Sogar die harten Kerle treten heute als fürsorgliche Väter auf. Wie etwa Dwayne Johnson, Ex-Wrestler, Schauspieler und ein Muskelberg von etwa 120 Kilo. Der zeigt sich auf Instagram gerne, wie er von seiner Tochter rosa Fingernägel und ein rosa Gesicht verpasst bekommt oder wie sie gemeinsam mit Barbiepuppen spielen. Auch Chris Hemsworth, in seinen Filmrollen Typ harter Donnergott (Thor), zeigt sich auf der Plattform gerne mit seinen Kindern. Dass man als Vater Zeit mit seinen Kindern verbringen sollte, scheint überall angekommen. Das war nicht immer so.
Der Ernährervater, der das Geld heimbringt und den ganzen anderen Kinderkram der Mutter überlässt, war lange das dominante Vatermodell. Doch so ein abwesender Ernährervater will heute keiner mehr sein. Stattdessen wechseln Väter heute Windeln, bringen die Kinder zum Fußballtraining, organisieren Geburtstagsfeiern, kennen die Namen der Freunde ihrer Kids und stemmen auch die sogenannte Care-Arbeit. So zumindest sieht das Ideal aus.
Väter sind immer noch hauptsächlich Ernährer
Tatsächlich aber arbeiten 92,4 Prozent der Männer mit Kindern unter sechs Jahren laut Statistischem Bundesamt Vollzeit, bei Frauen sind es 28,1 Prozent. „Der Anteil der Väter, die sich gleichberechtigt in der Familie einbringen, hat im Vergleich zu früheren Generationen zwar zugenommen, aber selbst fürsorgemotivierte Väter bleiben oft in semi-traditionellen Rollen verhaftet“ , sagt Johannes Huber, Psychologe und Väterforscher an der Technischen Hochschule Rosenheim. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni Basel haben das den „emotional involvierten, präsenten Ernährervater“ genannt. Aber das sind nur Statistiken und Definitionen. Was sagen jene über gute Väter, die darin kraft täglicher Auseinandersetzung Expertise zum Thema anhäufen: Kinder?
Nachfrage bei Paula, acht Jahre alt: Was macht einen guten Vater aus? „Dass er sich um mich kümmert, dass er sich Zeit nimmt und dass er über schlechte Gedanken mit mir redet.“ Der fürsorgliche Vater kommt bei Kindern also gut an. „Aus Sicht der Bindungstheorie ist hinreichend belegt, dass es nicht nur den ökonomischen Versorgervater, sondern auch den anwesenden und emotional verfügbaren Vater braucht, gerade in den frühen Entwicklungsjahren“, sagt Huber. „Aber man sollte die beiden Vätertypen nicht gegeneinander ausspielen, weil die finanzielle Versorgung auch als Form der Fürsorge verstanden wird.“
Der Vaterblogger sagt: Unsere Kinder sind schon gut so
Anruf bei Fabian Soethof, Vaterblogger, Buchautor – spätabends, er kommt gerade vom Sport. Seine Definition, wie man zum guten Vater wird: „Versuche kein schlechter Vater zu sein“, sagt Soethof, 41 Jahre alt. „Das misslingt mir selbst mindestens einmal pro Tag.“ Er ist Vater zweier Jungs, die gerne streiten, es wird auch mal rau. Wenn er zum achten Mal erklären müsse, warum es gerade etwas zu wild wird, könne er schon mal die Nerven wegschmeißen. „Es hilft, wenn man sich danach entschuldigt“, sagt er, man sollte erklären, warum man so reagiert hat. Und: „Man muss darauf vertrauen, dass unsere Kinder gut so sind, wie sie sind“, sagt Soethof.
Damit bezieht er sich auf den renommierten Vätercoach Carsten Vonnoh. Denn der sagt: Es gehe um Bedingungslosigkeit, darum, das Kind so anzunehmen, wie es ist – und um Vertrauen. Das sei am wichtigsten für eine gelingende Vater-Kind-Bindung. Um seinen Kindern das zu zeigen, sagt Fabian Soethof, vermeide er etwa negative Vokabeln. Kindern zu sagen, sie hätten etwas falsch gemacht, vermittle ihnen, nicht gut genug zu sein. Stattdessen sei es besser, zu verstehen zu versuchen, warum ein Kind so gehandelt hat, um dann gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.
Zentral in der Vaterschaft war bei Soethof auch der Faktor Zeit. Nach dem ersten Kind habe seine Frau den Großteil der Belastung, den sogenannten Mental Load, getragen. Bis sie mehr von ihm einforderte. Seit 2016 arbeitet er in Teilzeit, immer von 9 bis 15 Uhr, wie seine Frau. „Teilzeit muss aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Wichtig ist, dass ich die Kinder ernst nehme, wenn wir Zeit miteinander verbringen“, sagt Soethof.
Die Mutter sagt: Väter müssen selbst aktiv werden
Das Bild vom guten Vater wäre ohne die Perspektive der Mutter allerdings nicht komplett. Tanja Roos, Jahrgang 1985, hat vier Kinder im Alter von ein bis neun Jahren. Sie betreibt mit ihrem Mann den Beziehungs-Podcast „Das neue Wir“ und bietet auch Coachings für Eltern an. Sie sagt: „Einen guten Vater macht aus, dass er sich aus freien Stücken mit Erziehungsstilen und Ratgeberliteratur auseinandersetzt. Und dass er von sich aus Zeit mit dem Kind verbringt und die Hälfte der Care-Arbeit übernimmt.“ Auch Ehrlichkeit sei wichtig im Umgang mit Kindern, sagt Roos. Sie hält wenig davon, etwa vor Kindern nicht zu streiten. Stattdessen solle man lieber eine gute Streitkultur vorleben. „Wir unterschätzen Kinder oft. Sie kriegen negative Schwingungen sowieso mit“, sagt Roos. „Wir dürfen sie nicht für dumm verkaufen und müssen stattdessen Konflikte kindgerecht erklären.“
Aller Anfang einer Elternschaft liegt für Roos allerdings in der Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern. Roos’ Mutter ist gestorben, als sie 18 war, ihr Vater hat sich sieben Jahre später das Leben genommen. Das hat in ihr die Glaubenssätze gefestigt: „Ich bin machtlos“ und „Männer sind egoistische Schwächlinge“, sagt sie. „Ich wusste, wenn ich das nicht aufarbeite, kann ich keine gute Mutter sein und keine erfüllte Beziehung führen.“ Man solle sich aber nicht den Druck machen, das allein aufarbeiten zu müssen. Roos und ihr Mann sind in Coachings gegangen, haben Zeit und Geld investiert. „Es ist so viel schöner, wenn man das mal geknackt hat“, sagt sie.
Verhältnis zu eigenen Eltern aufarbeiten
Sich Zeit nehmen, Kinder ernst nehmen, seine Vergangenheit aufarbeiten, nebenbei noch Geld verdienen: Die Anforderungsliste an Väter ist lang. „Männer kommen jetzt an den Punkt, an dem Frauen bereits seit Jahrzehnten sind“, sagt Autor Soethof. „Du kannst nicht überall zu 100 Prozent abliefern.“
Mit Kindern sei alles ein Kompromiss. Doch: „Wenn man sich dabei selbst vergisst, hilft das niemandem.“ Roos meint: „Kinder finden immer etwas, was doof ist.“ Das sei auch wichtig, um sich abnabeln zu können. Letztlich bedeutet, ein guter Vater zu sein, wohl auch, sich einzugestehen, dass man nicht alles kann.