Wenn Kinder malen, geben sie in ihren Bildern oftmals Einblick in ihre Seelen. Sie können ihrer Fantasie freien Lauf lassen und ihre Weltsicht dokumentieren. Und auch wenn man nicht jedes Kinderbild voreilig interpretieren, sondern stets auch dahinter blicken sollte, können sich beim genauen Hinschauen interessante Perspektiven eröffnen. Zum Tag der Familie hatte die Esslinger Familienbildungsstätte (FBS) Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren zu einem Malwettbewerb eingeladen: In ihren Bildern sollten sie zeigen, was „Familie“ für sie ganz persönlich bedeutet. Die Resonanz war riesengroß – 108 Arbeiten wurden eingesandt. Mehr noch als die Zahl sind jedoch die Beiträge bemerkenswert. „Die Bilder zeigen, wie vielfältig sich Familien heute darstellen“, erklärt Doris Ziebritzki, die neue Leiterin der FBS. Für sie und ihr Team bieten die Beiträge auch interessante Hinweise für die künftige Arbeit der Familienbildungsstätte.
Wunsch und Wirklichkeit
Wenn Doris Ziebritzki die Kinderbilder anschaut, die derzeit in der Familienbildungsstätte zu sehen sind, kann sie nur staunen: „Es ist beeindruckend, wie vielfältig die verschiedenen Aspekte von Familienleben heute sein können. Jedes dieser Bilder erzählt eine eigene Geschichte. Manche scheinen die familiäre Realität der kleinen Künstlerinnen und Künstler zu zeigen, aus anderen scheint eher der Wunsch zu sprechen, wie sich Kinder ihr Leben erträumen.“ Manche der kleinen Kunstwerke entsprechen ganz dem klassischen Familienbild mit Vater, Mutter, zwei Kindern und eventuell noch Hund oder Katze. Es gibt aber auch Bilder, die ganz andere Familienkonstellationen zeigen. In manchen fehlt ein Elternteil, in anderen wird der Familienkreis deutlich weiter gezogen. In einem anderen Bild zeigen die Dimensionen, in denen die einzelnen Familienmitglieder gezeichnet werden, wer klar die Hauptrolle spielt. Vielfalt ist Trumpf: Unterschiedliche Hautfarben sind längst Alltag, in vielen Bildern gehört das Kopftuch selbstverständlich dazu. Oft wird auch die jeweilige Lebenssituation eindrücklich beschrieben: Ein riesengroßer Wohnblock mit vielen Etagen – in der neunten Etage verliert sich eine vierköpfige Familie.
„In vielen der Bilder wird der Wunsch nach familiärer Harmonie ganz deutlich“, hat Doris Ziebritzki beobachtet. Oft spielt Musik eine ganz wichtige Rolle – mal gehören Cello oder Klavier dazu, ein andermal ist das Bild durch stilisierte Noten ganz und gar mit Klang erfüllt. Themen wie Liebe, Freundschaft und Geborgenheit spielen eine wichtige Rolle – so wie im Siegerbild der neunjährigen Elsa Steinbach, das deren Familie in Aktion in der Natur zeigt; Lola, die vierjährige Schwester der Gewinnerin, hat die liebevoll ausgearbeitete Darstellung mit kleinen Herzchen verziert. Oder der zweitplatzierte Beitrag der elfjährigen Nejra Ljevakovic, der deren Familie dreidimensional auf einer Weltkugel zeigt – verbunden mit dem universellen Wunsch: „Liebe deine Familie – egal, wie sie ist.“
„Potenzial der Gesellschaft“
Doris Ziebritzki und ihr Team schauen bei diesen Bildern sehr genau hin, weil sie ihnen wichtige Hinweise für die künftige Arbeit der Familienbildungsstätte geben: „Wir sehen aus vielen Darstellungen, wie sich das Familienbild in unserer Gesellschaft wandelt, was sich Kinder wünschen, was sie brauchen und was wir ihnen geben können und sollten. So, wie sich das Familienbild in unserer Gesellschaft wandelt und immer differenzierter darstellt, so müssen auch wir als FBS den aktuellen Bedarf immer wieder neu ermitteln und unsere Angebote daran ausrichten. Familien sind das Potenzial unserer Gesellschaft. Es ist sehr wichtig, für sie noch mehr zu tun, über die Arbeit der Kitas hinaus.“
Die Familienbildungsstätte Esslingen und ihr Programm
FBS
Als Evangelische Mütterschule war die heutige ökumenische Familienbildungsstätte Esslingen 1929 gegründet worden. Aktuell werden jedes Jahr rund 350 Veranstaltungen, Seminare und Kurse angeboten. So möchte die FBS dazu beitragen, „dass der Alltag in Familien gelingt“. Die Angebote sind für alle Menschen zugänglich – unabhängig von Alter, Herkunft, Religion, Kultur und Lebensform. Seit Frühjahr leitet Doris Ziebritzki die Familienbildungsstätte. Die promovierte Theologin hat den kommissarischen Leiter Hermann Beck abgelöst, der die FBS durch schwierige Zeiten geführt und mit viel Engagement neu positioniert hat.
Vortrag
Boglarka Hadinger spricht am Mittwoch, 14. Juni, um 19 Uhr in der FBS (Berliner Straße 27) zum Thema „Wie heute erziehen?“. Die renommierte Psychologin schildert Beispiele aus ihrer Arbeit mit Kindern und erläutert psychologische Zusammenhänge. Ihr Credo: „Für jede Erziehungsfrage gibt es Lösungen.“