Katarina Sribnytska hat sieben Dinge eingepackt, die ihr wichtig sind. Es sind Erinnerungen. Foto: Horst Rudel
Als sie die Ukraine verlässt, packt Katarina Sribnytska nicht nur Praktisches ein. Sie nimmt auch sieben Dinge mit, die von Menschen ihres Lebens erzählen. Was ist wichtig fürs Weiterleben und Erinnern? Was gibt Kraft?
Am 23. Februar 2022 schreibt Katarina Sribnytska (31) zusammen mit ihrem Mann eine Liste. Darauf steht, was sie dringend einpacken müssen, wenn der Krieg kommt. Was nimmt man mit, wenn man sein bisheriges Leben zurücklassen muss – und nicht weiß, ob man jemals zurückkommen wird? Überall auf der Welt werden Menschen jeden Tag vor diese Frage gestellt: Was kommt ins Fluchtgepäck? Für Katarina kommt der Ernstfall schnell. Bereits ein Tag später ist der Krieg da. Der russische Angriff auf die Ukraine beginnt. Katarina will an die Front und kämpfen. Doch ihr Mann drängt sie, ihre ostukrainischen Heimatstadt Dnipro zu verlassen. Er selbst bleibt.
Gut zwei Wochen später am 10. März packt Katarina Sribnytska also einen kleinen Wanderrucksack mit nur ganz wenigen Dingen. Sie will die Hände freihaben für ihre Tochter. Die ist zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt. Im Rucksack landen ein Satz Unterwäsche zum Wechseln, die wichtigsten Papiere und Geld natürlich, die Scheckkarte. Den Rest tragen sie und ihre Tochter in Schichten am Leib. Vom Schlafanzug bis zur warmen Jacke. Zum Glück ist es kalt. Die vielen Kleidungsschichten sind so erträglich. In Hosen- oder Blusentasche steckt Katarina viele kleine Zettel. Darauf stehen Name und Blutgruppe von sich und ihrer Tochter. Sie rechnet mit allem.
Doch Katarina packt noch mehr ein. „Das waren die praktischen Dinge“, sagt sie. „Aber es gibt ja auch noch die emotionalen Erinnerungen.“ Vor ihr steht eine kleine graue Archivkiste, nicht viel größer als ein Schuhkarton. Darin sind sieben Gegenstände, die sie ebenfalls eingepackt hat. Sie sind Teil der Ausstellung „We are Family“, die das Museum für Alltagskultur“ in Waldenbuch gerade zeigt. Im dortigen Café sitzt Katarina und erzählt. Dass sie in der Schokoladenstadt gelandet ist, deren Produkte sie liebt, hält sie für eine fast schicksalhafte Fügung. Wie die goldenen Eintrittskarte im Tim-Burton-Film „Charlie und die Schokoladenfabrik“.
Jeder Gegenstand, den Katarina jetzt auspackt und zeigt, steht für einen Menschen in ihrem Leben und für eine Erinnerung. Es sind Erinnerungen, die ihr Kraft geben. In der Zusammenschau lesen sie sich wie der Roman eines Frauenlebens. Er erzählt von Schmerz, Aufbruch und dem Ergreifen neuer Chancen. Und vielleicht würde dieser Roman den Titel „Das Land, in dem ich mir die Haare abgeschnitten habe“ tragen. So nennt Katarina Sribnytska Deutschland und lacht. Warum?
Das Kopftuch
Das Kopftuch sollte ihre weibliche Seite unterstreichen- Foto: Horst Rudel/Rudel
Als Erstes greift sie zu einem schwarzen Kopftuch aus Plisseestoff mit orange- und cremefarbenen Punkten. Sie bindet die Enden unter ihrem Kinn zusammen. Ihr Mann hat es ihr geschenkt, als sie 25 Jahre alt war. Trotz ihrer damals langen Haare ist Katarina kein Weibchen, trägt ihre Fingernägel kurz und kletterte als Kind gerne auf Bäume. Das Kopftuch, so die Hoffnung ihres Mannes, würde sie ein bisschen weiblicher machen. Geklappt hat das nicht. Nun trägt sie ihre Haare kurz. Sie hat sie sich abschneiden lassen. Aber die Erinnerung an den Menschen, der der Vater ihrer Tochter ist, ist ihr wichtig.
Das Nageletui der Großmutter
Nageletui mit dem Channel-Duft nach Kindheit Foto: Horst Rudel/Rudel
In der Kiste ist auch ein braunes Nageletui ihrer Großmutter. Bei der lebte sie lange Jahre, da ihre eigene Mutter sie schon mit 16 Jahren bekam. In die Familie kam das Mäppchen durch die Urgroßmutter, die in Indien gearbeitet hat und es von dort mitgebracht hat. Mit dem Etui hat Katarina Sribnytska als Kind immer gespielt, hat der Großmutter die Nägel gefeilt. Den Inhalt hat sie in der Ukraine gelassen. Ihr Gepäck sollte so leicht wie möglich sein. Sie riecht am Mäppchen. Früher hat es nach Chanel Allure gerochen, dem Parfüm der Großmutter. Der Duft ist verflogen. Aber Katarina Sribnytska hat gespart und sich vor Kurzem ein Fläschchen davon gekauft. Es ist der Duft ihrer Kindheit. Er hilft, wenn sie traurig ist. Der Duft ist mit dem einzigen Satz untrennbar verbunden, den ihre Oma auf Deutsch sagen konnte: „Ich liebe dich!“ Erst später verstand sie, was die Großmutter ihr da gesagt hat. „Alles, was ich erreicht habe, habe ich meiner Oma zu verdanken“, sagt sie dankbar.
