Fall Vincent Lambert Wachkoma-Patient stirbt nach langem Rechtsstreit

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Vergangene Woche hatten die Ärzte die Versorgung des 42-jährigen Franzosen über eine Sonde eingestellt. Dem Tod war ein jahrelanger Streit vorausgegangen. Und auch jetzt noch greift der Staatsanwalt ein.

Das Foto von Juni 2014 zeigt  Vincent Lambert (r) und seine Mutter (ohne Namen) im Krankenhaus. Frankreichs wohl bekanntester Wachkoma-Patient ist nun tot. Foto: dpa
Das Foto von Juni 2014 zeigt Vincent Lambert (r) und seine Mutter (ohne Namen) im Krankenhaus. Frankreichs wohl bekanntester Wachkoma-Patient ist nun tot. Foto: dpa

Reims - Vincent Lambert ist tot. Am Donnerstagmorgen ist der 42-jährige Franzose in einer Klinik in Reims gestorben. Vergangene Woche hatten die Ärzte die Versorgung des Mannes über eine Sonde mit Wasser und Nahrung eingestellt. Dem Tod Lamberts war ein jahrelanger juristischer Streit vorausgegangen.

Während seine Ehefrau einen Abbruch der Behandlung befürwortete, wollten seine Eltern dies verhindern und zogen durch mehrere Instanzen bis zum Europäischen Menschengerichtshof. Zuletzt legten sie Beschwerde beim UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein. Mehrere medizinische Gutachter waren zuvor zu dem Ergebnis gekommen, dass Lambert nicht mehr bei Bewusstsein sei und sein Zustand sich auch nicht bessern werde. Die Eltern des ehemaligen Krankenpflegers argumentierten, ihr Sohn sei lediglich schwer behindert. Vincent Lambert war vor rund zehn Jahren bei einem Motorradunfall verunglückt und hatte sich schwer am Kopf verletzt. Er lag seitdem in einer Art Wachkoma.

Niemand in Frankreich bleibt von der Geschichte unberührt

Das Ringen um das Leben oder Sterben des Mannes war nicht nur ein Kampf der Gerichte. Niemand in Frankreich blieb von der Geschichte unberührt. Philosophen stellten die fundamentalen Fragen nach der Würde des Menschen. Mediziner stritten sich, was sie technisch machen dürfen – und was nicht. Soziologen äußerten sich dazu, wie unsere Gesellschaft mit dem Sterben umgeht. Vertreter der Kirchen fragten, ob Menschen dem Leben überhaupt ein Ende setzten dürfen.

Manche Franzosen befürchten, dass durch den Fall von Vincent Lambert Grenzen verschoben werden, wann Mediziner die lebenserhaltenden Geräte abschalten dürfen. In Frankreich ist die aktive Sterbehilfe verboten. Niemand darf einem Menschen ein tödlich wirkendes Mittel verabreichen. Passive Sterbehilfe durch das Abschalten von Apparaten und indirekte Sterbehilfe, bei der starke Medikamente Schmerzen lindern und als Nebenwirkung das Sterben beschleunigen, sind zulässig.

Am Ende haben die Eltern von Vincent Lambert resigniert

Man verliere nicht die Menschenwürde, wenn man physisch eingeschränkt ist, argumentierte etwa Jean-Frédéric Poisson, Vorsitzender der christdemokratischen Partei (PCD) in der Nationalversammlung. Folge man diesem Denken, besäßen Menschen mit körperlicher Behinderung weniger Würde als Menschen ohne Handicap. Eine solche Logik sei aber eine große Gefahr und ein zivilisatorischer Rückschritt.

Am Ende haben die Eltern von Vincent Lambert resigniert, nachdem sich der Zustand des Patienten aufgrund des Stopps der Versorgung drastisch verschlechtert hatte. „Wir können uns heute nicht mehr vorstellen, den tödlichen Prozess aufzuhalten“, sagte der Anwalt der Eltern, Jean Paillot, am Montag. „Vincents Tod ist jetzt unvermeidlich“, schrieben die Eltern in einem Brief. „Dieses Mal ist es vorbei“, hieß es weiter. Lamberts Vater bezeichnete den Behandlungsstopp als „eine getarnte Ermordung, eine Sterbehilfe“. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen wegen Mordes eingeleitet.