Konzertfamilie Russ im Porträt Als Udo Jürgens in der Schleyerhalle von seiner Angst erzählte

Drei Generationen auf einem Bild vereint: Alexandra, Michaela, Erwin, Trude und Michael Russ (von links). Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Sie gehören zu den schwäbischen Familiendynastien: Die Konzertdirektion Russ prägt seit 80 Jahren das Konzertleben der Stadt Stuttgart. Und hat in dieser Zeit fast alle Weltstars hautnah erlebt.

Entscheider/Institutionen : Kai Holoch (hol)

Der Brief des späteren Stuttgarter Oberbürgermeisters Arnulf Klett erreichte Erwin Russ in Oberkochen. Dorthin war der Prokurist der traditionsreichen Stuttgarter Musikalienhandlung Sulzer und Galler 1945, kurz vor Kriegsende, mit seiner Familie evakuiert worden. Als Amtsverweser fragte Klett höflich an, ob Russ bereit wäre, das musikalische Kulturleben in Stuttgart nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen.

 

Das war der Anfang einer nun bald 80-jährigen Erfolgsgeschichte: Im August 1945, rund drei Monate nach der Geburt seines Sohns Michael, gründete Erwin Russ die Südwestdeutsche Konzertdirektion, das Unternehmen, das das Musikleben der Stadt und weit darüber hinaus maßgeblich mitgeprägt hat – und es unter dem Logo „Russ Live“ im Bereich der Unterhaltungsmusik und „Russ Klassik“ noch heute tut.

Anfangs war Schmalhans Küchenmeister

Die Anfänge waren alles andere als glamourös. Statt Honoraren gab es für die Musiker der Berliner Philharmoniker Lebensmittelmarken. Und statt Eintrittskarten musste das Publikum Kohle, Briketts und Holz mitbringen. „Wir haben als Kinder nicht viel Fleisch auf dem Teller gesehen. Da war Schmalhans Küchenmeister“, erinnert sich Michael an entbehrungsreiche Zeiten. Der eigentliche Aufschwung der Konzertdirektion begann 1956 mit dem Bau der Liederhalle. Russ: „Das war das große Glück für uns.“

Immer noch sind es die Kinder und Enkelinnen von Erwin Russ, die das Gesicht der Konzertagentur prägen. Sie haben die Familiendynastie geprägt und tragen sie nun in die Zukunft: 1973 übernahm Michael Russ die Verantwortung, später teilte er sie mit seiner Tochter Michaela, die nun, seit Anfang Juli 2024, die alleinige Verantwortung für den Klassikbereich übernommen hat. Das wiederum heißt nicht, dass Michael Russ sich zur Ruhe gesetzt hätte: Drei bis vier Tage pro Woche schaut er vorbei, im Sommer, wenn er Golf spielen kann, etwas weniger und Michaela Russ betont: „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ihn sehe.“ Streit habe es noch nie gegeben, sagen beide.

Die ganze Familie hat stets mitgearbeitet

Aber nicht nur in der Führungsetage taucht der Name Russ auf. Es gibt wirklich niemanden in der Familie, der nicht zumindest zeitweilig auf dem Gehaltszettel des aktuell 24 Mitarbeiter umfassenden Unternehmens gestanden hätte: Trude Russ, die Frau von Erwin Russ, hat nicht nur bei jedem Klassikkonzert die Gäste im langen Abendkleid begrüßt. Früh hat sie auch die Buchhaltung übernommen. Ihre drei Töchter waren mit verschiedenen Aufgaben in der Konzertdirektion tätig. Ähnlich ist es jetzt: Michaelas Schwester Alexandra leitet das Abo-Büro. Nur Anuschka, die die Ulmer Konzertdirektion bis zu deren Schließung gemanagt hatte, geht – zumindest aktuell – andere berufliche Wege. Wenn im kommenden Jahr das runde Jubiläum der Konzertdirektion und der runde Geburtstag von Michael Russ gefeiert werden, kann die Familie gemeinsam auf Erlebnisse, Erinnerungen und Erfahrungen zurückblicken, die wohl kaum ein anderer Mensch jemals gemacht hat.

Wo anfangen? Wo aufhören? Im Klassikbereich, der großen Liebe der Familie Russ, gibt es eigentlich keinen Weltstar, der nicht in Stuttgart seine Visitenkarte abgegeben hat. Anne Sophie Mutter hat bereits mit sechs Jahren ihr erstes Konzert in Stuttgart gegeben – und bezeichnete Michael Russ später als „einen von drei Konzertveranstaltern weltweit, denen ich absolut vertraue.“ Zu den Höhepunkten gehörte im Jahr 2000 ihr Fünf-Konzerte-Zyklus „Back to Future“ mit ausschließlich zeitgenössischen Werken. Herbert von Karajan und Leonard Bernstein waren ebenso da wie Maria Callas.

Unvergessen ist Elly Neys allerletztes Konzert

Mit dem viel zu früh gestorbenen italienischen Dirigenten Giuseppe Sinopoli verband Michael Russ eine intensive Freundschaft. Unvergesslich für ihn bleibt aber der allerletzte Auftritt der Ausnahmepianistin Elly Ney: „Es war schon halb zwölf und es waren nur noch zehn Zuhörer im Saal, aber sie hat Zugabe um Zugabe gespielt, weil sie einfach nicht aufhören wollte.“

Solch einen bewegenden Moment hat er auch beim ebenfalls allerletzten Konzert von Udo Jürgens im Dezember 2014 in der Schleyerhalle erlebt: „Es war das Abschlusskonzert der Tour und irgendwie muss er eine Vorahnung gehabt haben. Denn obwohl er bereits drei Monate später in der Liederhalle hätte spielen sollen, kam er zu mir und sagte: ,Ich weiß nicht, ob wir uns noch einmal sehen und ich habe fürchterliche Angst vor diesem Konzert.‘ “

Kicken mit Rod Stewart

Es sind aber auch amüsante Geschichten, die Michael Russ erzählen kann. Etwa die von dem Fußballspiel, das er auf Wunsch von Rod Stewart über Nacht organisiert hat, bei dem die Stuttgarter Prominentenkicker gegen die professionell ausgerüsteten und von Masseur, Mannschaftsarzt und Schiedsrichter begleiteten Schottenkicker ein Unentschieden erkämpften. Russ: Da ging es richtig heftig zur Sache.“ Oder Gitarrist Carlos Santana, der sich von Russ die ersten Tennisschläge hat beibringen lassen.

Solche Begegnungen, das bedauern Michaela und Michael Russ ausdrücklich, sind in der heutigen Zeit zumindest im Popbereich undenkbar geworden. „Das Management schirmt die Künstler vollkommen ab. Selbst wir bekommen die Stars eigentlich nie zu sehen“, erzählt Michaela Russ. Ganz anders ist das im Klassikbereich.

Mit einer C-111-Probefahrt „bestochen“

Aber auch da gibt es natürlich wundersame Begegnungen, wobei vor allem zwei Erlebnisse mit dem Ausnahmepianisten Arturo Michelangeli in Erinnerung geblieben sind: Einmal musste Russ um 3 Uhr nachts den Schlüssel für die Liederhalle organisieren, damit der Künstler dort proben konnte. Ein anderes Mal erklärte Michelangeli dem Veranstalter um 19.55 Uhr, das er an diesem Abend nicht spielen werde. Erst das Versprechen, dass er am Tag darauf einen Daimler C 111 probe fahren dürfe, bewog den Autonarr und Künstler, seine Meinung zu ändern. „Punkt acht stand er auf der Bühne“, erinnert sich Michael Russ lachend.

Diese besondere Betreuung, davon ist Michael Russ überzeugt, hat für so manches magische Konzert gesorgt. „Ich glaube, dass ein Künstler, der gut betreut wird, am Abend einfach mit mehr Herzblut spielt“. Wie viele Konzerte er in seinem Leben gesehen hat, kann er nicht genau sagen. Aber 7000 bis 8000 werden es auf jeden Fall gewesen sein, eher mehr. „Für mich war es immer wichtig, bei den Konzerten anwesend zu sein, denn das Publikum registriert schon, dass wir immer hinter der Sache gestanden haben.“

Das glamouröse Leben endet vor der Haustür

Wer nun aber glaubt, dass sich dieses glamouröse und aufregende Leben daheim fortsetzen würde, dass Stars aus Klassik und Pop auf der Couch im Haushalt Russ gesessen haben, der irrt gewaltig. „Das Geschäft hat mein Vater nie nach Hause gebracht“, erinnert sich Michael Russ - und er hat diese Tradition fortgesetzt. „Kultur hat ab dem Moment, wenn die Eltern das Büro verlassen haben, nicht mehr stattgefunden“ bestätigt Michaela: „Wir haben ihn selten gesehen. Aber wenn Papa mal da war, dann lag seine volle Konzentration auf der Familie.“

Erinnerungen an die ersten Konzerte

Michael Russ
In Ulm spielten die Don Kosaken. Da Michael im Internat in Illertissen lebte, erlaubte ihm sein Vater Erwin, seine ganze Schulklasse zu dem Konzert einzuladen.

Michaela Russ
Noch bevor sie zehn Jahre alt war, ist Michaela Russ in ihren Ferien einige Tage mit James Last und seinem Orchester durch Deutschland getourt. „Wir sind im Bus mitgefahren und einmal durften wir während des Konzertes sogar auf der Bühne sitzen“, erinnert sie sich. hol

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart