Paar aus Leinfelden-Echterdingen Wie eine Beziehung am Streit über Corona zerbricht

Wenn die Werte nicht übereinstimmen, haben Paare offenbar keine langfristigere Zukunft. Foto: Imago/Ikon Images

Gesellschaft und Politik diskutieren hitzig über die richtigen Maßnahmen in der Pandemie. Die Risse, die sich dabei auftun, entzweien auch Familien. Ein Fallbeispiel aus Leinfelden-Echterdingen.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Filder - Corona spalte die Gesellschaft, ist immer wieder zu hören in diesen Tagen, in denen die Impfdebatte in voller Fahrt ist. Auf der einen Seite die Geimpften, die die Einschränkungen satt haben, auf der anderen Seite eine relevante Minderheit, die umgeimpft ist – wenn auch nicht aus denselben Gründen. Diese Gräben ziehen sich durch Familien. Davon kann Susanne Buschmann erzählen. Ihre Beziehung ist zerbrochen. Die Frau aus Leinfelden-Echterdingen heißt anders, hier will sie nicht mit ihrem echten Namen berichten, denn es ist ihr unangenehm, was passiert ist. Aber sie findet es wichtig, darüber zu sprechen. Denn sie denkt, sie ist kein Einzelfall.

 

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Anderthalb Jahre waren sie ein Paar – dann kam Corona. Für sie war und ist die Pandemie hart, sie arbeiten beide in der Gastronomie. „Das war von Hundert auf Null“, umschreibt Susanne Buschmann das Frühjahr 2020. Während sie noch eine Teilzeitstelle in der Veranstaltungsbranche hat und deshalb etwas Kurzarbeitergeld bekam, war bei ihm als Solo-Selbstständigem Ebbe. Die Corona-Hilfen kamen erst Wochen später und seien ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Susanne Buschmann, 44, hat zwei Kinder im Alter von zwölf und 17 Jahren. 80 Prozent des Monatseinkommens seien weggebrochen, sagt sie. Wie ging es für die Familie weiter? „Ich habe Eltern“, sagt sie. „Anders wäre es nicht gegangen.“

Sie wurde Zeugin einer Verwandlung

Und vielleicht wäre alles, trotz dieser widrigen Umstände, wieder gut geworden. Wenn sich ihr Partner nicht verändert hätte.

Susanne Buschmann erzählt, wie sie Zeugin einer Verwandlung wurde. „Er wurde immer querdenkerischer“, sagt sie. Er, ein bis dato geselliger, aktiver und lebensfroher Mensch, sei nur noch zu Hause auf dem Sofa herumgelungert, habe die neuesten Verschwörungstheorien studiert und ansonsten alles herumliegen lassen. Corona habe er für einen Schnupfen gehalten, und er sei sicher gewesen, dass einem bei der Impfung Mikrochips implantiert würden, erzählt sie. Weil er sie und ihre Töchter überzeugen wollte, gab es permanent Zoff. „Ich hatte hier nur noch Theater“, sagt sie. „Das war ein echter Nervenkrieg.“ Im Frühjahr 2021 habe sie ihn vor die Wahl gestellt: sie oder die Verschwörungstheorien. Er ist im Mai ausgezogen.

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Jutta Herold ist Heilpraktikerin für Psychotherapie in Musberg. Zu ihrem Alltag gehört es auch, mit Paaren deren Beziehung zu kitten, oder es zumindest zu versuchen. Hat sie mehr zu tun seit der Pandemie? Seit Corona verzeichne sie tatsächlich einen Zulauf von Paaren, sagt sie. „Was ich aber merke: Corona ist nicht der Grund für die Krise, wohl aber der Katalysator, der sie verstärkt.“ Paare und Familien würden in der Pandemie aufeinander hocken. Das erfordere viel Rücksichtnahme, die Toleranz sinke. „Der Ton ist dann oft nicht mehr so geduldig oder wertschätzend“, sagt Jutta Herold. Sie habe derzeit auch mit vielen Paaren zu tun, wo einer der beiden fremd gehe. „Trotz Corona passiert das, teils über Monate oder auch länger“, sagt sie, dabei seien geheime Treffen in Zeiten geschlossener Hotels und Restaurants nicht leichter geworden.

Scheidungen gingen zurück 2020

Auf die Statistik der Ehescheidungen in Deutschland schlägt sich die Coronapandemie bisher nicht durch. Im Jahr 2020 wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge in Deutschland 143 801 Ehen geschieden, das sind 3,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Allerdings bedeutet dieser Rückgang nicht automatisch, dass sich die meisten Paare doch zusammenraufen. „Welche Auswirkungen die Coronapandemie auf die Zahl der Scheidungen hat, wird sich vermutlich erst in den nächsten Jahren zeigen, da einer Scheidung in der Regel eine Trennungszeit von mindestens einem Jahr vorausgeht“, steht in einer Mitteilung des Statistischen Bundesamts. „Des Weiteren können coronabedingte Verzögerungen oder Verschiebungen bei den Familiengerichten nicht ausgeschlossen werden.“

Ein wesentlicher Faktor, dass Paare eine langfristige Zukunft zusammen haben, seien gemeinsame Werte, sagt Jutta Herold, die Therapeutin aus Musberg. Das sei wissenschaftlich bewiesen. Sei es beim Lebensstil, bei der Kindererziehung – oder eben bei der Frage, ob die Impfung Solidaritätspflicht ist oder nicht. Susanne Buschmann und ihr damaliger Freund haben keine gemeinsame Antwort gefunden.

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