Familie Bürkle aus Fellbach Mit autistischem Sohn als Tiersitter um die ganze Welt

Rolf Bürkle beim Esel-Sitting in der Nähe von Heilbronn. Foto: privat/Montage: Sebastian Ruckaberle

Sie hüten Rinder in Kalifornien und versorgen Pferde in Kanada: Melanie und Rolf Bürkle aus Fellbach sind mit ihrem autistischen Sohn weltweit als Tiersitter unterwegs.

Das erlebt Rolf Bürkle auch nicht alle Tage. Kaum hat er mit seiner Frau Melanie das Tiergehege betreten, bringt sich Esel Lori bereits in Stellung. Er fixiert sein Gegenüber mit seinen dunklen Augen und steigt auf die Hinterbeine. Spekuliert er darauf, dass man ihm ein Blatt vom Baum zupft? Möchte er bloß spielen? Grenzen testen? Eselkenner müsste man sein!

 

Es dauert ein bisschen, bis klar ist, wer hier die Hosen an hat. Rolf Bürkle nimmt es mit Humor: „Immer mit der Ruhe.“ Er streicht Lori über die graue Flanke. Sieben Esel umringen das Paar, betteln um Futter und Aufmerksamkeit. Sie knabbern an Schuhbändeln, reiben ihre Nasen an Jeans. Auf der angrenzenden Koppel strecken zwei Alpakas ihre Köpfe Richtung Besucher, während zwei Golden Retriever über die Wiesen toben und Katzen auf der Terrasse dösen.

Liebe auf Zeit

Mehr Bullerbü geht kaum in dem kleinen Ort in der Nähe von Heilbronn. Melanie und Rolf Bürkle waren schon öfter hier. Sie kümmern sich als Housesitter um das fußballfeldgroße Anwesen und vor allem um die Tiere, während deren Halter auf Reisen sind.

Viel Besitz haben sie nicht dabei, dafür jede Menge Erfahrung. Jeder Tag folgt einem genauen Rhythmus: zweimal die Gehege säubern, das Futter und die Medikamente verteilen, Gassi gehen natürlich und für Geborgenheit sorgen. Katzen streichen ihnen um die Beine, beim Gespräch am Esstisch rollen sie sich schnurrend auf dem Schoß zusammen. Liebe auf Zeit.

Rolf Bürkle hat einen Onlinehandel, er kann überall auf der Welt arbeiten

Es ist eine Aufgabe, für die es kein Geld gibt, dafür wohnen die Bürkles kostenfrei in dem luxuriösen Haus. Beide sind Anfang 40, beide selbstständig. Der Laptop steht aufgeklappt auf dem Terrassentisch. Melanie Bürkle arbeitet als freie Sportreporterin in der Region Stuttgart, immer wieder klingelt ihr Handy. Handball ist zu ihrer Leidenschaft geworden, dafür hat der Beruf gesorgt. Deshalb macht sie nebenbei ehrenamtlich auch das Marketing und Social Media für die Handballer des SV Kornwestheim. Ihr Mann hat einen Onlinehandel aufgebaut: Grill- und Fahrzeugabdeckungen. „Ich kann überall auf der Welt arbeiten“, erzählt er.

Rolf Bürkle und Sohn Samu bei den Schweinen in Connecticut. Foto: privat

Und das ist den Bürkles auch wichtig. Seit acht Jahren sind sie als Housesitter aktiv, seit drei Jahren fast ständig unterwegs. Immer mit dabei ihr Sohn Samu, blondes mittellanges Haar. Ein besonders kommunikativer Junge, der fließend Englisch spricht und mit Begeisterung von Minecraft erzählt. Samu ist der Grund, warum die Familie aus Fellbach so viel auf Achse ist. Er ist im Autismus-Spektrum mit PDA-Profil und kam mit dem Schulsystem nicht klar. Samu sei viel gemobbt worden, erzählen die Eltern. Jeden Morgen Tränen und Panik im Gesicht des Kindes. Zwar wurde eine Schulbegleiterin engagiert, mit Lehrern und der Schulleitung standen sie in einem ständigen Austausch. Doch nichts führte zum Ziel. Melanie Bürkle wühlt die Erinnerung noch immer auf. „Ein Jahr lang haben wir alles versucht, um irgendwie einen Schulalltag hinzubekommen, aber das funktionierte nicht.“

Als Samu mit sieben Jahren auf dem Pausenhof zusammenbrach, zogen die Bürkles die Reißleine: Raus aus Deutschland, erst mal auf Reisen gehen. „Es kostete viel Mut auszubrechen, aber der Druck durch die Schulverweigerung hat mich psychisch mehr mitgenommen als meine Krebserkrankung“, sagt Melanie Bürkle. Während einer Not-OP ist sie sogar fast gestorben. „Doch da musste ich nur für mich selbst kämpfen.“

Mittlerweile ist Samu elf Jahre alt, und alle sind sich einig, dass die Entscheidung richtig war. „Ich war immer neidisch auf andere, die Weltreisen machten. Jetzt haben wir ein noch cooleres Leben“, sagt die Mutter. Das Kind sei entspannter, seit es in einer Onlineschule lernt. Mit den Ortswechseln komme Samu gut zurecht, da die meisten Housesits in naturnahen, reizarmen Gegenden sind. Zudem bleibt die Familie meist für mindestens vier Wochen.

