Familienbildung in Stuttgart Stadt stutzt dem Elternseminar die Flügel

Wo das Elternseminar Angebote macht, ist immer auch ein Ort der interkulturellen Begegnung. Foto: Max Kovalenko

Jahrelang war das städtische Elternseminar Stuttgarts Flaggschiff in der Familienbildung, Sprachbildung und der Integration Zugezogener. Nun will die Verwaltung 76 Honorarkräfte nicht mehr beschäftigen. Das führt zu einem Kahlschlag.

Stuttgart - Das Stuttgarter Elternseminar unterstützt Mütter und Väter bei der Erziehung und im Alltag. 76 Honorarkräfte unterschiedlicher Nationalität sind dafür im Einsatz. Doch die Stadt will künftig nicht mehr mit ihnen zusammenarbeiten, das hat sie ihnen schriftlich mitgeteilt. Ihre Arbeit sollen künftig Festangestellte erledigen, die sich derzeit gerade mal 13,5 Stellen teilen. Margit Leitz, Vorstand der Louis-Leitz-Stiftung, ist erschüttert: „Wie kann die Stadt eine so gut funktionierende Einrichtung wie das Elternseminar zerschlagen?“, sagte sie am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Eltern-Kind-Zentrum Stuttgart-West.

 

Wesentlicher Baustein

Das Elternseminar gehört zum Jugendamt und bietet seit 1963 in allen Stadtbezirken Kurse, Vorträge, Veranstaltungen, Begegnungsmöglichkeiten für Eltern an. Das Angebot ist auf den Bedarf im Quartier zugeschnitten und reicht vom Alphabetisierungskurs bis zum Wochenendtreff für Väter mit Migrationshintergrund. Die sozialen Einrichtungen in den Stadtteilen – Eltern-Kind-Zentren, Kinder- und Familienzentren, Kitas, Schulen, Bürgerhäuser – bieten den örtlichen Rahmen und konnten beim Elternseminar Honorarkräfte zu verschiedenen Themen oder Aktionen anfordern. 885 Angebote mit fast 9000 Teilnehmern – damit war die Institution ein wesentlicher Baustein der Sprachbildung und Integrationin Stuttgart.

Nun aber sollen alle Honorarkräfte nicht weiterbeschäftigt werden. Als Begründung führte die Stadt zunächst sozialversicherungs- und steuerrechtliche Gründe an, was Wolfgang Oesterle zurückweist: „Ich bin bei einem Sozialunternehmen fest angestellt, da kann es bei meiner Tätigkeit als Honorarkraft in fünf bis acht Kursen pro Jahr nicht um Scheinselbstständigkeit gehen.“ Auf Anfrage heißt es jetzt vonseiten der Stadt: „Wir stellen das gesamte Angebot auf den Prüfstand, zum Beispiel, welche Angebote wie in Anspruch genommen werden oder über welchen Zeitraum Angebote laufen oder laufen sollten“, sagt Katrin Schulze, Abteilungsleiterin im Jugendamt. Auch vieles, was man fachfremd übernommen habe, gebe man zurück an die Träger.

Experten von außerhalb sind zu teuer

In Stadtteil- und Familienzentren wie dem Eltern-Kind-Zentrum fallen ohne Honorarkräfte vier von fünf Angeboten flach, auch der Sonntagstreff für Alleinerziehende, der bei den Besucherinnen hoch im Kurs steht, sagt die Personalverantwortliche Elke Arenskrieger. Mustafa Zreik beklagt den Wegfall des Treffs für arabisch sprechende Männer über 50 Jahren: „Wir sprechen über Aktuelles, Familie, die kulturellen Unterschiede, wir korrigieren Fehlinformationen, sind Brückenbauer und Vorbilder. Das fehlt der Stadt jetzt.“ Elke Arenskrieger ergänzt: „Wenn wir die Angebote weiterhin machen sollen, brauchen wir mehr Mittel.“ Bisher habe die Stadt jedoch die Träger nie offiziell über ihre Pläne informiert.

Seit dem Sommer hoffen die Honorarkräfte auf Fürsprache aus dem Stuttgarter Gemeinderat, doch keine Fraktion hat anlässlich der Lesungen des Doppelhaushalts 2022/23 einen Antrag zum Elternseminar gestellt. Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, hat sich zwar bei den Honorarkräften schriftlich für die bisherige Arbeit bedankt, die Entscheidung aber nicht infrage gestellt. „Auch in Zukunft werden alle Familien ausreichende und passende Bildungsangebote erhalten“, versichert die Bürgermeisterin für Jugend und Bildung.

Louis-Leitz-Stiftung schlägt runden Tisch vor

„Die Louis-Leitz-Stiftung bedauert die vorliegende Entscheidung sehr“, sagt Margit Leitz. Sie wünsche sich einen Runden Tisch zum Thema. Rosemarie Daumüller vom Landesfamilienrat warnt: „Es braucht ein bedarfsgerecht geplantes Netz von Angeboten für Familien. Das hat das Elternseminar vorbildlich gemacht. Wenn es wegbricht, muss das Jugendamt die Steuerung übernehmen. Doch das sehe ich momentan nicht.“

Im Namen der Stadtteil- und Familienzentren fordert Elke Arenskrieger: „Der Gemeinderat muss der Verwaltung den Auftrag erteilen, kurzfristige Lösungen für Lücken im Bildungsangebot zu entwickeln.“

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