Ganz sanft erklimmt die neue Zahnradbahn dank Luftfederung die Alte Weinsteige. Und auch sonst haben die neuen Triebwagen einiges, was die Fahrt zwischen Marienplatz und Degerloch noch angenehmer macht.

Lokales: Tom Hörner (hör)

Eine echte Jungfernfahrt war’s wohl nicht. Wobei man sich natürlich sofort fragt, ob der Begriff Jungfernfahrt nicht schon längst weggegendert wurde.

Seit rund neun Monaten befindet sich der neue Triebwagen der Zahnradbahn mit der Nummer 1102 bereits in Stuttgart – und wurde in der Zeit bei oft nächtlichen Testfahren auf Herz und Nieren geprüft und entsprechend modifiziert. Aber es war das erste Mal, dass am Donnerstagnachmittag ein größerer Pressetross mitfahren durfte.

Immerhin gab es was zu feiern. Michael Rosenberger vom Regierungspräsidium Stuttgart hat Thomas Moser, dem Technischen Vorstand der SSB, vor laufenden Kameras einen Umschlag überreicht, der es in sich hat: die Abnahmebescheinigung für die sogenannte Typenzulassung. „Ich freue mich“, sagt Rosenberger, „dass die SSB mit diesen schönen Fahrzeugen die Zahnradbahn fit macht für die nächsten Jahrzehnte.“ Mit dem Schrieb von der Aufsichtsbehörde kann die Stuttgarter Straßenbahnen AG nun die nächsten Schritte einleiten, um die neuen drei Triebwagen auf die Spur zu bringen. Erst sollen die 30 Fahrerinnen und Fahrer geschult werden. Der reguläre Fahrbetrieb wird voraussichtlich im Oktober aufgenommen.

Dann wird es bei einem Fest auch was zum Anstoßen geben. Doch auch bei der Pressefahrt war immerhin eine Kiste Sprudel an Bord, ein netter Service, den es im Regelbetrieb nicht geben wird. Überhaupt fühlt man sich schnell heimisch in dem Wagen, was auch an den blauen Polstern liegt, die man aus den Stadtbahnwagen kennt. Ganz sanft fährt der Triebwagen aus dem Bahnhof in der Filderstraße heraus, muss eine von oben kommende alte Zacke durchlassen – dann geht es los, ohne das gewohnte Ruckeln der Oldtimer. Da komme die neue Luftfederung zum Tragen, meint SSB-Projektleiter Detlev Martin, 46, einer jener Männer, der der Bahn bei unzähligen Probeläufen, vereinfacht gesprochen, die Kinderkrankheiten abgewöhnt hat. Die drei von der Schweizer Firma Stadler Rail gebauten Triebwagen sind Unikate. Speziell für die Strecke zwischen Marienplatz und Albplatz in Degerloch konstruiert.

Ebenerdig einsteigen mit dem Kinderwagen

Es ist angenehm kühl an diesem drückenden Nachmittag im Wageninnern, was an der Klimaanlage liegt. Bei den Vorläufermodellen, die nach 40 Jahren ausrangiert werden, kam nur der Fahrer in den Genuss einer Kühlung. Eine weitere Errungenschaft wird sich an der ersten Haltestelle zeigen: Der Mittelteil ist ein sogenannter Unterflurbereich, was das barrierefreie Einsteigen mit Kinderwagen und Rollstühlen erlaubt. Da dieser Teil an Höhe gewonnen hat, sind auch die Scheiben deutlich größer, was den Blick auf den Kessel noch weiter erscheinen lässt. Deutlich zugelegt hat der Vorstellwagen, sowohl an Gewicht als auch an Zuladung: Dort finden inzwischen 20 Fahrräder Platz. Selbst ein sperriges Lastenrad kann auf der bis zu 17,8 Prozent steilen Strecke zum Albplatz in Degerloch mitgenommen werden.

Als Erstes wird der Oldtimer, der auf den schönen Namen Helene hört, ausgemustert und ins Straßenbahnmuseum nach Bad Cannstatt transportiert. Und irgendwann wird dann auch der Triebwagen 1102 einen richtigen Namen bekommen.