Familienfreundliche Unternehmen Im Wettstreit um die Fachkräfte

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Flexible Arbeitszeiten, Schichttauschbörse, Pflegelotsen – das Familienunternehmen Lapp lässt sich einiges einfallen, um seine Attraktivität bei Mitarbeitern und Bewerbern zu steigern. Jetzt hofft der Kabelhersteller auf den Preis „Erfolgsfaktor Familie“, der in wenigen Tagen verliehen wird.

Lapp tut einiges, damit sich die Kinder der Mitarbeiter an den Tüftlertagen im Unternehmen wohl fühlen. Foto: Lapp
Lapp tut einiges, damit sich die Kinder der Mitarbeiter an den Tüftlertagen im Unternehmen wohl fühlen. Foto: Lapp

Stuttgart - „Es ist keine Frage des Geldes. Das Thema lebt von den kleinen Dingen, die aber viel bewirken“, sagt Sabine von Rechenberg, die Personalleiterin des Kabelherstellers Lapp in Stuttgart. Sie redet über Maßnahmen, um aus einer Firma ein familienfreundliches Unternehmen zu machen. Nicht zuletzt seit Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung die Unternehmen aufgeschreckt haben, kümmern sie sich verstärkt um das Arbeitsumfeld ihrer Beschäftigten. Teilzeit, Vollzeit, Jobsharing, Telearbeit – vieles ist bereits möglich, um Familie und Beruf leichter unter einen Hut zu bringen. Wer aus der Masse herausragen will, muss seinen Mitarbeitern mehr bieten – wenn ein Unternehmen dies mit einem Zertifikat oder einem Preis auch noch belegen kann, dürfte es bei Bewerbern punkten.

Das Stuttgarter Familienunternehmen Lapp besitzt bereits seit einigen Jahren das Zertifikat „Beruf und Familie“, das von der Hertie-Stiftung und dem Familienministerium vergeben wird. Jetzt könnte es auch noch den Wettbewerb „Erfolgsfaktor Familie“ gewinnen. Lapp ist unter den Nominierten, am kommenden Dienstag wird Familienministerin Manuela Schwesig die Preisträger bekannt geben. Erst vor wenigen Tagen hat sie die „Beruf und Familie“-Zertifikate an 273 Unternehmen verliehen. „Natürlich ist die Entscheidung, Kinder zu bekommen, Privatsache. Doch beim Thema Vereinbarkeit dürfen die Familien nicht alleine gelassen werden. Politik und auch Wirtschaft haben hier eine gemeinsame Verantwortung: Sie müssen gute Rahmenbedingungen schaffen und Familien unterstützen“, sagte Schwesig bei der Zertifikatverleihung in Berlin. Es ist aber keineswegs Selbstlosigkeit der Unternehmen: Viele Studien beweisen, dass dadurch die Leistung zufriedener Arbeitnehmer steigt.

Hilfe in allen Lebenslagen

Lapp hat einiges im Angebot, das allerdings nicht durch Betriebsvereinbarungen abgesichert ist. Wenn Sabine von Rechenberg die Aktivitäten aufzählt, klingt es fast nach Hilfen in allen Lebenslagen. Neben Themen wie flexible Arbeitszeiten, Wiedereinstiegsprogramme für junge Eltern, Gesundheitsthemen, die viele andere Unternehmen ebenfalls kennen, haben die Stuttgarter zudem ausgefallenere Angebote wie etwa eine Schichttauschbörse. Mitarbeiter in der Logistik, die verhindert sind, können sich dort auch kurzfristig einen Tauschpartner für ihre Schicht suchen. So viel Flexibilität ist freilich nur möglich, wenn die Beschäftigten vergleichbare Fähigkeiten haben und sich so ersetzen können, räumt Rechenberg ein. Zudem müssten Führungskräfte sensibilisiert werden, dass sie solche Aktionen auch unterstützen, sagt sie. Gerade Führungskräfte in der mittleren Hierarchieebene befürchten aber einen Kontrollverlust und gelten in vielen Unternehmen als Hindernis, wenn Beschäftigte zunehmend selbstbestimmt arbeiten wollen.

Eher ungewöhnlich ist auch eine andere Maßnahme bei Lapp – die des Pflegelotsen. Viele, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern, fühlen sich nicht nur gefordert, sondern teilweise auch überfordert. Was muss man beachten, wo bekommt man Unterstützung, welche Tipps gibt es bei der Beantragung von Pflegegeld – für solche Fragen und Ratschläge stehen aktuell drei Pflegelotsen bereit. Weitere sollen qualifiziert werden, verspricht Rechenberg. „Wir haben eine Warteliste“. Und dann wären da noch rechtliche, finanzielle oder eheliche Probleme; da verfügen die Stuttgarter über entsprechende Kontakte. Die Beratung übernimmt der PME Familienservice, der von mehr als 700 Arbeitgebern deutschlandweit finanziert wird; er steht den Beschäftigten für eine Art Krisenberatung zur Verfügung. „Das läuft alles anonym,“ versichert Rechenberg.

1300 Bewerbungen für 20 Ausbildungsplätze

Die Mitarbeiter schätzen die Angebote für Lapp, dies hätten Umfragen ergeben, weiß Rechenberg. Erfolgsmaßstab für sie ist der mit etwa drei Prozent unterdurchschnittliche Krankenstand – trotz eines hohen Anteils an gewerblichen Mitarbeitern – und die geringe Fluktuationsrate von ebenfalls drei Prozent. Auch in Bewerbungsgesprächen würden die Themen immer wieder angesprochen. Lapp hält sich für einen attraktiven Arbeitgeber: Rund 1300 Bewerbungen erhielt das Unternehmen im vergangenen Jahr für 20 Ausbildungsplätze.

Die Personalleiterin räumt denn auch mit dem Vorurteil auf, dass junge Menschen nicht leistungsorientiert seien. „Sie wollen Karriere machen, aber die Bedingungen müssen stimmen“, sagt sie über die Generation „Y“. Zur Generation „Y“ gehören all jene, die zwischen 1981 und 1995 geboren wurden – und häufig aus einer Ein-Kind-Familie stammen, wo sie bereits frühzeitig mit entscheiden durften. Entsprechend selbstbewusst treten sie in Unternehmen auf. „Sie wollen viel gelobt werden“, sagt Rechenberg. Ihnen sei Karriere wichtig, aber nur, wenn sie nicht auf Kosten von Familie und Freizeit gehe. Dabei scheinen sie ziemlich kompromisslos vorzugehen. Um das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, würde die Generation „Y“ lieber auf Geld verzichten und sich einen anderen Arbeitgeber suchen.