Faire Mode in Stuttgart Warum ein Laden nachts offen hat

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Philipp Scheffbuch hat in seinem Laden „Schlechtmensch“ ein Experiment gestartet: Er hat von acht bis zwölf Uhr und von 20 bis 24 Uhr geöffnet. Die besonderen Zeiten kommen wohl bei seinen Kunden gut an. Folgen andere Händler dem Beispiel?

Philipp Scheffbuch verkauft am Neckartor ökofaire Mode. Foto: /Lichtgut/Achim Zweygarth
Philipp Scheffbuch verkauft am Neckartor ökofaire Mode. Foto: /Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Als kleiner Einzelhändler hat man es heutzutage schwer, die Konkurrenz durch den Online-Handel und durch Großkonzerne ist immens. Das ist gewiss nichts Neues. Trotzdem wagen einige immer noch den Schritt in die Selbstständigkeit. Um zu überleben, braucht es aber kreative Strategien – oder viel Flexibilität. Der ehemalige Journalist Philipp Scheffbuch hat im Januar 2016 am Stuttgarter Neckartor sein Geschäft für ökofaire Mode eröffnet. Seinem Laden gab er gleich einen provokanten Namen: Schlechtmensch. Sein Sortiment richtet sich aber wohl eher an die als Gutmenschen verschrienen Zeitgenossen, also Menschen, denen es wichtig ist, ob ihr Kleidung ökologisch und sozial möglichst nachhaltig produziert worden ist.

Jeanskauf mit Bier und Limo

Doch der provokante Name allein reichte nicht. Seit einem Jahr setzt Scheffbuch nun noch auf eine neue Strategie, nämlich auf unkonventionelle Öffnungszeiten. Geöffnet ist morgens von acht bis zwölf Uhr und am Abend von 20 bis 24 Uhr. Eine Ausnahme sei er damit, sagt Scheffbuch. „Ich führe den einzigen Laden in Deutschland, in dem man bis Mitternacht fair produzierte Jeans einkaufen kann“, betont er stolz. Er hat das auch extra via Google überprüft. Die Idee mit den ungewöhnlichen Öffnungszeiten kam ihm durch seine Kunden: „Viele haben mich danach gefragt.“ Auch passe das ganz gut zu seinem Konzept: „Bier und Jeans“, sagt Scheffbuch. Wenn die Kunden abends einkauften, könnten sie nebenher noch bei ihm ein Bio-Bier oder eine Limo trinken. „Das wird gut angenommen. Die Kunden stehen auf Personal Shopping“, sagt der Einzelhändler. Quantität sei für ihn da gar nicht so sehr das Thema. „Es läuft in beiden Zeitfenstern sehr gut.“

Ladenöffnungszeiten sind Ländersache: In Baden-Württemberg gibt es schon seit 2007 keine gesetzlich vorgeschriebenen Ladenschlusszeiten mehr. Von Montag bis Samstag können Läden also theoretisch rund um die Uhr geöffnet haben. Die Liberalisierung dieses Gesetzes war umstritten gewesen und wurde vor allem von Seiten der Gewerkschaften stark kritisiert. Nur in Bayern herrschen immer noch strenge Gesetze, die strengsten in Deutschland um genau zu sein. Als einziges Bundesland richtet es sich nach dem „Gesetz über den Ladenschluss“ des Bundes. Das sieht vor, dass Verkaufsstellen montags bis samstags um 20 Uhr schließen müssen und nicht vor sechs Uhr aufmachen dürfen. Dabei gibt es immer wieder Bestrebungen das Gesetz zu kippen. Die Befürworter des aktuellen Gesetzes argumentieren jedoch unter anderem, längere Öffnungszeiten würden höhere Kosten verursachen, was kleinere Geschäfte in den Ruin treiben könne.

Chance für Kleinunternehmer?

Das sieht Scheffbuch gar nicht so. Im Gegenteil, er hat eher das Gefühl, für kleinere Unternehmen lohnt sich das mehr als für große Einkaufsketten: „Das rechnet sich wohl eher für inhabergeführte Läden.“ Tatsächlich gibt es aber auch in Stuttgart bisher kaum kleine Geschäfte, die nach 20 Uhr noch geöffnet haben – was ganz oft aber private Gründe hat.

Auch die Geschäftsführerin vom Handelsverband Baden-Württemberg, Sabine Hagmann, sieht in flexiblen Öffnungszeiten Vorteile: „Das sind schon Chancen für Kleinunternehmer“, sagt sie. Wer sich selbst in seinen Laden stellen könne, der habe ja keine Personalkosten. „Das kann sich ein großer Tanker wie Breuninger gar nicht leisten“, sagt sie. Denn große Läden bräuchten natürlich auch Fachkräfte, die sie in der Zeit einstellen. „Dem kommt der Fachkräftemangel ja entgegen.“

Die große Aufgabe jedes Händlers sei, sich zu fragen, was wünscht sich die eigene Zielgruppe und was davon kann ich erfüllen, was kann ich mir auch leisten? „Es gibt ja nicht den Konsumenten, deshalb gibt es auch nicht die Lösung“, sagt Hagmann. „Es wird in Zukunft viele neue Konzepte geben. Und das eine funktioniert vielleicht in A, in B aber nicht.“

Emmas Enkel ist ein weiteres Beispiel

Besonders aber in der Lebensmittelbranche sei Flexibilität gewünscht. Immer mehr im Kommen sind deshalb Frischeautomaten, an denen Kunden zu jeder Zeit Eier, Milch, Käse oder Wurst bekommen. In Stuttgart ist mit so einem Modell vor zwei Jahren das Kessellädle gestartet. Inzwischen hat sich das Start-up mit der Supermarktkette Real zusammengetan und vor Kurzem den autonomen Supermarkt Emmas Enkel eröffnet.

An sieben Tage die Woche erhalten die Kunden dort zu jeder Tages- und Nachtzeit Obst, Gemüse und Backwaren von regionalen Händlern; alle anderen Produkte, die man so für den täglichen Bedarf benötigt, können sie sich an einem Automat ordern und mitnehmen. Emmas Enkel ist ein Experiment, das es so noch nicht in Deutschland gibt. Wollen Menschen überhaupt um Mitternacht noch Eier oder Milch kaufen?

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