Fahrradbranche Im Trend: der SUV unter den E-Bikes
Seit Beginn der Coronapandemie hat die Nachfrage nach Fahrrädern stark angezogen. Vor allem E-Bikes liegen im Trend, die inzwischen oft auch geländetauglich ausgerüstet sind.
Seit Beginn der Coronapandemie hat die Nachfrage nach Fahrrädern stark angezogen. Vor allem E-Bikes liegen im Trend, die inzwischen oft auch geländetauglich ausgerüstet sind.
Stuttgart - Ein solches Jahr hat die Fahrradbranche schon lange nicht mehr erlebt: Fünf Millionen neue Räder wurden 2020 in Deutschland verkauft, so viele wie zuletzt vor 20 Jahren. „Die Coronakrise hat einem bereits bestehenden Trend nochmals einen richtigen Kick gegeben“, sagt Hans Dohrmann, der als Geschäftsführer der Unternehmens Internetstores europaweit vier Online-Shops für Fahrräder verantwortet – darunter auch Fahrrad.de mit einer Niederlassung im Stuttgarter Stadtteil Hasenberg. Die hohe Nachfrage seit Beginn der Pandemie überrasche ihn nicht, betont der Manager: „Viele Menschen haben das Rad neu für sich entdeckt als infektionssicheres Fortbewegungsmittel und als Möglichkeit der sportlichen Betätigung im Lockdown.“
Stark angestiegen ist innerhalb der Branche insbesondere der Umsatz. Der lag dem Jahresbericht des Zweirad-Verbands zufolge im vergangenen Jahr deutschlandweit bei 6,4 Milliarden Euro – und damit 61 Prozent höher als noch 2019. „Das hat vor allem damit zu tun, dass E-Bikes immer beliebter werden“, sagt Verbandssprecher David Eisenberger. Mehr als jedes dritte verkaufte Rad verfügte im Vorjahr über einen elektrischen Antrieb, den sich die Kunden einiges kosten ließen: Der Durchschnittspreis für ein neues E-Bike betrug 2600 Euro, für ein Fahrrad hingegen 445 Euro.
Allerdings ist E-Bike nicht gleich E-Bike. Nahezu jede Modellgruppe gibt es mittlerweile in einer elektrifizierten Variante, wobei das Standardrad für den Straßenverkehr längst nicht mehr das gefragteste Produkt ist. „Viele wollen inzwischen mit dem E-Bike die Natur entdecken und auch mal den asphaltierten Bereich verlassen“, sagt Hans Dohrmann. Sehr beliebt seien die vielseitig einsetzbaren E-Trekkingräder, die sich für Asphalt und leichtes Gelände wie etwa Schotterwege gleichermaßen eignen. Aber auch reine Geländefahrer würden immer öfter zum E-Bike greifen. „Ein Mountainbike ist mit Elektromotor viel spannender“, sagt Dohrmann. Vor allem als Downhill-Fahrer könne man den mühsamen Weg nach oben schneller zurücklegen.
Im Gegensatz zu Trekkingrädern sind Mountainbikes in der Regel nicht für den Straßenverkehr zugelassen. Das ändert sich jedoch mehr und mehr: Auf dem Markt etabliert sich als Luxusvariante zunehmend das sogenannte SUV-E-Bike, dessen Name auf die Geländelimousinen aus der Autobranche Bezug nimmt. „Das ist bei uns derzeit einer der großen Trends“, sagt Stephan Bader, der Eigentümer des Fachgeschäfts Rad-Kraftwerk in Leinfelden-Echterdingen. SUV-E-Bikes verfügen einerseits wie ein normales Mountainbike über breite und profilierte Reifen sowie Federelemente, sind aber zugleich auch verkehrstauglich ausgerüstet – durch Beleuchtung, eine Klingel und oft auch einen Gepäckträger. Bereits ein Drittel aller verkauften E-Mountainbikes bei Rad-Kraftwerk zählen laut Bader zur SUV-Kategorie.