Die Blechdose mit Kohlekreide
Die Blechdose des Großvaters Foto: Horst Rudel/Rudel
An den Großvater erinnert ein kleines schwarzes Blechdöschen. Es hat eine niederländische Beschriftung. Er war Opernsänger und hatte diese Blechschachtel mit Lakritzpillen von einer seiner Konzertreisen aus Deutschland mitgebracht. Die Lakritze mochte die Enkelin nicht, auch wenn der Opa ihr versprach, sie werde davon stärker und selbstbewusster. Doch schon das Versprechen war Grund genug, dieses Döschen einzupacken. Sie füllte es allerdings mit schwarzer Kreide. Sollte sie auf ihrer Fahrt nach Deutschland festgesetzt werden, wollte sie damit schreiben oder Nachrichten hinterlassen. Sie musste es nicht.
Der Brief des Ehemanns
Ein Brief des Ehemanns als Kraftquelle Foto: Horst Rudel/Rudel
Vielleicht weil der Brief, den ihr Mann ihr zugesteckt hat, ihr genau die Kraft gibt, die er verspricht. Lesen darf sie ihn erst, wenn sie und die Tochter in Sicherheit sind. Sie liest ihn an ihrem Geburtstag in Deutschland. Es ist ein Liebes- und gleichzeitig vielleicht auch ein Abschiedsbrief, in geschwungener Handschrift. „Denk an Dich und Deine Zukunft! Lebe Deine Träume“, wünscht der Schreiber ihr. Seine Hoffnung: Beim Lesen seiner Zeilen solle sie zur Ruhe kommen. Wie bei einer Meditation. Der Traum beider in der Ukraine: eine Kombination aus Theater und Blumengeschäft. Katarinas Mann ist Regisseur, sie selbst Schauspielerin. In einem zweiten Brief rät er ihr, ein eigenes Leben zu leben. Er schreibt: „Sei stolz und glaub an Dich!“
Der Geldbeutel des Vaters
Die Geldbörse des Vaters steht für das Gefühl von Freiheit. Foto: Horst Rudel/Rudel
Der schwarze Geldbeutel, den seine Besitzerin jetzt zeigt, stammt aus dem Besitz des Vaters. Er hat in Indien gearbeitet und ihn von dort mitgebracht. Die schwarze Geldbeutel steht für das Gefühl, Geld zu haben. „Und Geld bedeutet Freiheit“, erklärt sie das Erinnerungsstück.
Das Kopftuch der (Ur)Oma
Das Kopftuch als einzige Erinnerung an die leibliche Mutter der Großmutter Foto: Horst Rudel/Rudel
Das Kopftuch der Oma ist beige. Es ist mit Blumen bedruckt, rosafarben und hellblau leuchtet es. Die Geschichte dazu ist weniger freundlich. Katarinas Oma ist in einem Kinderheim aufgewachsen. Als man sie dorthin brachte, hatte sie als einzigen Besitz eine Tüte bei sich, in der dieses Kopftuch steckte. Da war sie noch ein Säugling, so die Familienerzählung, und wurde schnell adoptiert. Das Tuch ist die einzige Erinnerung an ihre leibliche Mutter, Katarinas Urgroßmutter mütterlicherseits.
Die Postkarte aus Kiew
Ein Kartengruß aus Kiew von Freunden Foto: Horst Rudel/Rudel
Der siebte Erinnerungsgegenstand steht schon für das neue Leben in Waldenbuch. Es ist eine Postkarte, die ihre Freunde aus der ukrainischen Hauptstadt an Katarina geschrieben haben. Trotz Krieg hat sie den Weg nach Deutschland gefunden. Auf ihr kleben Briefmarken, die mit Kriegsmotiven. „Viele Grüße von deinen Freunden“ steht auf der Karte. Sie kam ein Jahr nach Katarinas Abschied. Sie steht für das Ankommen im neuen Leben.
Den kleinen Wanderrucksack, in dem Katarina die wenigen Besitztümer transportiert hat, die sie aus der Ukraine mitgenommen hat, hat sie übrigens in einen Altkleidercontainer geworfen. Begleitet von einem Gebet. „Er hat mich an die Flucht erinnert und im neuen Leben gebremst“, sagt sie. Diesen Rucksack zu entsorgen war für sie ein Akt der Befreiung.
Familienleben
Ausstellung We are family heißt die Mitmachausstellung, die das Landesmuseum an seinem Standort für Alltagskultur in Waldenbucher Schloss zeigt. Alles dreht sich dort darum, was das familiäre Zusammenleben ausmacht. Auch die Dinge, die Katarina Sribnytska eingepackt hat, sind zu sehen.
Öfnungszeiten Die Ausstellung ist dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr, sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt für Erwachsene vier Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre ist er frei.