Familienstreit Der Tag der Abrechnung

Von Ingrid Müller-Münch 

Erben macht nicht immer glücklich. Bei der Testamentseröffnung kommt oft zur Sprache, was über Jahrzehnte verschwiegen wurde. Dann knallt es.

Ein Häuschen im Grünen, Aktienpakete oder Schmuck – die heftigsten Gefechte liefern sich Geschwister, wenn es darum geht, das Erbe aufzuteilen. Foto: dpa
Ein Häuschen im Grünen, Aktienpakete oder Schmuck – die heftigsten Gefechte liefern sich Geschwister, wenn es darum geht, das Erbe aufzuteilen. Foto: dpa

Berlin - Eine Kleinigkeit war es, an der die Familie zerbrach. "Es ging um den goldenen Armreif der Mutter", sagt Raymond Zens, der ganz anders heißt, aber anonym bleiben will. Dann muss er husten, ihm bleibt die Luft weg. Seine Schwester habe das Schmuckstück unbedingt haben wollen, krächzt der Berliner Geschäftsmann und hat alle Mühe, die Sätze hervorzubringen.

Er will reden, aber kann nicht. Seine Mutter habe den Reif der Schwiegertochter auf dem Totenbett für die aufopferungsvolle Pflege versprochen. Raymond Zens kann nur noch stoßweise sprechen, unterbrochen von Räuspern, kurzen Pausen, Wasser trinken. An den Tag, als der große Streit ausbrach und Raymond Zens irgendwann ins Badezimmer rannte, um sich zu übergeben, erinnert sich der 46-Jährige nur mit Widerwillen.

Das Drama begann kurz nach der Beerdigung der Mutter - die alte Dame war von seiner Schwägerin, ihm und seinem Bruder gepflegt worden. Alle, auch die anderen Geschwister waren angereist. Sie saßen um den Tisch herum, vor sich eine Kiste voller Schmuck. Sein Schwager warf seiner Frau die Sachen zu, die er für wertvoll hielt. Der Rest wurde mit Sätzen wie "das ist ja auch nur Müll", oder "das taugt ja gar nichts", zur Seite gepfeffert. Raymond Zens beobachtete die Szene fassungslos.

Wertgegenstände sind Symbole für Wertschätzung

Irgendwann kam bei der Verteilung der Schmuckstücke der Goldreif auf den Tisch. Zens informierte seine Geschwister, dass dieser auf Wunsch der Mutter für die Schwägerin reserviert sei. "Daraufhin ist meine Schwester ausgerastet", erinnert sich Zens. Sie brüllte los, sie schimpfte. Der Armreif wäre das einzige, was sie an ihren Vater erinnern würde, der ihn der Mutter zum 40. Geburtstag geschenkt hätte. "Die Mutter hat mich sowieso nie geliebt", tobte die Schwester weiter. "Es war völlig abstrus", erinnert sich Zens an die für ihn unfassbare Szene, "es war der schlimmste Tag meines Lebens".

Was an diesem Tag in der Familie von Raymond Zens geschah, kann Arist von Schlippe ganz gut erklären. Er ist Familientherapeut und Professor für Führung und Dynamik von Familienunternehmen an der Universität Witten-Herdecke. Erbstreitigkeiten sind seine Spezialität. Deshalb weiß er auch, dass sich derartige Auseinandersetzungen nicht gestaffelt nach der Höhe der Erbschaft entzünden. Sie werden dadurch ausgelöst, dass Geld oder Sachgegenstände "oft symbolisch für nicht oder zu wenig erhaltene Wertschätzung stehen".

In Familien, so erläutert von Schlippe, machen viele so eine Art innere Buchführung. Die basiert darauf, dass jeder im Geiste notiert, was er an Loyalität, was er an Einsatz erbracht hat. Das Problem ist, dass diese Abrechnung privat erfolgt. "Es gibt keine Kontoauszüge, die man gegeneinander legen und sagen kann, ach, lieber Bruder, bei dir sieht das so aus, bei mir aber ganz anders."

Bei jeder 6. Erbschaft kommt es zum Streit

Am Tag der Testamentseröffnung fallen die stillen Buchhalter oft aus allen Wolken. Plötzlich stellen sie fest, dass ihre Rechnung nicht mit der ihrer Eltern übereinstimmt. "Das ist der Moment, wo die Verteilung für die Betroffenen der Beweis dafür ist, sie oder er hat mich noch nie geliebt", sagt Arist von Schlippe. Dabei muss es sich keineswegs um große Summen handeln, wie man sie aus den Schlagzeilen kennt.

Gut, im Bahlsen-Keks-Imperium hing der Haussegen auch schief, als es um das Vermächtnis der Eltern ging. Bei den Wagners in Bayreuth beharkte man sich öffentlich. Und zum adligen Bismarck-Clan musste gar die Polizei wegen eines in Handgreiflichkeiten ausgearteten Familienstreits anrücken. Anlass für den Unfrieden war jedesmal die Frage, wer bekommt wie viel vom Erbe.

Nicht anders geht es zu, wenn das zu vererbende Vermögen überschaubar ist. Eine Problematik, die sich immer häufiger stellt. Im vergangenen Jahr wurden, laut einer vom Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Postbank durchgeführten Studie über 220 Milliarden Euro in Deutschland vererbt, meist von Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten. Bei jeder sechsten dieser Erbschaften kam es zum Streit. Anlass hierfür: Hinterbliebene fühlten sich benachteiligt.




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