Familien in Stuttgart Beim Wohnen endet der Inklusionsgedanke

Kein Platz für Großfamilien in Stuttgart (v. l.): Rosanna, Linda, Alexander, Ricarda, Philippa und Leslie Klitzke mit der mobilen Versorgungseinheit für Philippa Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Große Familien mit behinderten Kindern kommen in der Wohnbedarfsanalyse der Stadt nicht vor. „Für die betroffenen Familien ist die Frage aber existenziell“, sagt der Vater einer sechsköpfigen Familie und einer schwerstbehinderten Tochter.

Stuttgart - Das Piepen nervt. Vor allem nachts. Aber so sehr sich Rosanna, Linda und Ricarda auch an die Geräusche der lebenswichtigen Apparaturen ihrer Schwester Philippa gewöhnt haben, mit der Unterbrechung des Schlafs durch die Nachtschwester werden sich die Kinder und ihre Eltern wohl nie richtig arrangieren. Es ist für alle eine Bürde. Aber alle wissen, sie tragen die Last gemeinsam. Für Philippa und mit Philippa.

 

Die Neunjährige ist bereits schwer krank zur Welt gekommen. Weil das Zwerchfell nicht ausgebildet war, haben sich andere Organe des Raums bemächtigt. Die Folge: Die Lunge kam zu kurz – Philippa braucht lebenslang die Unterstützung von Maschinen und Menschen. Hinzu kommt eine geistige Behinderung. Aber wie in fast allen Familien, so haben sich auch in das Leben der Klitzkes die Krankheit, die Einschränkungen und der Umgang damit wie selbstverständlich integriert. Was nicht heißt, dass es allen damit immer gut geht. Und es heißt nicht, dass Familien wie die Klitzkes keine Wünsche oder Träume hätten. „Unser Wunsch wäre eine Wohnung mit einem Wohn-, einem Kranken- und Pflegeraum im Erdgeschoss sowie Räume für den Rest der Familie im Obergeschoss“, sagt Philippas Vater Alexander Klitzke (43).

Besondere Schwierigkeiten am Wohnungsmarkt

Um das zu realisieren, bräuchte die sechsköpfige Familie statt ihrer Fünfzimmerwohnung eine Wohnung mit sechs Zimmern oder gar ein Haus, das zudem Barrierefreiheit bietet. „Aber so etwas gibt es so gut wie nicht. Es gibt auf dem aktuellen Markt keine bezahlbaren Wohnungen mit fünf, sechs oder mehr Zimmern für große Familien oder die behindertengerecht ausgestattet sind“, sagt Alexander Klitzke, der inzwischen den Kampf aufgenommen hat.

Nicht nur für sich und die Belange seiner Familie, sondern für alle kinderreichen Familien und Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen im Haushalt. „Ich möchte auf diese besonderen Schwierigkeiten am Stuttgarter Wohnungsmarkt aufmerksam machen“, sagt der Ingenieur, „hier besteht dringender Handlungsbedarf.“ Weiter sagt er: „Für die betroffenen Familien ist die Frage aber existenziell – schließlich geht es um das Grundbedürfnis einer adäquaten Wohnung.“

Forderung: Stadt soll aktive Rolle spielen

Doch aufgrund der hohen Belastung durch die Pflegesituation schaffen es die meisten der betroffenen Familien nicht, für ihre Sache politisch zu streiten. Das ist bei Alexander Klitzke im Prinzip nicht anders. Aber nach jahrelanger Suche nach passendem Wohnraum hatte er die Nase gestrichen voll. Er musste etwas tun. Also hat er im Namen von fünf weiteren Familien einen vierseitigen Brief geschrieben und ihn an OB Frank Nopper (CDU) sowie die politischen Akteure der Stadt geschickt.

Darin schreibt der Familienvater unter anderem: „Familien mit mehr als zwei Kindern und Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen sind Teil der Stadtgesellschaft und dürfen bei dem Grundbedürfnis Wohnen nicht weiter gegenüber anderen Gruppen wie Singles, Paaren oder Alleinerziehenden marginalisiert werden.“ Echte Teilhabe und Inklusion müsse sich auch auf das Grundbedürfnis Wohnen erstrecken, so Klitzke. Er wünscht sich daher von der Stadt sowie der städtischen Tochter SWSG „eine aktive Rolle einzunehmen“. Denn diese Gruppe komme in den Planungen der Wohnbedarfsanalyse einfach nicht vor. Nach Klitzkes ersten Gesprächen mit Gemeinderäten hat immerhin Andreas Winter die Sache bei seinen Mitstreitern in der Fraktion der Grünen angesprochen und an die jeweiligen Fachleute in Sachen Wohnen sowie Soziales weitergegeben.

Steilvorlage für den Gemeinderat?

Den Experten der Gemeinderatsfraktion hat Klitzkes durch seinen detailreichen und fundierten Brief quasi eine Steilvorlage gegeben. Ob sie von den politischen Akteuren auch genutzt wird? Alexander Klitzkes legt seine Stirn in Falten. Er weiß auch, dass er mit seinen im Brief formulierten Forderungen alle neuralgischen Punkte der Wohnpolitik anspricht.

Daher erwartet er im ersten Schritt nicht allzu viel: „Es wäre schon schön, wenn ich bei unserem Oberbürgermeister ein Bewusstsein für unsere Situation schaffen könnte.“ Nur so könne die Stadt letztlich „ihrem eigenen Anspruch als inklusive, kinder- und familienfreundliche Großstadt in Zukunft gerecht werden“.

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