Noch ganz nah an der Schale: Ein frisch geschlüpftes Wanderfalkenküken liegt halb verborgen unter dem schützenden Gefieder. Foto: Falcommunity
107 Meter über der Stadt beginnt ein kleines Wunder: Drei Küken sind geschlüpft – und eine Webcam zeigt jeden Moment. Doch ein Ei sorgt weiter für Spannung.
Es ist dieser Moment, in dem selbst Beton weich wird. 107 Meter über Fellbach (Rems-Murr-Kreis), im grauen Kies eines unscheinbaren Nistkastens, pulsiert das Leben. Drei winzige Wanderfalken liegen dicht gedrängt unter dem schützenden Körper ihrer Mutter. Weiß, flauschig, noch blind für die Welt – und doch schon jetzt Mittelpunkt einer digitalen Fangemeinde, die jeden Atemzug verfolgt.
Laut Friedemann Tewald vom Naturschutzbund (Nabu) Fellbach begann das große Schlüpfen am Ostermontag gegen 23 Uhr. Zuvor hatten sich am 6. April erste Risse im Ei gezeigt, vorsichtige Vorboten eines großen Moments. Am 7. April folgte Küken Nummer zwei, am 9. April Nummer drei. Das vierte Ei bleibt bislang still. Ob es sich verspätet oder leer bleibt, ist offen. Sicher ist nur: Geduld gehört hier zum Geschäft wie der Wind zum Turm.
Ein Blick in die Innenkamera zeigt eine Szene, die zugleich zärtlich und archaisch wirkt: Das Falkenweibchen Alizée sitzt breit über ihren Küken, die kleinen Köpfe kaum mehr als zuckende Wattebäusche. Immer wieder senkt sie den Blick, prüft, ordnet, schützt. Ihre gelb umrandeten Augen blitzen wachsam, mal fürsorglich, mal mit einem Anflug von Misstrauen direkt in die Kamera – als wüsste sie, dass da draußen jemand zuschaut.
Hoch oben auf dem Schwabenlandtower in Fellbach: Falkenweibchen Alizée hockt im Kiesbett, ein Küken lugt hervor. Foto: falcommunity
Rings um sie herum liegen Federn, lose, grau, leicht wie Atem. Sie zittern im Luftzug, der durch den Kasten streicht. Das Nest lebt – nicht laut, aber unübersehbar.
Wanderfalken brüten in Fellbach: Alizée und Alvar im Einsatz
Füttern, wärmen, wachen: Alizée ist in diesen Tagen mehr Wärmflasche als Jägerin. Das übernimmt Partner Alvar, der seit Jahren an ihrer Seite ist. Es ist ihre fünfte gemeinsame Brut auf dem Tower – eingespielt, fast routiniert, und doch jedes Mal ein kleines Wunder.
Der Ort selbst bleibt dabei ein Paradox aus Stillstand und Leben: Der Schwabenlandtower, ein 107 Meter hohes Hochhausprojekt, steht seit Jahren nach mehreren Besitzerwechseln im Rohbau. Was als Prestigeobjekt geplant war, wartet noch immer auf seine Fertigstellung und ist längst zur Bühne für eine der lebendigsten Naturgeschichten der Region geworden. Der neue Turm-Inhaber will ihrer Fortsetzung nicht im Wege stehen.
Falken Community Fellbach: Reaktionen, Kommentare, Hoffnung
Die Blogeinträge der falcommunity lesen sich wie ein Protokoll der Geduld. Vom ersten Knacken der Schale bis zum piepsenden Durchbruch – alles wird festgehalten, beobachtet, eingeordnet. Die Legeabstände seien in diesem Jahr „nicht ganz typisch“ verlaufen, heißt es dort. Ein Hinweis darauf, dass auch in luftiger Höhe nicht alles nach Plan läuft.
Und dann ist da noch die Community. Im Gästebuch mischen sich Fachwissen, Fürsorge und ein Hauch Wohnzimmer. „So süß, ich kann gar nicht wegschauen!“, schreibt eine Nutzerin. Ein anderer kommentiert nüchtern: „Drei sind da – jetzt fehlt nur noch der Nachzügler.“ Wieder jemand sorgt sich: „Hoffentlich ist das vierte Ei nicht verloren.“
Naturbeobachtung live: Emotionen und Spannung im Falkennest
Es ist genau diese Mischung, die den Reiz ausmacht: Naturbeobachtung im Livestream, Emotionen inklusive. Zwischen Kies und Kamera entsteht eine Art kollektives Warten. Wer einschaltet, wird Teil davon. Kein Spektakel, keine Inszenierung – nur Leben, das sich seinen Weg bahnt.
Drei Flauschbälle und ein Ei auf der wohl größten Bauruine der Region Stuttgart. Foto: falcommunity, Frank Rodenhausen
Und während unten der Alltag weiterläuft, wächst oben im Windschatten des unfertigen Turms eine kleine Familie heran. Drei Küken sind da. Vielleicht bald vier. Vielleicht auch nicht. Sicher ist nur: Jeder Tag zählt, jedes Piepsen auch. Und irgendwo zwischen Federflug und Fernsicht liegt die leise Erkenntnis, dass selbst im rauesten Beton Platz ist für etwas Zartes.
Die Webcams und weitere Informationen der Fellbacher Nabu-Gruppe findet man unter www.falcommunity.de .