Fairtrade im Strohgäu „Wenn viele mitziehen, kann viel bewegt werden“

Weltläden sind häufig Zentrum des fairen Handels. Foto: Simon Granville

Ohne sie geht es nicht: Menschen, die den Gedanken der Nachhaltigkeit leben und ihn in der Gesellschaft vorantreiben. Zwei Beispiele aus Ditzingen und Korntal-Münchingen.

Schokolade, Kaffee, Bekleidung. Und Nachbarschaftspflege. Fairtrade ist für Irmgard Funk-Vu mehr als das Sortiment eines Weltladens. Denn lässt sich verantwortliches Handeln, die soziale Komponente in Bezug auf den globalen Süden, trennen von einem verantwortlichen Handeln in der eigenen Nachbarschaft? Funk-Vu arbeitet im Ditzinger Weltladen. Sie regt an, den Fairtrade-Gedanken weiter zu fassen, die soziale Verantwortung auch im Alltag nicht außen vor zu lassen. Warum also beispielsweise nicht schon jetzt über Treffpunkte und Begegnungsorte im großen Neubaugebiet nachdenken, das derzeit am Ortsrand entsteht?

 

Tochter bringt Mutter zum Thema

Ditzingen ist nächstes Jahr zehn Jahre Fairtrade-Stadt. Das sind zehn Jahre Einsatz für den fairen Handel auf kommunaler Ebene. Noch diese Woche lädt die Steuerungsgruppe – sie koordiniert die Fairtrade-Aktionen in einer Kommune – zu einem Netzwerktreffen ein. Bundesweit gibt es 909 Fairtrade-Towns. Zu ihnen zählt auch Korntal-Münchingen, wo die nächste Veranstaltung ein Kochkurs ist. Hier wie dort braucht es die Menschen, die den Gedanken der Nachhaltigkeit leben, ihn in der Gesellschaft vorantreiben. In Korntal-Münchingen ist das maßgeblich Isolde Onken.

Die 59-Jährige arbeitet im Weltladen in Korntal. Seit fast einem Vierteljahrhundert. Sie ist dank ihrer Tochter in den fairen Handel „reingestolpert“, erzählt sie und lacht. Damals, als der Weltladen Helfer suchte – worauf die Tochter sie aufmerksam gemacht hatte – sei sie „naiv unterwegs“ gewesen. Sie habe keinen Gedanken daran verschwendet, warum zahlreiche Produkte eigentlich so billig sind. Seitdem achte sie darauf, dass das, was sie kauft, unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt wurde. „Wo ich beeinflussen kann, tue ich das“, sagt Isolde Onken. Sie radele, „und wenn es nur zwei Kilometer sind“. 2018, als Korntal-Münchingen Fairtrade-Town wurde, übernahm sie den Vorsitz in der Steuerungsgruppe mit einem Kern von acht Mitstreitern.

Isolde Onken treibt in Korntal-Münchingen den fairen Handel voran. Foto: privat

Mit Veranstaltungen und Aktionen wollen sie „immer neue Leute anstupsen, ohne den Zeigefinger zu heben“. Im Kochkurs mit der Volkshochschule und dem Eventkoch Craig Taylor kommen nur faire Lebensmittel zum Einsatz. Wobei die nicht zwangsweise aus dem globalen Süden sind: So werden Hofläden miteinbezogen. Faire Produkte sind auch lokal, regional und saisonal, sagt Isolde Onken. Milch zum Beispiel. Spargel, Spinat, Erdbeeren.

Große Nachfrage nach Praktika

Weltläden sind für Kommunen oft von zentraler Bedeutung: „Der Weltladen ist das Zentrum des fairen Handels in Ditzingen“, sagt Funk-Vu, die der Steuerungsgruppe angehört. Sie würde sich freuen, wenn das Ladengeschäft in der Ortsmitte stärker in den Blick der Bürger rückt. Aber sie sagt auch: „Ich bin hoffnungsvoll, dass das Bewusstsein für diese Themen wächst.“ Die ehemalige Lehrerin ist unter anderem für die Praktikanten im Weltladen verantwortlich. Die Nachfrage nach Plätzen sei groß: „Wir können häufig gar nicht alle nehmen.“

Das Interesse unter Schülern ist enorm, die Mitarbeiter im Laden gehören eher der älteren Generation an – die mittleren Jahrgänge sind rar: Es kostet Arbeit und Mühe, will man den Gedanken der Nachhaltigkeit verbreiten, weitere Mitstreiter gewinnen, ganz gleich in welcher Stadt. Die Beteiligten spornt das eher an. Die Leiterin der Korntal-Münchinger VHS, Cornelie Class-Hähnel, stellt fest: „Viele tun sich mit fairen Produkten etwas schwer. Manche erinnern sich noch an bitteren Kaffee, finden die Preise überteuert und so weiter. Aber das Image trifft die Sache nicht mehr.“ Der Kochkurs solle zeigen, „dass ein qualitativ hochwertiges und bezahlbares Menü aus diesen Produkten gekocht werden kann“.

Ringen um mehr Sichtbarkeit

Isolde Onken setzt auf mehr Sichtbarkeit auch mit Schildern am Ortseingang, die darauf hinweisen, dass Korntal-Münchingen den fairen Handel unterstützt. Ditzingen hat derlei Tafeln bereits aufgestellt. „Wir probieren viel“, sagt die 59-Jährige. Und auch, es sei wichtig, schon Kindern Nachhaltigkeit zu vermitteln. „Da bleibt was hängen.“

Um Sichtbarkeit ging es auch bei einem Netzwerktreffen vor wenigen Wochen in Ditzingen. Dabei wurde den aktiven Ehrenamtlichen vor Augen geführt, bereits entstanden ist: unter anderem das Repair-Café in Hirschlanden, der Nachhaltigkeitsladen in Heimerdingen, das Dinge-Depot in Schöckingen, Carsharing-Angebote, Lebensmittelretter-Initiativen oder eine E-Rikscha

Simone Rathfelder will in Ditzingen die Gruppen stärker vernetzen. Foto: privat

Gerlinde Wolf, sie ist wie Funk-Vu im Ditzinger Weltladen tätig und in der Steuerungsgruppe aktiv, sagt über das Netzwerktreffen: „Ich finde es sehr gut, dass alle Engagierten zusammengerufen wurden.“ Simone Rathfelder hatte das Treffen initiiert. „In Ditzingen wächst ein Netzwerk, das zeigt: Wenn viele mitziehen, kann viel bewegt werden“, sagt die Leiterin der Steuerungsgruppe. Sie wollte die Vernetzung der Gruppen mit dem Treffen weiter stärken und eine Plattform bieten für die Umsetzung neuer Ideen und Angebote. „Vernetzung ist der Schlüssel – im Klimaschutz wie im fairen Handel.“ Die großen Herausforderungen unserer Zeit ließen sich nicht im Alleingang lösen, aber gemeinsam könne Großes bewegt werden. Der Austausch stärke Gemeinschaft und Motivation – und das gute Gefühl, nicht allein zu sein.

Wer sich engagieren will

Netzwerktreffen in Ditzingen
Am Donnerstag, 8. Mai, 18 Uhr, findet das nächste Netzwerktreffen im Raum Mittelpunkt (bei der Stadtbibliothek Ditzingen) statt. Dann sollen aus guten Ideen konkrete Projekte entstehen.

Kochen in Korntal
Der Kochkurs am 21. Mai in der Küche der Teichwiesenschule in Korntal beginnt um 18 Uhr. Craig Taylor hat sich Frühlingsgerichte überlegt, die gemeinsam gekocht werden sollen.

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