Für manche Fahrräder gibt es teils große Rabatte. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst
Gute Zeiten für Fahrradkäufer: Wegen voller Lager sind viele Räder mit Preisnachlässen zu haben. Einblicke wie der Markt tickt, gibt der Chef des Stuttgarter Teile-Großhändlers Paul Lange, einem führenden Unternehmen der europäischen Fahrradbranche.
Von Krisenstimmung will Bernhard Lange nicht reden, auch wenn die Fahrradbranche mit gemischten Gefühlen in die Frühjahrssaison startet. Der Gründersohn und geschäftsführende Gesellschafter des Stuttgarter Teile-Großhändlers Paul Lange ist nicht nur begeisterter Radler, sondern auch zuversichtlich für die Branche.
Lange hat Einblick, denn als Großhändler beliefert das Familienunternehmen sowohl Fahrradhändler als auch Hersteller – nicht nur in Deutschland, auch in mehreren europäischen Ländern. Egal ob Antrieb oder Fahrradschlauch, in nahezu jedem Fahrrad steckt ein Teil, das durch die Hände der Stuttgarter Firma ging, die unterschiedlichste Marken führt und bereits seit 1967 Generalvertreter des japanischen Komponentenherstellers Shimano für Deutschland ist. Allein in Stuttgart beschäftigt Lange 400 Mitarbeiter, inklusive der Niederlassungen – Schweiz, Österreich, Frankreich, Ungarn, Tschechien, Slowakei und Ukraine – sind es knapp 760 Beschäftigte.
Familienunternehmer Bernhard Lange: Der Großhändler war erster Shimano-Agent in Deutschland. Foto: Paul Lange
Die Bugwelle, die noch eine Folge des Coronabooms ist, dürfte bis Ende des Jahres 2025 abgearbeitet sein, „so dass wir 2026 wieder ein normales Fahrradjahr bekommen werden“, sagt Lange angesichts der Konjunkturdelle in der Fahrradbranche. Radeln liegt zwar im Trend, aber nach dem Coronaboom ist noch immer keine Normalität eingekehrt. „Neue Räder verkaufen sich etwas schleppend“, sagt Lange, der auch Präsidiumsmitglied im Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) ist.
Laut ZIV-Geschäftsführer Burkhard Stork werden „die Verkäufe 2024 knapp unter denen von 2023 liegen“. Damals waren Absatz und Umsatz schon rückläufig. 2023 wurden in Deutschland 2,1 Millionen E-Bikes und 1,9 Millionen klassische Fahrräder verkauft, wobei der Umsatz bei gut sieben Milliarden Euro lag. Zahlen für 2024 legt der Verband Mitte März vor.
Im Auf und Ab der Branche scheint das Tal nun durchschritten zu sein. Man erinnert sich: In der Pandemie hatten viele das Radfahren wieder für sich entdeckt. Wegen der damals stark gestiegenen Nachfrage und des Teilemangels aufgrund der unterbrochenen Lieferketten mussten die Kunden oft lange auf ihr neues Fahrrad warten. Die Händler stockten ihre Bestellungen auf, und die Hersteller konnten gar nicht genug Räder produzieren. Doch dann schwächte sich der Markt ab – die Folge: volle Lager, Preisdruck und Rabattschlachten. Teils gab es auch Insolvenzen. Die sieht Lange aber nicht als symptomatisch für die Branche. Es habe vor allem jüngere Firmen getroffen oder Unternehmen, die sich bei der Expansion übernommen hätten.
Rennräder und Gravelbikes besonders gefragt
Fahrradkäufer könnten derzeit von Angeboten profitieren, die sie sonst nicht bekämen, sagt Lange und spricht von einem„Käufermarkt“. Dazu gehören beispielsweise auch Räder, die mal für 2022 geplant waren, aber erst 2023 gebaut wurden und nun vergleichsweise günstig zu haben sind. Gut läuft es in der Branche vor allem im Geschäft mit E-Bikes, Rennrädern und Gravelbikes – das sind geländegängige Fahrräder, wobei das englische Wort Gravel soviel wie Schotter oder Kies bedeutet.
Auch wenn der Fahrradhandel noch mit dem Abbau der Lager zu kämpfen habe, das Ersatzteilgeschäft laufe gut, sagt Lange mit Blick auf die Branche. „30 bis 35 Millionen Fahrräder werden hierzulande regelmäßig genutzt, die haben Lenker, Reifen, Sattel, Pedale, Zahnkränze“, beginnt der Experte die Aufzählung. Dieser Nachrüstbedarf stelle bei weitem das größte Geschäft im Handel dar. Dazu zählt auch die Wartung von E-Bikes. Weil die etwa 25 Prozent mehr Nutzungsstunden haben als ein normales Fahrrad, sei auch der Verbrauch an Teilen höher.
Lange, der eigentlich Pilot werden wollte, dann aber doch ins Familienunternehmen einstieg, gilt als Vorkämpfer für den Mobilitätswandel und engagiert sich regional und bundesweit für die Förderung des Radverkehrs. Sein Herz schlägt nicht nur für die Radbranche, sondern auch für Japan, was mit den engen Beziehungen seiner Familie zur Familie Shimano zusammenhängt. Schon Anfang 20 war er zur Ausbildung in Japan, umgekehrt gab es auch Gegenbesuche aus Japan. Dass auch die dritte Generation ins Familienunternehmen einsteigt, freut den 65-Jährigen besonders – einer seiner Söhne und zwei Söhne seiner Schwester sind im Unternehmen aktiv.
Shimano-Importeur und Schlüsselspieler der Fahrradbranche
Geschichte 1949 beginnen Paul und Fernanda Lange in Stuttgart mit dem Vertrieb von Zahnkränzen, Bereifung und weiteren Fahrradteilen. 1967 wird die Paul Lange & Co. OHG zum Generalvertreter des japanischen Komponentenherstellers Shimano in Deutschland und ist damit für den Nachschub von Fahrradteilen und für den Service ein Schlüsselspieler.
Generationswechsel Nach dem frühen Tod des Vaters übernimmt Bernhard Lange das Unternehmen und leitet es gemeinsam mit seiner Schwester Barbara Schattmaier. Neben der Generalvertretung von Shimano in sieben europäischen Ländern vertreibt Paul Lange weitere renommierte Marken aus Europa, den USA und Asien – von Fahrradteilen und -zubehör über Elektronik bis zu Bekleidung.