Wenn es neben Potemkin’schen Dörfern auch Potemkin’sche Länder gibt, bei denen Betrachtern etwas vorgespielt wird, wäre Eritrea ein Musterbeispiel dafür. Touristisch gesehen ist der knapp vier Millionen Einwohner zählende Staat ein Juwel am Horn des afrikanischen Kontinents: mit imposanten arabischen Gebäuden in der Hafenstadt Massawa, deren hölzerne Balkone jedoch altersschwach im Wind wackeln. Dann der über zweitausend Höhenmeter bewältigende Steilaufstieg ins eritreische Hochland, in den die italienischen Kolonialherren eine Eisenbahnlinie ziehen ließen, die zu den aberwitzigsten Ingenieurleistungen der Welt zählt – und von den Eritreern nach dem 30-jährigen Bürgerkrieg restauriert wurde. Und schließlich die Hauptstadt Asmara: ein Juwel im Jugendstil, in dem die Zeit stehen geblieben scheint – man sieht Kinos, Cafés und futuristischen Tankstellen aus den 1930er Jahren, die man eher in Filmen als in Afrika erwartet hätte.
Militärischer Drill in der Schule
Dass sich hinter dieser Kulisse die gnadenloseste Diktatur des Kontinents befindet, können sich Besucher schwer vorstellen: Zumal kein Eritreer freiwillig über die Zustände in der Heimat spricht. Erst wenn Vertrauen gewonnen ist, erfährt man von den Abgründen des Staats, der in seiner 30-jährigen Geschichte noch keine einzige Wahl erlebt hat. Die abstruseste Idee des ersten und einzigen Präsidenten des Landes, Isaias Afwerki, ist die Einführung eines lebenslangen Wehrdienstes, dem keine und keiner entkommt.
Denn das letzte Jahr vor dem Abitur findet der Unterricht im Ausbildungslager Sawa statt, wo die Schüler außer akademischem Schliff auch militärischen Drill erhalten. Anschließend ist jeder erfasst und kann jederzeit eingezogen werden, falls das Land mal wieder Krieg führt, was in den 30 Jahren seiner Existenz zweimal passierte. Ein opferreicher Grenzkrieg mit dem einstigen Mutterland Äthiopien um die Jahrtausendwende sowie die Invasion in die äthiopische Tigray-Provinz vor knapp drei Jahren, mit der sich die eritreischen Soldaten auf brutalste Weise für den Grenzkrieg revanchierten. Die in Tigray zur Schau gestellten Grausamkeiten – Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen sowie Massaker an der Zivilbevölkerung – weisen darauf hin, dass Eritreas Soldaten in ihrer Militärzeit „brutalisiert“ werden – ein Verdacht, der von einzelnen Deserteuren bestätigt wird. Der lebenslange Militärdienst bedeutet aber nicht, dass die Eingezogenen den Rest ihres Lebens in Kasernen verbringen: Die meisten Wehrpflichtige werden als fast unbezahlte Straßenarbeiter eingesetzt, andere arbeiten ohne Lohn als Kfz-Mechaniker in Ministerien oder als unbezahlte Lehrer in staatlichen Schulen. Der lebenslange Militärdienst wird deshalb auch als Zwangsarbeit bezeichnet. Um den Lebensunterhalt zu finanzieren, müssen Wehrpflichtige Nebenerwerbstätigkeiten nachgehen.
Kein Wunder, dass unzählige junge Eritreer einem derartigen Schicksal zu entkommen suchen. Doch ohne Genehmigung darf keiner das Land verlassen. Wer es trotzdem tut, riskiert beim heimlichen Grenzübertritt in den Sudan oder nach Äthiopien sein Leben oder wird festgenommen und in eines der berüchtigten Gefängnisse gesteckt. Dort wird nach Angaben von Amnesty International auch gefoltert. Oft müssen Familien darunter leiden, dass sie Angehörige nicht von der Flucht abgehalten haben.
Internationale Isolierung
Privates Unternehmertum in größerem Stil gibt es in Eritrea nicht. Größere Firmen gehören entweder dem Staat, der einzigen Partei oder dem Militär: Alle drei Institutionen sind eng verbunden. An ihrer Spitze steht der 77-jährige Afwerki, der das 1991 von Äthiopien unabhängig gewordene Land als sein Eigentum betrachtet. Es gibt weder ein Parlament noch eine gültige Verfassung oder eine unabhängige Rechtsprechung, nicht einmal ein veröffentlichtes Staatsbudget. Afwerki hatte sich bereits als 20-Jähriger der Befreiungsbewegung Eritrean Liberation Front (ELF) angeschlossen, wurde in China militärisch ausgebildet und stieg 1971 in die Führungsriege der ELF auf. Sie kämpfte erst gegen Kaiser Haile Selassi, dann gegen den „roten Terror“ der Derg, die sich 1991 geschlagen geben mussten. In einem Referendum stimmte eine überwältigende Mehrheit der Eritreer zwei Jahre später für die Unabhängigkeit.
Der Hass, den die geflüchteten Eritreer auf das Regime zu Hause hegen, ist aus vielen Gründen verständlich: Es gibt unzählige Menschenrechtsverletzungen, die sich die Regierung in Asmara zuschulden kommen lässt; hinzu kommt die internationale Isolierung, die die Bevölkerung erleidet, und die Armut, der sie wegen des knallharten Kurses ihres Präsidenten ausgesetzt ist. Ohne die Überweisungen der im Exil lebenden Eritreer, die ein Drittel der Wirtschaftskraft ausmachen, würde der Staat zusammenbrechen. Eritrea ist das einzige afrikanische Land, in dem das Internet eine Kuriosität ist: Nur zwei Prozent der Bevölkerung haben Zugang.