Zu viele Hiobsbotschaften erreichten zuletzt Eltern von Kindern mit Behinderung. Seit Jahren kämpfen sie darum, von der Politik gesehen und gehört zu werden – jetzt reicht es ihnen.
Eltern von Kindern mit Behinderung hat in den vergangenen Wochen eine Hiobsbotschaft nach der anderen erreicht. Schon seit Jahren gibt es an den sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) zu wenige Lehrkräfte. So lag der Versorgungsgrad im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Schulamts Stuttgart im Schuljahr 2024/2025 bei 81 Prozent.
An den drei SBBZ mit Schwerpunkt geistiger Entwicklung in Stuttgart ist die Lage noch schlechter. Die Folgen sind dramatisch. Wegen des eklatanten Personalmangels finden in der Grundstufe grundsätzlich nur 25 statt 34 Wochenstunden statt, in der Hauptstufe sind es 28 statt 34 Wochenstunden. Zuständig für die Lehrkräfteversorgung ist das Land Baden-Württemberg.
Aber auch von der Stadt fühlen sich Eltern von Kindern mit Behinderung nicht wahrgenommen. Vor wenigen Tagen erreichte die Margarete-Steiff-Schule in Möhringen die Nachricht, dass Stuttgart die Klassenassistenzen nicht mehr finanziert – trotz einer unbefristeten Dienstleistungsvereinbarung mit dem Körperbehindertenverein Stuttgart (KBVS). Stattdessen sollen Eltern Anträge auf Einzelassistenz für ihre Kinder stellen. So hat es der Gemeinderat in seinen Beratungen zum Doppelhaushalt beschlossen.
Der KBVS und Eltern gehen davon aus, dass die Einzelassistenzen mit einem erheblichen bürokratischen Aufwand für alle Beteiligten verbunden sind und für die Stadt letztlich teurer sind. Notwendig sind die Assistenzen allemal. Sie unterstützen Kinder mit Körperbehinderung zum Beispiel beim Essen, beim Toilettengang oder beim An- uns Auskleiden. Das können die Lehrkräfte nicht leisten.
Ebenfalls im Rahmen der Haushaltskonsolidierung beschlossen worden war, weniger Geld für Schulsanierungen und Schulneubauten auszugeben. Das trifft auch die Gustav-Werner-Schule, ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum in Zuffenhausen. Das Gebäude ist marode und vor allem viel zu klein, ein Anbau dringend erforderlich. Doch dafür gibt es vorerst kein Geld. Und das, obwohl selbst das Schulverwaltungsamt in einer Stellungnahme angegeben hatte, dass der Schulbetrieb akut gefährdet sei.
Am Donnerstag dieser Woche folgte der nächste Paukenschlag. Die Stadt hatte dem ASB als Hauptträger von Schulbegleitungen fristlos gekündigt. Der zog seine Mitarbeitenden direkt ab. Knapp 150 Kinder mit Behinderung können deshalb nicht mehr zur Schule gehen. Der Vorgang wirft viele Fragen auf. Die Pressestelle der Stadt schreibt, dass bekannt gewordene Sachverhalte die sofortige Kündigung erfordert hätten. Glaubt man dem ASB, war man wegen Abrechnungsproblemen im Sommer 2025 im Austausch, danach soll Funkstille geherrscht haben. Schulbegleitungen übernehmen ähnliche Aufgaben wir Klassenassistenzen.
Vor diesem Hintergrund ruft der Vorstand des Gesamtelternbeirats (GEB) Stuttgart nun zum stillen Protest auf. Dafür will das Gremium die Sitzung des Schulbeirats am Dienstag, 10. Februar, nutzen. Beginn ist um 14 Uhr im Rathaus. „Angesichts der aktuellen Entwicklungen rund um das Bundesteilhabegesetz und die Teilhabeleistungen – insbesondere dem überraschenden Abziehen der Eingliederungshilfen – erwarten wir eine besonders wichtige und spannende Sitzung für uns Eltern“, heißt es in einem Flyer.
Die Elternbeiräte treffen sich um 13.30 Uhr am Eingang, um dann gemeinsam in das Gebäude zu gehen. Wichtig: „Aus Rücksicht auf die Kinder planen wir keine Demonstration und bitten daher ausdrücklich darum, auf Transparente, Schilder, Trillerpfeifen und Ähnliches zu verzichten,“ mahnt der GEB. Es gehe um ein „stilles, aber sichtbares Zeichen“. Deshalb bittet das Gremium darum, in Erinnerung an die Aktion „Pflegende Eltern“ ein Pflasterkreuz auf der Brust zu tragen.