Familienbildungsstätte Leonberg Puppe zeigt: So gefährlich ist Schütteln fürs Baby

Leo-Center-Manager Serge Micarelli übergibt Puppe und Urkunde an die Familienbildungsstätte, vertreten durch Alexandra Heinke, Heidi Fritz sowie die Leiterin Constanze Mansour. Foto: Simon Granville

Das Leo-Center spendet eine Schüttelpuppe an die Familienbildungsstätte Leonberg. Diese verdeutlicht die Folgen von Schütteltraumata bei Babys und soll in den zahlreichen Kursen für Eltern und Familien eingesetzt werden.

Das Schreien ist herzzerreißend und unerbittlich. Nichts hilft, kein Schaukeln, kein Singen, kein Gutzureden. Das Baby hört einfach nicht auf zu schreien. Irgendwann sind die Nerven überstrapaziert, der Geduldsfaden reißt.

 

Das Baby wird geschüttelt, bis es endlich still ist. Vermeintlich still. Denn es ist nicht beruhigt, sondern schwer verletzt. Schütteltrauma – etwa 100 bis 200 Fälle werden jährlich in Krankenhäusern in Deutschland erfasst. Auch wenn die Dunkelziffer wahrscheinlich höher liegt, so greift nur ein winziger Teil der Betreuenden zu diesem rabiaten Mittel. Doch jeder Fall ist einer zu viel.

Falsche Reaktion im Moment der Überforderung

„Aufklärung über die Folgen ist ganz wichtig“, sagt Serge Micarelli, der Manager des Leo-Centers. Das Einkaufszentrum in Leonberg gehört zur ECE-Gruppe und hat jetzt der Familienbildungsstätte (FBS) eine Schüttelpuppe zur Verfügung gestellt. „Eltern, die nicht die Erfahrung oder Routine haben und dann überfordert sind, zeigen manchmal die falsche Reaktion“, sagt Micarelli. Welche Folgen das haben kann, das soll die Schüttelpuppe verdeutlichen. Diese ist Teil der Initiative „Schüttel mich nicht“, die das Berliner Universitätsklinikum Charité gemeinsam mit dem German Council of Shopping Places (GCSP), bei dem die ECE-Gruppe Mitglied ist, im Jahr 2022 gestartet haben.

Das GCSP übernimmt dabei die Finanzierung der Puppen, die Shoppingcenter finden die passenden Einrichtungen. Oftmals handelt es sich dabei um Geburtsstationen an Kliniken. „Uns hat es sehr gefreut, dass man im Leo-Center an uns gedacht hat“, sagt Constanze Mansour, die Leiterin der Familienbildungsstätte in Leonberg. Denn an der FBS finden jährlich dutzende Kurse für Eltern statt, angefangen bei der Begleitung in der Schwangerschaft und Geburtsvorbereitung, über die Säuglingspflege und Babymassage bis hin zu den Baby-Kursen Pekip und Lefino.

Bis auf den Kopf sieht die Schüttelpuppe aus wie eine gewöhnliche Babypuppe. Foto: Simon Granville

10 bis 30 Prozent der Babys mit Schütteltrauma sterben

Gerade ist das neue Semester am FBS gestartet „und die Puppe wurde auch schon eingesetzt“, berichtet Mansour. Die lebensgroße Babypuppe sieht genauso aus wie andere – mit Ausnahme des Kopfes. Dieser ist aus durchsichtigem Plastik, darunter ist das Gehirn zu sehen. Mansour schaltet die Puppe an, die sofort anfängt zu weinen. „Es ist so eingestellt, dass sie sich nicht beruhigen lässt durch Schaukeln oder anderes“, sagt sie. Dann schüttelt sie zu Demonstrationszwecken das Baby aus Gummi und Plastik – und siehe da, es ist Ruhe. Allerdings fangen im Kopf mehrere rote Lichter an zu blinken. „Man muss gar nicht viel schütteln, bis es erste Schäden anzeigt“, sagt die FBS-Leiterin.

Doch diese können verheerend sein. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sterben zwischen zehn und 30 Prozent der Babys, die mit einem Schütteltrauma ins Krankenhaus eingeliefert werden. Es ist die häufigste nicht-natürliche Todesursache bei Kleinkindern. Etwa zwei Drittel der Kinder, die ein Schütteltrauma überleben, leiden ein Leben lang an den Folgen. Symptome reichen von See- und Sprachstörungen über Lernverzögerungen bis hin zu Krampfanfällen oder schweren körperlichen und geistigen Behinderungen.

Der Kopf muss gestützt sein

In den Kursen an der FBS können die Eltern nun direkt sehen, was beim Schütteln passiert – ohne dass ein Baby dabei zu schaden kommt. Und auch, welche Bewegungen ok sind für den Nachwuchs. „Starkes Schaukeln löst kein Schütteltrauma aus, wenn der Kopf dabei gestützt ist“, erklärt Constanze Mansour. „Das Schütteltrauma entsteht, wenn der Kopf ungestützt ist und hin und her wackelt. Dabei schlägt auch das Gehirn im Schädel hin und her“, so die FBS-Leiterin. Babys haben noch keine ausgebildete Nackenmuskulatur, die das Wackeln verhindern oder bremsen könnte.

Mit dem bloßen Anschauungsunterricht ist es an der FBS jedoch nicht getan. „Hier haben sie auch Austausch mit anderen Eltern und merken, dass sie nicht alleine sind“, sagt Mansour. Manchmal reiche schon das Gefühl, gehört zu werden. Und es sei auch ein Kernanliegen der FBS, den Eltern an die Hand zu geben, was sie tun können. Wenn man mit dem schreienden Baby überfordert ist, jemanden zu Hilfe zu holen etwa. Oder das Baby kurz abzulegen, aus dem Raum zu gehen und sich selbst zu beruhigen. Denn Ruhe oder Unruhe übertragen sich auch auf das Baby. Und am Ende ist alles besser, als eine schwere Behinderung oder gar den Tod das Kindes zu riskieren.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Baby LEO-Center Leonberg