Eine neue Familienausstellung in München beleuchtet einen bislang kaum gezeigten Bereich der Lebenswelt im Alten Ägypten und macht diesen auch für jüngste Besucher erfahrbar.
Was zeigen Museen? Was wir einander aus der Vergangenheit erzählen, formt unser Wissen und Bild von historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Während seit einiger Zeit einerseits über die Provenienz von Objekten gesprochen werden muss, wollen kulturelle Institutionen andererseits immer wieder neu herausfinden, was überhaupt auf Interesse stößt und bei wem es das tut. Museen versuchen zunehmend, auch ein jüngeres Publikum anzusprechen. Wie bringt man die Kleinsten ins Museum? Da stellt sich nicht nur die Frage, was man zeigt, sondern auch die, wie man es zeigt.
Ein gelungenes Beispiel für so eine museumspädagogische Tiefenbohrung kann man seit Kurzem in München im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst (SMÄK) besichtigen. Die Sonderausstellung „Kindheit am Nil – Aufwachsen im Alten Ägypten“ wirft ein Schlaglicht auf den bislang unterbelichteten Alltag antiker Kulturen. Wie wuchsen Kinder vor bis zu 3000 Jahren auf? Gezeigt wird dieser Themenbereich so vielfältig, dass ihn zugleich kleine Kinder und Erwachsene gewinnbringend besichtigen können.
Tutanchamuns Schatz lockt sonst meist die Massen in ägyptische Museen
Arnulf Schlüter, Direktor des SMÄK, und Mélanie Flossmann-Schütze, seine Stellvertreterin und Kuratorin, haben aus den Depots geholt, was lange Zeit wenig Beachtung erfahren hat. Beim Alten Ägypten sind es sonst die prestigeträchtigen Bauwerke und große Kunst, die Museen füllen – wie in Ägyptens kürzlich eröffnetem Riesenmuseum bei Kairo, einem monumentalen Bau mit mehr als 100 000 Exponaten.
Die Sammlung im Münchner SMÄK gehört zu den bedeutendsten in Deutschland, sie geht auf verschiedene Sammlungen bayerischer Herrscher zurück, unter anderem auf die von Kronprinz Ludwig. Historisch bedingt wurde wenig Augenmerk auf schnöde Alltagsgegenstände gelegt, schon gar nicht auf Objekte aus dem Bereich der weiblichen und familiären Lebenswelt.
Spätantike Babyschuhe, die in der neuen Familienausstellung in München präsentiert werden, lagen bislang weitgehend unbeachtet im Depot, erzählt Kuratorin Mélanie Flossmann-Schütze, trotz ihrer „exquisiten Qualität“. Muschelketten aus der Kaurimuschel, die man oft in Gräbern des Alten Ägypten findet, konnten erst im Zuge der Ausstellungsvorbereitung klar als Grabbeigabe speziell für Kinder definiert werden.
Anhand von Playmobilfiguren sind die vielen Generationen dargestellt bis zu den Alten Ägyptern. Foto: ROY HESSING - DGPh
190 originale Objekte in der Sonderausstellung zeigen ein kindliches Leben vor Tausenden von Jahren und bieten erstaunlich viele Anknüpfungspunkte für Kinder der Gegenwart – wenn dort etwa eine Einladung zum Kindergeburtstag aus dem Jahr 124 nach Christus im Original ausgestellt ist.
„Als Geschenke brachte man Granatäpfel, Nüsse, Honigküchlein, oft mit dem Hinweis versehen: Bitte dem Kind nicht alles auf einmal geben“, erzählt Flossmann-Schütze. In der griechisch-römische Epoche lernten immer mehr Frauen und Kinder schreiben und lesen, was mutmaßlich dazu beitrug, dass überhaupt solche Schriftstücke mit Bezug zum Alltagsleben entstanden. Interessant ist die klare Abgrenzung von Kindern und Erwachsenen in Kunstwerken und Schriftstücken aus der Zeit. Kinder sind meist sofort als solche identifizierbar, denn sie sind nackt dargestellt, mit Jugendlocke und dem Finger am Mund. Man zeigte sie als Wesen im Werden, mit Potenzialen, daher das noch Unfertige der inszenierten Nacktheit, obwohl die Kinder mutmaßlich im Alltag Leinenkleidung trugen. Der Finger am Mund verweist auf das Kleinkind, das noch nicht spricht. Kinder hatten damals durchaus Rechte, sie konnten beispielsweise mit Erbteilen bedacht werden. Auf Steintafeln, wie etwa auf der Scheintür am Grab des Meni, die in der Ausstellung zu sehen ist, erkennt man eine kleine Familie: den Hausvorsteher Meni, seine Frau und seine Kinder.
Entdeckung der Kindheit und der Familie als gesellschaftliche Einheit
Das ist insofern interessant, als Jahrhunderte später anders mit der Lebensphase Kindheit umgegangen wurde. Einen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen hat etwa das Mittelalter nicht gekannt: Kinder lebten ab dem Alter von sieben, also sobald sie sich allein fortbewegen und verständlich machen konnten, mit den Erwachsenen, waren kleine Erwachsene. Kinder wurden vor allem als Arbeitskräfte oder Stammhalter angesehen, wuchsen eher im Kollektiv auf. 1960 legte der Kulturwissenschaftler Philippe Ariès in seinem Standardwerk zur Geschichte der Kindheit dar, dass die moderne Vorstellung der Familie als kleine gesellschaftliche Einheit gar keine so lange Tradition hatte, wie man bis dahin geglaubt hatte. Die Familienvorstellung entwickelte sich in Europa erst weit nach dem 16. Jahrhundert. „Die Vorstellung, dass ein Kind bereits eine vollständige menschliche Persönlichkeit verkörperte, wie wir heute allgemein glauben, kannte man im 16. Jahrhundert nicht“, schreibt Ariès.
Wie die Kinder von Pharaonen, Priestern und Beamten im Alten Ägypten lebten, ist in der Ausstellung gut dokumentiert, denn vor allem von jenen bessergestellten Familien sind Artefakte erhalten. Wie die ägyptischen Kinder sich kleideten, was sie aßen oder wo sie schliefen ebenso. Auch Bälle und Brettspiele sind überliefert, können ausprobiert werden. Sport nannten die Ägypter „das Herz erfreuen“. Interaktive, spielerische Elemente bringen kleinen Besuchern diese Lebenswelt näher. Mit einem Heft und einer UV-Taschenlampe ausgerüstet, können sie in Entdeckerfenster leuchten, Fragen beantworten, einen Kinderpfad entlang gehen, Leinenkleidung anprobieren, antike Kopfstützen als Kissen testen und an Düften aus der antiken Kochkultur schnuppern.
Der Tod und ein Jenseitsglaube war für die Kinder im Alten Ägypten Alltag
Die Ausstellung verbirgt aber auch die Unterschiede zur heutigen westlichen Kindheit nicht. Kind war man vor Hunderten von Jahren nur kurz – schon im Alter von 12 bis 15 Jahren galt man als erwachsen, musste heiraten oder einen Beruf ergreifen. Doch dieses Alter erreichte fast die Hälfte der Kinder nicht. Krankheiten, mangelnde hygienische und medizinische Kenntnisse setzten dem Leben der Kleinsten oft früh ein Ende.
Wie kann man davon erzählen, ohne heutige Kinder zu erschrecken? Im hinteren Teil der Ausstellung sind Kindersärge und eine Mumie zu sehen, dezent im Dunklen ausgestellt und in der Anmutung eher bildhaft, um die Möglichkeit zu bieten, sich entweder damit auseinanderzusetzen oder mangels herausstechender Anreize im kindlichen Habitus auch mal darüber hinweg zu gehen.
Der Tod, der damit verbundene Jenseitsglaube und Übergangsrituale waren für die Kinder im Alten Ägypten Alltag. In Kindergräbern wurden Nahrung, Spielzeug oder Welpen als Grabbeigaben hinterlassen. Ramses II., einer der mächtigsten Pharaonen, soll mit seinen Frauen an die 100 Kinder gehabt haben. Der Lebensweg mancher von ihnen ist in der Ausstellung kurz dokumentiert. Ramses’ Nachfolger war der 13. Sohn. Die ersten 12 hat Ramses selbst überlebt.
Die Lebenswelt von Frauen und Kindern im Alten Ägypten wird sichtbar
Da Geburt und Kleinkindalter derart lebensgefährlich waren, wurden diese Bereiche mit Ritualen religiös abgesichert, das zeigt ein weiterer Teil der Ausstellung. „Magie war im Alten Ägypten kein Randphänomen, sondern Ausdruck einer religiösen Weltaneignung“, so Direktor Arnulf Schlüter. Besonders in Bezug auf die weibliche Lebenswelt, Fruchtbarkeit, Mutterschaft und Geburt wird das deutlich. Mit Zaubermessern aus Nilpferd-Elfenbein zog man einen Bannkreis um das Geburtsbett oder legte das Messer auf den Bauch der Mutter, um böse Mächte fernzuhalten. Statuetten, meist aus Ton, zeigten Schwangere oder Mütter mit Kind und sollten wohl dem magischen Schutz des Wochenbetts dienen.
Für das Museum ist die Sonderschau auch ein Expertimentierfeld. Direktor Arnulf Schlüter will die partizipativen Stationen auf diese Weise testen, um sie künftig womöglich auch in der Dauerausstellung zu implementieren.
Informationen zur Ausstellung
Die Sonderausstellung „Kindheit am Nil – Aufwachsen im Alten Ägypten“ ist bis Sonntag, 21. Juni 2026, geöffnet. Sie befindet sich im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst (SMÄK) in der Gabelsbergerstraße 35 in 80333 München. Geöffnet ist das Museum Dienstag 10 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Eintrittspreise für die Sonderausstellung „Kindheit am Nil“: Erwachsene 8 Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei.