Familiendrama in Krefeld „Die Verzweiflung der Mutter muss extrem sein“

In dieser ehemaligen Gaststätte im Krefelder Stadtteil Hüls geschah die Tat. Die Frau bewohnte mit ihren Kindern das Dachgeschoss (vorne im Bild). Foto: dpa
In dieser ehemaligen Gaststätte im Krefelder Stadtteil Hüls geschah die Tat. Die Frau bewohnte mit ihren Kindern das Dachgeschoss (vorne im Bild). Foto: dpa

Eine Mutter will sich das Leben nehmen und springt aus dem zweiten Stock ihres Wohnhauses. ihre drei kleinen Kinder will sie mit in den Tod nehmen. Warum tut ein Mensch so etwas?

Leben: Markus Brauer (mb)
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Stuttgart - Eine Mutter wirft ihre drei kleine Kinder aus dem Fenster ihrer Wohnung. Danach versucht sie sich das Leben zu nehmen. Ein unbeschreiblich grausige, nicht nachvollziehbare Tat. So geschehen am gegen 4.30 Uhr am Montagmorgen (13. Juni 2016) in Krefeld.

Aktueller Fall in Krefeld

Die Kinder im Alter von drei, fünf und sechs Jahren überleben schwerstverletzt und kommen ebenso wie die 33-jährige Mutter ins Krankenhaus, wie die Krefelder Polizei mitteilt. Ein Fahrradfahrer auf dem Weg zur Arbeit hatte die Kinder gegen fünf Uhr morgens auf dem Gehweg vor dem Haus gefunden. Ihr Gesundheitszustand ist laut Polizei weiter kritisch. Bei dem Gebäude handelt es sich um eine ehemalige Gaststätte in Krefeld-Hüls. Die Mutter und ihre Kinder bewohnen die Dachgeschosswohnung im zweiten Stock des Hauses.

Die verdächtige Frau sei mittlerweile außer Lebensgefahr. Zum Tathergang und den Hintergründen habe die Frau keine Angaben gemacht, erklären die Beamten. Eine Beteiligung Dritter – etwa des Vaters – wird vorerst ausgeschlossen. Der Vater der Kinder sei zur mutmaßlichen Tatzeit nicht in der Wohnung gewesen, heißt es.

Wir fragten den Kriminalpsychologen Rudolf Egg (67), emeritierter Professor an der Universität Erlangen und ehemaliger Direktor der Kriminologischen Zentralstelle des Bundes und der Länder (KrimZ) in Wiesbaden zu Motiven und Gründen für eine solche Tat:

Interview mit dem Kriminalpsychologen Rudolf Egg

Prof. Rudolf Egg. Foto: dpa
Herr Professor Egg, in Krefeld hat eine 33-jährige Frau ihre drei Kinder im Alter von drei, fünf und sechs Jahren aus dem Fenster geworfen und ist dann hinterher gesprungen, um sich das Leben zu nehmen. Warum tut eine Mutter so etwas? Was geht in ihr vor?
In der Psychologie spricht man von erweitertem Suizid. Diese Frau weiß aus welchen Gründen auch immer – das kann Ergebnis einer Krankheit oder einer Beziehungs- oder Lebenskrise sein – nicht mehr weiter und möchte aus dem Leben scheiden.
Aber wieso will sie ihre Kinder mit in den Tod reißen?
Sie möchte ihren kleinen Kindern ersparen, dass diese ohne sie aufwachsen müssen und in fremde Hände kommen. Deshalb will sie sie mit in den Tod nehmen. Das ist eine Form von Fürsorge oder Mitleid, welche die Annahme in sich birgt, dass man selber derjenige ist, der dem Kind oder den Kindern das Leben nehmen darf, weil man es ihm oder ihnen auch gegeben hat. Das ist der psychisch gestörte Anteil an einem solchen Fall.
Ist dies eine Form extremen Narzissmus?
Ein starker Selbstbezug kann dabei schon eine große Rolle spielen. Eine andere Sichtweise ist aber die, dass es sich hier um eine überzogene und letztlich pervertierte Form des Mitleids handelt, die aber für die Kinder hochgefährlich ist. Die Mutter will dem Kind oder den Kindern Leid ersparen. Das ist an sich ein positiver Gedanke, aber die Umsetzung ist grausam und nicht hinnehmbar.
Nach dem Naturrecht hat kein Mensch – auch keine Mutter – das Recht, anderen das Leben zu nehmen.
Natürlich nicht. Das ist völlig klar. Aber es gibt Menschen, die in einer solchen Extremsituation sagen: Ich habe meinem Kind das Leben geschenkt. Jetzt bin ich diejenige, die darüber bestimmt, ob es weiterleben soll oder nicht.
Gibt es Umstände, die eine solche Tat aus Sicht des Psychologen erklären können, wenn sie schon nicht zu rechtfertigen ist?
Die Psychologie ist nicht diejenige Instanz, die über legitimes oder illegitimes Verhalten zu befinden hat. Sie versucht zu beschreiben und zu erklären. Eine rechtliche oder moralische Würdigung ist nicht Gegenstand unseres Faches. Das muss letztendlich die Gesellschaft entscheiden. Persönlich würde ich aber sagen: Natürlich gibt es diese Legitimität nicht. Aber das sage ich als Mensch und Bürger.
Wenn Sie dieser Frau als Psychologe gegenüberstehen und sie begutachten müssten, was würden Sie tun, was ihr sagen?
Auch dann bin ich nicht derjenige, der sie verurteilt und beschuldigt. Sie ist dann lediglich eine Patientin, eine Probandin, der ich helfen möchte. Ich versuche also, ihre Situation nachzuvollziehen, ohne dabei diese Frau oder ihre Tat zu rechtfertigen.
Könnte man zu dem Schluss kommen, dass diese Frau aus psychischen Gründen unzurechnungsfähig ist?
Auch das wäre denkbar. „Vernünftig“ im herkömmlichen Sinne ist ein solches Verhalten ja sicherlich nicht.
Sind solche Fälle selten oder gar sehr selten?
Als Tötungsdelikt gehören solche Fälle zur Polizeilichen Kriminalstatistik. Daraus ergibt sich, dass etwa zwei Drittel aller vorsätzlich getöteten Kinder Opfer ihrer eigenen Eltern wurden. Pro Jahr sind das etwa 40 bis 50 Fälle. Fast jede Woche also ein Kind. Verglichen mit anderen Verbrechen mag das zwar relativ selten erscheinen. Es ist aber sicher nicht so selten, dass man es vernachlässigen könnte.
In der Kriminalitätsgeschichte gibt es bekannte Fälle, die immer wieder auftauchen.
Ich erinnere mich konkret an einen Fall aus Wiesbaden vor einigen Jahren. Eine Frau aus Frankfurt war auf ein Hochhaus gestiegen und hatte zuerst ihre beiden Kinder runtergeworfen und dann ist sie hinterhergesprungen. Alle drei waren sofort tot. Damals wurde gemunkelt, dass sie verzweifelt war, weil ihr Mann angeblich die Kinder missbraucht hatte. Der genaue Grund für ihre Tat wurde aber nie aufgeklärt. Es gibt solche Fälle immer wieder.
Ein Sturz aus solcher Höhe . . .
. . . zeigt ja immer, dass der Suizid nicht nur eine Art Warnschuss sein soll, also ein ernsthafter Hilfeschrei von jemandem, der eigentlich leben möchte, aber nicht mehr weiß wie. Wer dagegen so etwas tut, der hat tatsächlich eine finale Tötungsabsicht.
Wie groß muss die Verzweiflung einer Mutter sein, wenn sie das Wichtigste in ihrem Leben, ihre Kinder, in den eigenen Tod mitnimmt?
Die Verzweiflung muss extrem groß sein. Die Kinder müssen aber auch eine extrem große Bedeutung für diese Frau haben. So dass sie das Schicksal der Kinder mit ihrem eigenen Schicksal verknüpft, so als wären sie eins. Wenn Männer ihre eigenen Kinder töten, hat das in der Regel übrigens einen anderen motivischen Hintergrund.
Und welchen?
Männern geht es meist eher um die Bestrafung der Frau oder um ähnliche Motive. Sie denken: Wenn ich als Vater die Kinder nicht haben kann, dann soll sie niemand haben. Während es bei Müttern meist so ist, dass sie tief verzweifelt sind. Sie sehen für sich keine Zukunft mehr und glauben, dass sie ihren Kindern nicht mehr das geben können, was diese brauchen. Das Beste, was sie jetzt noch für ihre Kinder tun können, sei also, dass auch sie aus dem Leben scheiden. So bizarr das auch klingen mag.
Also eine viel größere Ich-Bezogenheit als bei Männern?
Eher umgekehrt: Beim Mann ist es eine Form von Egoismus, die als Bestrafung an die Frau adressiert ist. Die Mütter denken nicht nur an sich, sondern in besondere Weise auch an ihre Kinder – aber in einer völlig fehlgeleiteten Form von Fürsorge.



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