Familie Flöz und Franui Poetisches Masken-Musiktheater

Von Susanne Benda 

Im Theaterhaus Stuttgart hat „Himmelerde“ Premiere gefeiert: eine poetische Fantasie über die Liebe, den Tod und die Kunst, ein Stück mit Liedern, Volksmusik, Tanz und den ergreifenden Figuren der Familie Flöz

Szene aus „Himmelerde“ mit der Musikbanda Franui Foto: Bernd Uhlig
Szene aus „Himmelerde“ mit der Musikbanda Franui Foto: Bernd Uhlig

Stuttgart - Am Ende fallen alle Masken. „Du bist die Ruh’“, singen nacheinander der Bariton Holger Falkund die Sopranistin Maria Bengtsson. Die Begleitung von Schuberts stillem Lied durch das Tiroler Ensemble Franui ist jetzt ganz leise. Gemeinsam mit dem agilen Tänzer Paul White, der so viel und so viele an diesem Abend in Bewegung gebracht hat, setzen sich die Sänger an das Bett der alten Frau, die als Letzte der Schauspieltruppe Familie Flöz ihr wahres Gesicht zeigt, und zum anrührend poetischen Finale des Musiktheaters „Himmelerde“ erleuchten die Bühne nur die Kerzen einer Geburtstagstorte. Mag sein, dass es der letzte Geburtstag der alten Frau ist; mag sein, dass ihr Geburtstag auch ihr Todestag ist: Denn in „Himmelerde“, einer Koproduktion der Ludwigsburger Schlossfestspiele mit der Berliner Staatsoper und dem Stuttgarter Theaterhaus, die am Dienstagabend Premiere feierte, geht es um die Liebe, viel mehr aber noch um den Tod. Und um die Kunst. Um die Sehnsucht. Um die Romantik.

Ein Mädchen und ein Junge wagen scheu erste zarte Berührungen. Eine alte Frau wird zu Grabe getragen. Durch das Zimmer eines Komponisten geistern skurrile Gestalten; sie könnten Erzählungen E. T. A. Hoffmanns entstiegen sein. „Himmelerde“ ist eine Bühnen-Fantasie für vier Maskenspieler, zwei Sänger sowie zahlreiche Musiker, und sie durchschreitet ihr Themenspektrum mit so viel Lust an freier Assoziation, dass gelegentlich ein Hauch des allzu Beliebigen die Produktion durchweht. Aber nur gelegentlich, denn Ziel, Richtung und Zauber bekommt das Stück auch dadurch, dass Szene und Musik Entscheidendes gemeinsam haben: nämlich eine unbändige Lust am lebendigen Wechselspiel zwischen Vertrautheit und Fremdheit, Nähe und Distanz.

Kunstlieder werden als Volksmusik gespielt

Franui, eine bläserbetonte Truppe, die sich Musikbanda nennt, spielt bearbeitete Lieder unter anderem von Schubert, Schumann, Webern und Mahler derart, dass man nicht nur deren tiefe Verwurzelung in der Volksmusik spürt, sondern das so genannte Kunstlied obendrein als ziemlich bodenständig erlebt. Wie konnte jemals jemand zu Grabe getragen werden ohne das musikalische Geleit durch jenen Trauermarsch, der so etwas wie das rhythmisch-melodische Destillat von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ ist? Und wieso ist noch nie zuvor jemand auf die Idee gekommen, Mahlers Lieder so radikal als Zwitterwesen zwischen Wehmut und Banalität, Weltschmerz und Hum-ta-ta zu interpretieren?

Nicht bei allen Komponisten, nicht bei allen Liedern geht das von Franui perfektionierte Konzept der gebrochenen Wurzelbehandlung auf – Schumanns „Mondnacht“ zum Beispiel, deren Eichendorff-Text dem Abend seinen Titel gab, leidet ein wenig, denn Volkstümliches will in diesem Lied nicht freigelegt werden. Die Grundidee indes überzeugt, und im übertragenen Sinne haben die österreichischen Musiker, weil sie auf Abstand gehen zur Materie, ebenso Masken auf wie die Schauspieler der Familie Flöz, deren vielfältig modellierte Gesichter vor allem eines sind: unendlich traurig – so wie das Lied, so wie die Musik, von der Schubert selbst behauptete, sie könne überhaupt nicht lustig sein.

Das Lustige ist nur die Kehrseite des Traurigen

Die Lustigkeit der Franui-Spieler ist eine manchmal überdrehte, zuweilen auch böse Farce. Wenn die Familie Flöz zwischendurch mal skurril durch den Raum tobt, dann ist das nur die Kehrseite der Dunkelheit. Die Putzfrau, über deren total kontraproduktive Entstaubungsaktion an den Notenpulten vor dem offiziellen Beginn des Abends noch alle lachten, wird am Ende zur vielleicht traurigsten aller Figuren. Weil sie so einsam ist.

Und das Lied? Grundsätzlich steht es auf der musikalischen Seite von „Himmelerde“ im Mittelpunkt. Die Akustik des Theaterhauses ist der intimen Kunstform allerdings nicht zugetan, und die schlecht ausbalancierte Verstärkung der aus den Lautsprechern undifferenziert und dumpf heraustönenden Sängerstimmen macht die Sache nicht besser. Was für ein feiner, ausdrucksstarker Gestalter Holger Falk ist, hört man erst am Ende – und zuvor in jenen Momenten, in denen einmal nur Saiteninstrumente (einschließlich Hackbrett!) den Bariton begleiten. Ansonsten muss er drücken und stemmen, das tut ihm und den Liedern nicht gut. Der farbreiche Sopran von Maria Bengtsson wiederum klingt im Zusammenwirken mit den Bläsern oft so, als intoniere die Sängerin permanent zu tief, und von dem, was sie singt, versteht man obendrein kaum ein Wort.

Das Lied leidet. Im Gegenzug gewinnt es, wenn es sich mit der sprachlosen Kunst der Maskenspieler verbindet. Mit diesen zusammen beginnt es zu tanzen: In bunter Verkleidung nimmt es teil am bunten Maskenball von „Himmelerde“, um dort ein Fest der Poesie zu feiern, und der Zauber wirkt lange nach.