Housesitting ist ein Reisetrend, der viele begeistert

Sie lebten schon in idyllischen kanadischen Cottages, auf rustikalen Höfen in Frankreich, auf Schweizer Weingüter und weitläufigen Ranches in Kalifornien. Um die 60 Mal sind sie ins Leben fremder Menschen eingetaucht. Rolf Bürkle fand es anfangs befremdlich. „Man schläft in den Betten anderer. Die Fotos sind immer toll, aber wie sieht es wirklich aus?“

Housesitting ist ein Reisetrend, der viele begeistert. Wer sich wie Bürkles auf der Plattform Trusted House Sitters registriert, hat Zugang zu Tausenden von Angeboten weltweit. Den Schwaben geht es nicht ums Reisen an sich, sondern um das Leben vor Ort. Sie wollen den Alltag im fremden Land so authentisch wie möglich erleben.

In Texas nahm alles seinen Anfang

Gleich beim ersten Mal ist das bereits gelungen. Melanie Bürkle bewarb sich damals spontan für einen Housesit in Texas, der Sohn war drei. Sie wagten es schließlich. Gemeinsam hütete die Familie zwei Katzen. Melanie war überrascht, wie schnell sie sich in Amerika heimisch und angenommen fühlte. „Nach einer Woche waren wir bei den Nachbarn zum Spielen eingeladen.“

Im Schweizer Pferdestall. Foto: privat

Mittlerweile gibt es viele Orte, die sich wie ein Zuhause für sie anfühlen. „Ständig an neuen Orten mit neuen Tieren ist eine große Herausforderung. Sie macht nicht nur Spaß, sondern erweitert auch den eigenen Horizont und schmückt ihn mit unglaublich vielen wertvollen Eindrücken“, sagt sie.

Nicht immer läuft alles glatt

Die Bürkles haben mittlerweile genug Referenzen, sodass sie sich die Orte praktisch aussuchen können. Fauquier in Kanada beispielsweise: Da gab es nicht nur meterhohen Schnee, der nächste Supermarkt war 60 Kilometer entfernt. In Connecticut wohnten sie vier Wochen in dem Haus, das einst der Tante von US-Präsident Benjamin Franklin gehörte. In Kalifornien nannte man sie Kuhflüsterer, weil sie es schafften, die Tiere zu zähmen. Aber natürlich gibt es auch Momente, in denen etwas schiefläuft. Kind krank, Hund hat Durchfall auf dem Teppich. Katze kommt nach dem Gewitter tagelang nicht mehr nach Hause. Am Hühnerstall geht die Klappe kaputt. „Für uns ist das alles schon normal“, sagt Rolf Bürkle. „Es passiert immer irgendetwas, mit dem du nicht rechnest.“

Sie seien an ihren Aufgaben gewachsen. Früher hätten sie sich nicht vorstellen können, mit Pferden umzugehen. Ein Halfter anlegen – anfangs eine Herausforderung. Doch sie mögen es, Lösungen zu finden und überall auf der Welt klarkommen zu müssen. Auch wenn sie eine Katze mit dem Kescher vom Baum holen oder ausgebüxte Schweine einfangen müssen. Wenn ein Tierarztbesuch ansteht und sie abwägen müssen, wann sie es am besten den Haltern sagen.

Schweißausbrüche bescherten ihnen die beiden Hunde einer kanadischen Familie. Die nahmen kurz vor der Rückkehr der Besitzer zusammen mit der Nachbarhündin Reißaus und tauchten erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder auf. „Da kam zum ersten Mal Panik auf“, sagt Melanie. Die Tiere gehören ja zur Familie. In solchen Momenten fragen sich die Bürkles schon auch mal: „Warum tun wir uns das an? Wir haben es mit unserem Kind schon im Alltag nicht leicht. Warum laden wir uns noch mehr Verantwortung auf?“

Im September geht es wieder nach Kalifornien

Die Menschen, die ihnen ihre Häuser anvertrauen, seien oft selbst viel gereist und offen für andere Lebensentwürfe, erzählen die Bürkles. Nicht immer lernen sie die Besitzer persönlich kennen. Manchmal liegt der Schlüssel einfach unter der Fußmatte, die Tür geht auf – und drinnen wartet ein fremder Hund. „Manche freuen sich so, als hätten sie uns vermisst“, sagt Melanie Bürkle. „Andere tauen erst mit der Zeit auf und zeigen später ihr wahres Wesen.“ Nicht immer stimme die Chemie sofort.

Wie man sich dann langsam einander annähert, beschreiben sie regelmäßig auf Instagram (@kind_im_gepaeck). Außerdem hat Melanie Bürkle ihre Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst, das im Eigenverlag erschienen ist. Ein Ratgeber für Menschen, die vom Housesitting träumen.

Im Sommer über ist die Familie in Europa unterwegs, im September geht es wieder nach Kalifornien: vier Wochen Kühe und Hühner hüten. „Die Besitzer“, sagt Melanie Bürkle, „planen ihren Urlaub nach uns.“

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