Den Blick vom Stadion Rajko Mitic auf Belgrad bekamen viele Fans des VfB Stuttgart nicht zu sehen. Foto: IMAGO/Picture Point LE/IMAGO/Sven Sonntag
Mit großer Vorfreude fieberten die Anhänger des VfB Stuttgart den Auswärtsspielen in der Champions League entgegen. Nach einigen unschönen Erfahrungen in Madrid und Turin fühlen sich die Fans in Serbien hochgradig schikaniert. Was ist da nur los?
Immerhin eine positive Nachricht gab es dann doch noch von der Auswärtsreise des weiß-roten Trosses nach Belgrad. Rund um das Spiel blieb alles ruhig. Keine weiteren Ausschreitungen, keine weiteren Schikanen, keine weiteren Verletzten. Die rund 2000 Stuttgarter Anhänger konnten das Stadion Rajko Mitic und die serbische Hauptstadt unbeschadet wieder verlassen. Wenn auch mit dem Schmerz einer 1:5-Niederlage im Gepäck.
Für viele Anhänger bleiben von der heiß ersehnten Abenteuer-Reise auf den Balkan aber ausschließlich unschöne Erinnerungen zurück. Erinnerungen, die für die 500 Mitglieder der organisierten Szene bereits 120 Kilometer vor Belgrad endeten. An einem schmucklosen Grenzübergang an der kroatisch-serbischen Grenze. Von dort sollten die zehn bereits durch Slowenien und Kroatien eskortierten Reisebusse zur Weiterbegleitung an die serbische Obrigkeit übergeben werden. Doch dazu kam es nicht. Bei den angekündigten Grenzkontrollen wurden offenbar Drogen und Pyrotechnik in geringem Umfang entdeckt. Was aus Sicht der Fans unverhältnismäßige Ganzkörperkontrollen bis in dem Intimbereich zur Folge hatte. Und letztlich zur sofortigen und freiwilligen Umkehr nach Stuttgart führte. 2500 Kilometer für die Katz.
Der Gästeblock in Belgrad blieb in Teilen leer. Foto: dpa/Marijan Murat
So wurde aus dem Abenteuer- ein Albtraumtrip. Ohne Fußball, dafür mit dem Gefühl, der Willkür staatlicher Behörden ausgesetzt zu sein. Weit mehr noch als im heimischen Bundesligabetrieb, wo das Verhältnis zwischen Ultras und Polizei Woche für Woche auf eine harte Probe gestellt wird. Stets um Fragen der Verhältnismäßigkeit kreisend. Pyrotechnik, Blocksperren, Gewaltanwendung, Kollektivstrafen – in wesentlichen Punkten sind Polizei, Verbände, Politik und Fans tief gespalten.
Was auf nationaler Ebene schon als unlösbarer Konflikt erscheint, entfaltet auf europäischer Ebene noch einmal eine andere Dimension. Die Anhänger des Champions-League-Starters aus Stuttgart haben diese Erfahrung bereits verschiedentlich gemacht. In Madrid, als Tausende, überwiegend normale Fans jenseits der Ultraszene von der Polizei mit Schlagstöcken im Anschlag durch die Straßen geleitet wurden.
In Turin mit einer rechtlich fragwürdigen Ticketvergabe. Und nun in Serbien mit teils gewalttätigen Begleiterscheinungen. Als es vor der Partie in der Stadt auch noch zu Schlägereien zwischen Hooligans beider Lager kam, soll sich die örtliche Polizei nicht sonderlich neutral verhalten haben. Auch Fans aus dem gemäßigten Lager berichten von Angriffen auf offener Straße, bei denen die Polizei hätte einschreiten können, es aber nicht tat. In mindestens einem Fall endeten diese Vorfälle nach Informationen unserer Redaktion mit einem Krankenhausaufenthalt. Zwölf mutmaßliche Randalierer von Stuttgarter Seite, die die Nacht in Gewahrsam verbringen mussten, waren am Donnerstag wieder auf freiem Fuß.
Wehrle: „Alle sind aufgefordert, gegen diesen Trend einzustehen“
Was ist da nur los? Von europäischen Fußballfesten kann jedenfalls längst keine Rede mehr sein. Auch die Reise der Anhänger von Borussia Dortmund zum Spiel bei Dinamo Zagreb verlief nicht ohne Zwischenfälle. Vor der Partie hatten sich BVB-Fans über restriktive Kontrollen am Einlass beschwert. Beklagt wurde ein „grenzüberschreitendes Vorgehen“ des Ordnungsdienstes. „Wir verurteilen diese Form der Kontrollen und stehen aktuell im Austausch mit der Uefa und Dinamo Zagreb, um die Vorkommnisse zu melden und aufzuarbeiten“, teilte der BVB noch während des Spiels.
Mit etwas Abstand regte sich auch aus Stuttgart Widerstand. Sollte sich der Verdacht auf unverhältnismäßige Maßnahmen und die Duldung von Gewalt erhärten, erwägt der VfB, bei der Uefa offiziell Protest einzulegen. „Alle, die den Fußball, die demokratischen Grundrechte und die europäischen Werte lieben, sind aufgefordert, gegen diesen gefährlichen Trend einzustehen“, forderte Vorstandschef Alexander Wehrle. „Die Politik, die Uefa und die Clubs müssen ihre Verantwortung ernst nehmen, damit solchen Vorkommnissen wie in Belgrad nicht allein mit gut gemeinten Kommunikationskampagnen und Lippenbekenntnissen begegnet wird. Solche Zustände sind nicht hinnehmbar.“ Im konkreten Fall von Belgrad hat die Uefa nach Angaben des VfB erste Ermittlungen aufgenommen.
Deutsche Fans haben im Ausland keinen guten Ruf
Mit welchem Ergebnis, steht in den Sternen. Fakt ist, dass sich der europäische Verband in den seltensten Fällen auf die Seite der Fans (also der in den Stadien) geschlagen hat. Und auch in den meisten europäischen Ländern gelten Fußballfans, vor allem auswärtige, mehr als notwendiges Übel denn als Bereicherung der Fußballkultur. Eine fein ziselierte Unterscheidung in Kategorie A-, B- oder C-Fans wie in Deutschland gibt es nicht. So haben deutsche Anhänger im Allgemeinen im Ausland oftmals keinen guten Ruf. Nicht ohne Grund – auch das gehört zur Wahrheit dazu. Man denke nur an die Straßenschlachten Kölner Fans in Nizza oder den Frankfurter Randale-Auftritt in Neapel.
Von derartigen Exzessen waren die bisherigen Auswärtsreisen der VfB-Fans zur Champions League aber meilenweit entfernt. Auch die jüngste, die als schwarzer Abend von Belgrad in Erinnerung bleiben wird. Sportlich – und aus Sicht der Fans.