Fall Peggy Ermittler prüfen ungeklärte Straftaten neu

Von red/dpa 

Der brisante DNA-Treffer am Fundort der getöteten Schülerin Peggy wirft viele Fragen auf. Gab es zwischen dem NSU und dem Fall Peggy eine Verbindung? Nun sollen ungeklärte Fälle neu aufgerollt werden. Die Ermittler brauchen dafür vor allem eines - Zeit.

Nach dem brisanten DNA-Fund im Fall Peggy werden mehrere ungeklärte Straftaten neu aufgerollt. Foto: Zentralbild
Nach dem brisanten DNA-Fund im Fall Peggy werden mehrere ungeklärte Straftaten neu aufgerollt. Foto: Zentralbild

Bayreuth - Nach der Entdeckung von DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Fundort der getöteten Schülerin Peggy sollen ungeklärte Straftaten neu aufgerollt werden. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow kündigte am Freitag an, die Akten zu einem ungeklärten Kindsmord aus den 1990er Jahren komplett neu überprüfen lassen zu wollen. Damals seien „Herr Böhnhardt und sein Name schon einmal im Visier“ gewesen, sagte der Linken-Politiker in Berlin. „Das müssen wir alles viel, viel gründlicher betrachten.“

Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass am Fundort der Skelettteile des 2001 verschollenen Mädchens aus Oberfranken Genmaterial von Böhnhardt entdeckt worden war. Dieses habe sich an einem Gegenstand befunden. Einzelheiten zu dem Spurenträger teilten die Ermittler am Freitag nicht mit. Er sei im Juli „in direktem Zusammenhang“ mit der Entdeckung der Skeletteile aufgefunden worden, berichtete der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel in Bayreuth. Nach „Spiegel“-Informationen handelt es sich um ein Stück Stoffdecke.

De Maizière: „Unfassbar“

Der brisante DNA-Treffer sei erst im Laufe dieser Woche bekannt geworden, teilte Polizeisprecher Jürgen Stadter mit. Die Ermittler rechnen nun mit langwierigen Ermittlungen zu dem Fall. „Es gibt eine Vielzahl von Aufgaben“, sagte Potzel. Geprüft werden müsse dabei auch, ob möglicherweise eine Verunreinigung den DNA-Treffer ausgelöst haben könnte.

Angesichts des brisanten Fundes sprach Bundesinnenminister Thomas de Maizière von einem bemerkenswerten Ergebnis der Kriminaltechnik. „Dass jetzt der Verdacht besteht, dass einer der NSU-Terroristen auch noch der Mörder der kleinen Peggy sein könnte, ist unfassbar“, sagte der CDU-Politiker in Wiesbaden.

Am 2. Juli war ein Pilzsammler in einem Waldstück im Saale-Orla-Kreis in Thüringen auf Teile von Peggys Skelett gestoßen - nur rund 15 Kilometer vom Heimatort des Mädchens entfernt. Nach dem Fund der Skelettteile hatten Ermittler das Gebiet wiederholt durchkämmt. Erst Ende September war das Waldstück erneut durchsucht worden.

Auf dem Heimweg von der Schule verschwunden

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) wurde an Kindersachen aus dem im Jahr 2011 ausgebrannten Wohnmobil der mutmaßlichen NSU-Terroristen keine DNA-Spur der toten Peggy entdeckt. Dies teilte BKA-Präsident Holger Münch mit. Das BKA habe etwa eine Sandale untersucht. Es sei zwar eine weibliche DNA gesichert worden, aber nicht die von Peggy.

Die Neunjährige war zehn Jahre zuvor - im Mai 2001 - im nordbayerischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule verschwunden. Klar ist für die Ermittler, dass der Fundort der Skelettteile nicht der Tatort war. Wie lange Peggy nach dem Verschwinden noch gelebt hat, war aber unklar. Die Knochen seien Peggy im Alter von neun Jahren zuzuordnen, stellte Potzel klar. Offen ist auch, wie lange die Skelettteile in dem Wald gelegen haben.

Jahrelang unerkannt gemordet

Der Rechtsextremist Böhnhardt gehörte dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) an. Mit seinem mutmaßlichen Komplizen Uwe Mundlos soll er jahrelang unerkannt gemordet haben - hauptsächlich Menschen mit ausländischen Wurzeln. Mundlos und Böhnhardt töteten sich den Ermittlern zufolge im Herbst 2011 nach einem Banküberfall, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Die mutmaßliche Mittäterin Beate Zschäpe stellte sich der Polizei. Seit fast dreieinhalb Jahren muss sie sich vor dem Münchner Oberlandesgericht verantworten.

Der Prozess wird erst einmal wie geplant fortgesetzt. Mehrere Anwälte von Angehörigen der NSU-Opfer und Mitglieder diverser Untersuchungsausschüsse in Landtagen und im Bundestag haben indes schon Fragen aufgeworfen oder Beweisanträge angekündigt. Dabei geht es etwa darum, was Zschäpe zum Fall Peggy sagen könnte, ob es Zusammenhänge mit Vorwürfen des Kindesmissbrauchs gibt und ob alle ungeklärten Fälle, bei denen Kinder und Menschen mit Migrationshintergrund zu Tode gekommen seien, mit der DNA der mutmaßlichen NSU-Terroristen abgeglichen werden.




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