Auf der anderen Seite des Spektrums sind E-Lastenräder im Kommen, von denen im Jahr 2020 deutschlandweit 78 000 Stück einen neuen Besitzer fanden. „Das ist ein sehr interessantes Thema, bei dem wir für die Zukunft noch viel Potenzial sehen“, sagt Dohrmann. Diese Räder würden nicht nur von Privatpersonen genutzt, sondern zunehmend auch im Berufsalltag eingesetzt – zum Beispiel durch Lieferdienste oder Apotheken.
Ein Nischendasein fristet dagegen noch das Speed-Pedelec, bei dem die elektrische Unterstützung nicht wie bei normalen E-Bikes ab Tempo 25 abgeriegelt wird – sondern erst bei 45 Kilometern pro Stunde. Das Fahrzeug muss deshalb versichert werden, zudem besteht Helmpflicht. „Der Markt für Speed-Pedelecs ist bisher so klein, dass wir sie in den Jahresstatistiken nicht als eigene Kategorie ausweisen“, sagt Eisenberger, der den Anteil innerhalb des E-Bikes-Markts auf ein Prozent schätzt. Die Zurückhaltung kann Hans Dohrmann nicht ganz nachvollziehen: „Die Anmeldung des Fahrzeugs ist wirklich nicht kompliziert. Und vor allem für Pendler ist das ein reizvolles Produkt.“ In der Schweiz seien Speed-Pedelecs zum Beispiel schon sehr gefragt. Künftig rechne er auch in Deutschland mit einem wachsenden Interesse.
Unabhängig von der jeweiligen Modellgruppe werde langfristig jedes zweite verkaufte Rad einen Elektromotor haben, prognostiziert David Eisenberger. Ob die Verkaufszahlen aber weiter so stark steigen wie zuletzt, sei ungewiss: „2020 war schon ein besonderes Jahr. Es wird nicht einfach, die Marke von fünf Millionen verkauften Rädern dauerhaft zu knacken.“ Er gehe allerdings von einer stabilen und nachhaltigen Entwicklung in Richtung Fahrrad aus.
Dass Räder künftig überwiegend im Internet gekauft werden, glaubt Eisenberger indessen nicht. „Ein Fahrrad ist ein erklärungsbedürftiges Produkt, bei dem es mittlerweile viele Variationen gibt. Das möchte man auch ausprobieren.“ Ein Blick auf die Vertriebswege bestätigt das: Seit Jahren liegt der Anteil der im stationären Fachhandel gekauften Räder konstant bei rund zwei Dritteln, während der Online-Handel zuletzt vor allem von Baumärkten und Discountern Marktanteile übernommen hat. „Es ist eine Herausforderung, den Fachhandel digital abzubilden“, bestätigt auch Hans Dohrmann, der deshalb für Fahrrad.de neben fünf hauseigenen Fachgeschäften auch ein ganzes Netz an lokalen Servicepartnern aufgebaut hat. Diese nehmen die Lieferung entgegen, bauen das Rad auf und reparieren es bei Bedarf.
Auch Stephan Bader bietet in Leinfelden-Echterdingen solche Dienstleistungen in Kooperation mit Online-Händlern an. „Wer den Fokus nur auf den Verkauf legt, bewegt sich in einem sehr umkämpften Markt. Da spüren lokale Händler immer stärker den Druck der großen Ketten“, sagt er mit Blick auf überregionale Fachhändler wie das Zweirad-Center Stadler, das mit 20 Filialen in Deutschland vertreten ist – unter anderem auch in Filderstadt. Die Wartung eines Fahrrads werde indessen weiterhin vor Ort gefragt bleiben, vermutet Bader: „Das ist für uns ein wichtiges Standbein.“
Verkaufszahlen In Deutschland wurden im Jahr 2020 rund 17 Prozent mehr Fahrräder und E-Bikes verkauft als noch 2019. Der reine E-Bike-Markt legte sogar um 43 Prozent zu von 1,4 auf 2,0 Millionen verkaufte Exemplare.
Gesamtbestand Laut Deutschem Zweirad-Verband liegt der Bestand an E-Bikes inzwischen bei 7,1 Millionen Stück – vor zehn Jahren waren es noch 900 000. Im Durchschnitt werden mit einem Elektrofahrrad zwischen 1500 und 2000 Kilometer im Jahr zurückgelegt.