Fahrschulen in Baden-Württemberg Schalten lernen will kaum einer mehr

In der Fahrschule sind mittlerweile Wagen mit Automatikgetriebe in der Mehrzahl. Foto: dpa/Felix Kästle

Der fahrerische Nachwuchs wird kaum noch auf Fahrzeugen mit manueller Schaltung ausgebildet. Mit zwei Änderungen hat der Gesetzgeber daran einen hohen Anteil.

Die Fahrschulen im Südwesten haben schon umgeschaltet. Nach Einschätzung von Jochen Klima, dem Vorsitzendenden des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg, schulen die Unternehmen inzwischen überwiegend bereits auf Fahrzeugen mit Automatikgetriebe.

 

Damit folgen sie dem allgemeinen Trend zum Automatikgetriebe, den die Hersteller eingeschlagen haben. Wie von uns berichtet, stellt Mercedes im kommenden Jahr die Produktion von Fahrzeugen mit manuell schaltbaren Getrieben ganz ein. BMW bietet nur noch den 1er und 2er sowie den Roadster mit Handschalter an. Auch der VW Golf, über Jahrzehnte der klassische Fahrschulwagen, wird nur noch in ausgewählten Modellen mit manuellem Getriebe angeboten.

Autos mit Automatikgetriebe in der Mehrzahl

Jochen Klima erklärt: „Früher hatte eine Fahrschule von durchschnittlicher Größe sieben Fahrzeuge, fünf Stück davon waren mit Handschalter ausgerüstet, zwei hatten Automatikgetriebe.“ Inzwischen habe sich das Verhältnis gedreht: „Die Standardschule hat fünf Fahrzeuge mit Automatikgetriebe und zwei mit Handschalter.“

Klima macht die Prognose: „Das Schalten ist eine aussterbende Handwerkskunst.“ In zehn Jahren werde es, so seine Einschätzung, gar keine Fahrschulen mehr geben, die den Unterricht mit einem Auto mit Handschalter anbieten. Vor allem in den Großstädten gebe es seitens der Schüler mittlerweile fast nur noch den Bedarf an Unterricht mit einem Fahrzeug mit Automatikgetriebe.

Womöglich hänge dies auch mit geänderten Gewohnheiten zusammen. „Vielleicht fehlt manch einem der Jungen auch der Zugang, weil sie bei Fahrten im Familienauto den Blick weniger auf die Fahrkünste der Eltern richten als auf ihren Bildschirm im Fond“, meint der Vorsitzende des Fahrlehrerverbands augenzwinkernd. Zum Trend gegen den Handschalter habe aber auch der Gesetzgeber beigetragen. Anfang 2021 habe der Bundesgesetzgeber die Prüfungsordnung im Zusammenhang mit Automatikautos geändert. Bis dahin galt die Regel: Wer die Prüfung in einem Automatikauto ablegt, darf keinen Schaltwagen fahren.

Prüfungsordnung geändert

Diese Regelung gilt seit Anfang 2021 nicht mehr. Nun gilt die Fahrerlaubnis bei bestandener Prüfung in einem Automatikwagen unter einer Voraussetzung auch für Fahrzeuge mit Handschalter: Der Fahrlehrer muss bescheinigen, dass der Schüler im praktischen Unterricht zehn Fahrstunden das Kuppeln und Schalten erlernt hat. Klima ist überzeugt, dass der Gesetzgeber mit dieser Erleichterung batterieelektrischen Fahrzeugen, die grundsätzlich automatisch geschaltet werden, ganz bewusst den Weg in die Fahrschulen bahnen wollte: „Ich vermute dahinter den politischen Willen, die jungen Leute früh an die Technik von E-Autos heranzuführen.“

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Auch Kosten spielten eine Rolle: Wegen des staatlichen Zuschusses und der Herstellerprämie von insgesamt bis zu 9000 Euro bei der Anschaffung von batterieelektrischen Fahrzeugen seien viele Fahrschulen auf E-Autos umgestiegen. Angesichts der stark gestiegenen Preise für Diesel und Benzin seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges seien E-Autos noch attraktiver geworden.

Anfang Juni tritt nun eine weitere Änderung der Prüfungsordnung in Kraft, die dem Automatikantrieb in den Fahrschulen den nächsten Schub geben dürfte: Ab Juni kann der Prüfer den Prüfling zur Nutzung von Fahrassistenzsystemen auffordern. Das heißt: Der Fahrschüler muss dann etwa wissen, wie der Stauassistent, der auf der Autobahn den Mindestabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug regelt, ein- und auszuschalten ist. Der Prüfer kann auch verlangen, dass der Schüler die selbstlenkende Einparkhilfe benutzt.

Fahrassistenzsysteme geben Automatik Schub

Die Fahrassistenzsysteme, die am fortgeschrittensten sind, funktionieren aber nur in der Kombination mit automatischen Antrieben. Der Bremsassistent etwa, der ein Hindernis erkennt und eine Notbremsung einleitet, müsste beispielsweise bei einem Auto mit Handschalter auch noch sicherstellen, dass die Kupplung getreten wird.

Klima erklärt: „Die geänderten Regeln zu den Fahrassistenzsystemen in der Führerscheinprüfung werden dazu führen, dass seitens der Schüler die Nachfrage nach der Unterweisung an diesen Systemen steigt.“ Er gehe davon aus, dass in der Folge noch mehr Fahrschulen modernste Automatikwagen anschaffen. Nur sie sind dafür ausgelegt.

Automatik in der Fahrprüfung

Schaltbeschränkung
Anfang 2021 ist die sogenannte Schaltbeschränkung gefallen. Seitdem darf nach bestandener Fahrprüfung in einem Automatikwagen auch ein Fahrzeug mit Handschalter gefahren werden. Einzige Voraussetzung: Der Fahrlehrer bescheinigt, dass zehn Fahrstunden auch das Kuppeln und Schalten geübt wurde.

Automatisiertes Fahren
Von Juni an kann bei der Fahrprüfung auch der Einsatz von Fahrassistenzsystemen verlangt werden. Die Gesetzesänderung dürfte  den Trend zum Automatikgetriebe in der Fahrschule stärken: Die Systeme sind häufig an Automatikgetriebe gekoppelt.

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