Die Erlebnisse aus ihrer Kindheit lassen viele Betroffene nicht los. Foto: dpa/Silvia Marks
Im ehemaligen Wächterheim in Kirchheim (Kreis Esslingen) sollen vor 40 Jahren mehrere Jungen von einem Erzieher missbraucht worden sein. Der Fall wird nun aufgearbeitet.
Elke Hauptmann
13.05.2025 - 18:00 Uhr
Der mutmaßliche sexuelle Missbrauch von Jungen im früheren Wächterheim in Kirchheim liegt mehr als vier Jahrzehnte zurück. Der tatverdächtige Sozialpädagoge ist schon lange tot. Und auch das Kinderheim existiert in dieser Form nicht mehr. Doch die Zeit des Schweigens ist vorbei. Jetzt soll Licht in die dunkle Vergangenheit gebracht werden: Zwei Betroffene machen die Geschichte öffentlich. Die Stiftung Tragwerk kündigt eine wissenschaftliche Untersuchung an.
„Uns ist es ernst mit der Aufarbeitung“, versichert Jürgen Knodel, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Tragwerk, zu der sich das Wächterheim und die Paulinenpflege im Jahr 2008 zusammengeschlossen haben. „Und ich kann mich aus heutiger Sicht nur entschuldigen für das, was lange vor meiner Zeit vorgefallen ist.“ Er selbst ist seit 2018 im Amt und wurde eigenem Bekunden nach im Herbst vergangenen Jahres erstmals mit den Vorwürfen konfrontiert.
Das, was zwei ehemalige Heimkinder schildern, entspreche wohl der Wahrheit, stellt Knodel fest. Demnach soll der Erzieher, der in den 1970er Jahren bis Anfang der 1980er Jahre im Wächterheim tätig war, mehrere Jungen sexuell missbraucht haben. Gegenüber dem „Teckboten“ berichten zwei Opfer, der Erzieher habe sich regelmäßig über Jahre hinweg an vielen von ihnen vergangen, meistens bei Nacht.
Der Fall ist im Sande verlaufen
Den bisherigen Erkenntnissen zufolge war der Fall der damaligen Heimleitung bekannt geworden, die daraufhin die Behörden und die Polizei einschaltete. Doch just an jenem Tag, als ein Gespräch mit dem Erzieher anstand, beging dieser Suizid. Danach ist der Fall im Sande verlaufen – die Heranwachsenden sollten, wie es damals hieß, „erst einmal zur Ruhe kommen“. Psychologische Hilfe habe es für sie nicht gegeben, kritisieren die Betroffenen.
Wie viele Kinder im Wächterheim Opfer sexueller Übergriffe durch den Erzieher geworden sind, sei bislang nicht bekannt, sagt Knodel. Um die 50 Kinder sollen damals in mehreren Gruppen in der Einrichtung gelebt haben. Vieles deute darauf hin, dass es weitere Betroffene gibt. „Ich hoffe, dass sie sich bei uns melden.“ Es sei ihm und der Stiftung ein großes Anliegen, mit den Geschädigten ins Gespräch zu kommen, beteuert Knodel.
Die Stiftung Tragwerk ist aus dem Wächterheim und der Paulinenpflege hervorgegangen. Foto: Horst Rudel
Gleichwohl ist ihm bewusst: Viele Opfer von damals könnten bis heute nicht über das im Heim Erlebte sprechen, weil sie sich schämen. Weil sie Angst davor hätten, sich ihren Familien zu offenbaren. Damals sei sexuelle, körperliche und psychische Gewalt in Kinderheimen ein Tabuthema gewesen, berichtet Knodel. Viele Betroffene würden das seelische Leid nach wie vor in sich tragen. Ihnen wolle man Hilfe anbieten. Es gebe inzwischen ein breites Angebot an Beratungsstellen und therapeutische Unterstützung.
Wieso hat damals niemand etwas dagegen unternommen? Auf diese quälende Frage der Opfer wollen die Verantwortlichen bald eine Antwort geben können. Sie haben die Esslinger Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt mit der Aufarbeitung der traurigen Vergangenheit beauftragt. Dabei geht es laut Knodel nicht nur um die konkreten Vorwürfe im Wächterheim, sondern generell um Gewalt und sexuelle Gewalt in den früheren Einrichtungen der Stiftung. In die Forschungsarbeit eingeschlossen ist also auch die Paulinenpflege.
Vergleichbare Fälle sollen sich nicht wiederholen
„Wir nehmen diesen schrecklichen Fall zum Anlass, unsere Historie und die Strukturen grundlegend zu untersuchen“, teilt Knodel mit. Die schonungslose Aufarbeitung der Geschehnisse sind laut dem Vorstandsvorsitzenden wichtig für die Stiftung, die „nichts unter den Teppich kehren und nichts verdecken will, was da schon drunter liegt“. Ein Wegschauen gebe es nicht mehr, so Knodel. Das Schicksal der Kinder von damals solle auch dazu führen, dass sich vergleichbare Fälle nicht wiederholen.
Die promovierte Expertin steht laut Knodel für eine unabhängige Betrachtungsweise. Zudem verfügt sie über Erfahrungen auf diesem Forschungsgebiet. Silberzahn-Jandt hat unter anderem eine Publikation über den Alltag in der Diakonie Stetten in den Jahren 1945 bis 1975 veröffentlicht. Anlass für diese Arbeit waren die Berichte über Gewalt und Missbrauch in den Heimen der Behindertenhilfe.
Nun wird sie für die Kirchheimer Stiftung Tragwerk in die Archive steigen, noch vorhandene Akten wälzen, Gespräche mit Betroffenen führen und die Puzzleteile zusammensetzen – bis sich ein Gesamtbild ergibt. Laut Knodel wird ihre Recherche voraussichtlich zwei Jahre dauern. Das Ergebnis der Forschungsarbeit soll in Buchform veröffentlicht werden.
Das Wächterhaus
Historie Im Jahr 1894 gründete die Freifrau von Wächter zusammen mit anderen Christen ein „Versorgungshaus für erstmals Mutter werdende Mädchen“, das am 27. November in der Schlierbacher Straße in Kirchheim eingeweiht wurde. 1967 konnte das Wächterheim seinem ursprünglichen Dienst als Zufluchtsstätte für ledige schwangere Mädchen nicht mehr nachkommen. Es diente fortan als Kinder- und Altenheim.
Gegenwart Aufgrund der veralteten Bausubstanz mussten die Gebäude abgerissen werden. An ihrer Stelle entstanden das heutige Pflegeheim für Senioren, eine Kindertagesstätte sowie Heimgruppen für Kinder und Jugendliche.
Info Von sexuellem Missbrauch Betroffenen bietet die Stiftung Tragwerk Unterstützung an. Sie können Kontakt aufnehmen unter der Telefonnummer 0 70 21 / 500 80.