fahrgastzahlen sind massiv eingebrochen, dem VVS fehlen Millionen. Kommen die Pendler angesichts von Homeoffice überhaupt wieder zurück?

Stuttgart - Nach tristen Lockdown-Monaten füllen sich die Geschäfte und die Restaurants inzwischen wieder, in die Städte kehrt das Leben peu à peu zurück. In den Bussen und Bahnen zeigen sich aber nach wie vor deutliche Lücken. Wo Pendler oder Ausflügler früher dicht an dicht standen, wird auf freien Plätzen viel Luft transportiert. Das schlägt voll auf die Kassen des Verkehrsverbundes Stuttgart (VVS) und der Unternehmen durch.

 

Im Jahr 2020 fehlten dem VVS allein 120,7 Millionen Euro, fast 24 Prozent dessen, was der Verbund im Rekordjahr 2019 mit 394 Millionen Fahrgästen auf der Habenseite verbuchen konnte (511,4 Millionen Euro Einnahmen). Der Bund und das Land sprangen mit Rettungsschirmen ein; sie stützen auch in diesem Jahr den öffentlichen Nahverkehr. Die Fahrgeldverluste summierten sich von Januar bis Juni zum Beispiel allein bei der DB Regio (S-Bahn) auf 23,6 Millionen Euro.

Der Nahverkehr ist noch nicht über den Berg

Auch die Gebietskörperschaften und Städte sind gefordert. Den riesigen Verlust der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) im vorigen Jahr von 94,3 Millionen Euro fing die Landeshauptstadt mit 47,3 Millionen Euro zum Teil auf, der Rest kam über den Rettungsschirm. Im VVS gab es trotz Hilfen drei Insolvenzen von Busunternehmen. Über den Berg sieht man sich im Verbund noch nicht. „Wir gehen davon aus, dass der Verlust in diesem Jahr wegen des inzwischen niedrigeren Abo-Niveaus noch höher wird“, sagt Horst Stammler, einer von zwei VVS-Geschäftsführern. Zudem fehlten Frequenzbringer wie der Wasen, das Weindorf, Konzerte und Fußballspiele. Viele der treuesten Kunden – die klassischen Abos sind unbefristet, laufen also nicht wie Jahres-, Monats- oder Semestertickets automatisch aus – haben in den Lockdown-Monaten mit teils Kurzarbeit und Homeoffice ihren Bedarf neu berechnet.

Das hat Folgen. Im Jahr 2020 verlor der VVS rund 16 400 Abonnenten, in diesem Jahr waren es bis Juni bereits rund 18 700. Damit sei man „auf das Niveau von 2017 zurückgefallen“, so Stammler. Es gebe „mehr Kündigungen bei Pendlern als bei urbanen Nutzern“. Dabei war das Abo über die Jahre eine vom VVS aktiv geschriebene Erfolgsgeschichte. Die verbundweite Gültigkeit des Seniorenabos, der Anreiz beim Firmenabo (zehn Prozent Rabatt bei Arbeitgeberzuschuss), die Einführung des Azubi-Abos mit netzweiter Gültigkeit und zuletzt die Tarifreform, die rund 50 zu sieben Zonen zusammenfasste, pushten die Abo-Zahlen von 107 462 im Jahr 2012 auf 226 751 im Jahr 2019. Nun sind es 191 657.

Wann stellt sich das Vorkrisenniveau ein?

„Wir stehen 2022 vor einer großen Aufgabe. Wenn die Rettungsschirme auslaufen, müssen wir uns selbst helfen“, sagt Stammler. Die Rückkehr der Kunden nach der Coronapandemie kann sich hinziehen. Die Hoffnung auf weitere Hilfen vom Land gibt Stammler nicht auf. Schwarzmalen wie der altgediente Regionalrat Bernhard Maier (Freie Wähler) will er nicht. Es sei „unbekannt, ob wir die alten Fahrgastzahlen jemals wieder erreichen können“, hatte Maier am Mittwoch in der Sitzung des Verkehrsausschusses des Verbands Region Stuttgart geunkt. „84 Prozent unserer Kunden sind im Abo geblieben, denen danke ich herzlich“, hält Stammler dagegen. Inzwischen erreiche man fast 70 Prozent der ursprünglichen Ticketverkäufe, auf den digitalen Kanälen fast 90.

Die Frage ist, wann das Niveau vor der Coronapandemie wieder erreicht werden kann. „Wir hoffen alle, dass die Talsohle im Sommer durchschritten ist und es dann weiter aufwärts geht. Wir wollen die Busse und Bahnen bis Ende dieses Jahres wieder füllen“, so Stammler.

Aktionen zur Kundenwerbung

Dazu hat der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) seine im Herbst 2020 begonnene, wegen des Lockdowns aber zwangsweise abgebrochene Kampagne #besserweiter neu gestartet. Erste Maßnahme ist der Abo-Sommer. VVS-Dauerkunden (Abonnenten und Inhaber eines Jahres- und Studitickets) können vom 29. Juli bis 12. September den Nahverkehr im Land ohne Zuschlag nutzen (Konditionen auf vvs.de/abo-sommer). Vom 13. bis zum 26. September kann dann sogar das gesamte Bus- und Bahnangebot im Nahverkehr bundesweit genutzt werden. Am Wochenende 18./19. September ist die Fahrt in der VVS-Zone 1 (ganz Stuttgart) zur Stuttgarter Mobilitätswoche kostenlos. Die Stadt ersetzt dem VVS den Einnahmeverlust von 450 000 Euro. „Außerdem erhält bei uns jeder Neueinsteiger bis Oktober einen Freimonat“, ergänzt Stammler. In den Adventswochen soll es weitere Aktionen zur Kundenwerbung geben.

Zuvor werden die Reisenden allerdings von der Sperrung des S-Bahn-Tunnels zwischen dem Hauptbahnhof und Vaihingen betroffen sein. Dort stehen dringende Sanierungsarbeiten an. Außerdem ist die Preiserhöhung von im Schnitt 2,5 Prozent im VVS zum 1. April 2022 beschlossene Sache. Sie könne weder die Einnahmeausfälle durch Corona noch die Teuerung zum Beispiel beim Kraftstoff ausgleichen, sagt der Geschäftsführer. Er hat weitere Verbesserungen im Blick. Das Bus- und Bahnangebot solle zum Klimaschutz weiter ausgebaut werden. In Planung seien zum Beispiel attraktivere Ticketangebote für Jugendliche.

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