Altdorf/Kreis Esslingen - Die Kindertagesstätten im Kreis Esslingen hatten bis zuletzt geschlossen, Schwimmbäder und andere Freizeiteinrichtungen sind noch zu. Die Kinder aber wollen beschäftigt und bespaßt werden. „Viele Eltern meinen, man braucht dazu mindestens ein Karussell“, sagt Jessica Lichner, während sie Söhnchen Theo auf der Babyschaukel eines Altdorfer Spielplatzes anschubst. Ein Irrtum, sagt die 34-Jährige, die unter dem Namen @wunderkunft seit Oktober auf der Social-Media-Plattform Instagram Ausflugstipps für junge Familien veröffentlicht. Viele seien sich nicht sicher, was für Aktivitäten im Lockdown möglich seien. „Die Eltern wollen einfach wissen, wo man gerade hinkann.“ Die Coronapandemie mit Lockdown und Kitaschließungen habe dazu geführt, dass viele Leute sich jeden Tag ein Programm für ihre jungen Kinder einfallen lassen müssten. Aber nicht nur Eltern folgten ihren Einträgen auf Instagram. „Ich werde inzwischen auch von Großeltern angeschrieben, die einen schönen Ort gesehen und an mich gedacht haben“, sagt Lichner. „Das finde ich toll, denn ich lebe von Tipps.“
Spielplätze oft nicht gelistet
Ganz oben auf Lichners Liste stehen Spielplätze. Besonders schöne und gut ausgestattete – zum Beispiel den Spielplatz am Hüttensee in Wendlingen – nimmt sie in ihren Blog auf. „Das ist auch das, was von den Leuten am meisten beachtet wird“, weiß sie. „Viele suchen keine Tagesausflüge, sondern Orte, wo sie sich für drei Stunden hinsetzen und ihre Kinder spielen lassen können.“ Wichtig sei dabei, dass der Spielplatz eine Babyschaukel habe. Neubaugebiete, so die zweifache Mutter, sind oft eine wahre Fundgrube für Spielplätze. „Die findet man aber oft nicht bei Google oder bei Seiten wie Spielplatztreff“, sagt sie. Einige Gemeinden habe sie schon darauf hingewiesen, dass ihre Spielplätze nicht im Netz zu finden seien.
Lichner hat sich darum vorgenommen, ihren Followern ein „Rundumpaket“ zu bieten. In ihren Posts zu schönen Spielplätzen steht darum nicht nur, was für Spielgeräte es gibt, sondern auch, ob und wo es im Umkreis Toiletten und Parkplätze gibt – und was es sich mitzubringen lohnt. Auch wenn in unmittelbarer Nähe beispielsweise noch ein Naturlehrpfad darauf wartet, erkundet zu werden, finden das ihre Follower in den Beiträgen.
30 Wochenstunden für die Community
Bei ihren Recherchen sucht sich die 34-Jährige gerne einen Ort in Stuttgart oder in den Landkreisen Esslingen, Reutlingen und Göppingen aus und testet sich mit ihren Söhnen durch die Angebote. Rund 30 Stunden in der Woche ist sie dafür auf Achse. Unbezahlt. Selbst in den kleinsten Orten werde man meist fündig. „Altdorf ist dafür ein gutes Beispiel“, sagt sie. „Da denkt kein Mensch, dass man hier mit Kindern etwas unternehmen kann.“ Mittlerweile hat sie so mehr als 5000 Abonnenten erreicht. Doch nicht nur Spielplätze stellt die 34-Jährige vor, die eigentlich im IT-Bereich arbeitet. Gerne stellt sie landwirtschaftliche Betriebe vor, besonders wenn es einen Hofladen gibt. Auch in Altdorf wird sie fündig, beispielsweise beim Hof Butz mit seinen glücklichen Kühen in der Stuttgarter Straße oder bei der Naturkosterei von Simone Bullinger im Taubenäckerweg. „Frau Bullinger hat sich in der Pandemie als so etwas wie das gute Herz im Dorf herauskristallisiert“, sagt Lichner. Jede Generation kaufe gerne in dem kleinen Bioladen in der Taubenäckerstraße ein. „Viele Kinder kommen sogar alleine mit einem Täschle und fünf Euro.“
Aber warum sollte man Kleinkinder mit in den Hofladen nehmen? „Kinder lieben es, wenn sie zum Beispiel einen Apfel kaufen und direkt essen können“, sagt die Familienbloggerin. Die Eltern müssten versuchen, sich an das zu erinnern, was ihnen selbst als Kind Freude bereitet habe. Das helfe dabei, geeignete Aktivitäten zu finden.
Nicht immer dem neuesten Tipp folgen
In Altdorf lohne sich auch eine Fahrt zum Kneippbecken am Wasserhäusle an der Raidwanger Straße. Dort könnten die Kleinen beim „Füßeplätschern“ ihren Spaß haben. Auch Wildgehege, Erlebnisbauernhöfe, Wälder, Bäche und Quellen finden sich immer wieder auf ihrer Instagram-Seite. „Die Wasserfälle sind oft überlaufen, aber man unterschätzt auch, wie viel Spaß Kinder am Ursprung eines Gewässers haben“, sagt Lichner.
Die zweifache Mutter orientiert sich mit ihren Empfehlungen am Alter ihres älteren Sohnes, der drei Jahre alt sei. Die meisten ihrer Beiträge zeigen Orte, die frei zugänglich sind. Und alle seien trotz der aktuellen Situation zugänglich, verspricht sie. Zu ihrem Familienblog ist sie durch Zufall gekommen. „Eigentlich wären mein Mann und ich während der Elternzeit auf Weltreise gewesen“, sagt sie. Dann kam Corona dazwischen. Lichner ist in Heilbronn aufgewachsen und lebt erst seit ein paar Jahren im Kreis Esslingen. Sie fasste den Entschluss, statt der Welt die Region zu erkunden. „Irgendwann dachte ich dann, es wäre schade, den Menschen die schönen Orte vorzuenthalten, die ich finde“, sagt sie. Auf die Frage, ob die Ziele, die sie empfiehlt, nicht überlaufen würden, sagt Lichner, dass man es in den Tagen nach einem Post schon merke, dass sich mehr Menschen dorthin auf den Weg machen. „Aber ich habe inzwischen mehr als 155 Orte auf meiner Seite“, sagt sie. „Man kann ja auch mal einen älteren Beitrag angucken.“