Fans des VfB Stuttgart Risse im Stimmungsbild

Pfiffe, „Dietrich-raus“-Rufe und Zuschauer, die vorzeitig gehen – bei der Anhängerschaft des VfB Stuttgart macht sich Verdrossenheit breit. Das sagen Fans und Präsident Wolfgang Dietrich dazu.

Die Fans des VfB Stuttgart sind unzufrieden und verleihen ihrem Unmut Ausdruck. Foto: Pressefoto Baumann
Die Fans des VfB Stuttgart sind unzufrieden und verleihen ihrem Unmut Ausdruck. Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart - Auf seine Fans hat sich der Fußball-Bundesligist VfB Stuttgart in der Vergangenheit immer verlassen können, bedingungslos. Selbst nach dem Abstieg 2016 in die zweite Liga hielten sie ihm die Treue, der VfB brach mit einem Durchschnitt von 50 691 Zuschauern den Zweitliga-Rekord. Doch nach einer enttäuschenden Hinrunde wurde am Samstag mit dem schwachen Auftritt des Tabellen-16. zum Rückrundenauftakt gegen den FSV Mainz 05 (2:3) die Leidensfähigkeit der Anhängerschaft überstrapaziert.

Das Grummeln wird lauter, die Unterstützung beginnt zu bröckeln.

Schon zur Halbzeit gab es Pfiffe von den Rängen. Die Fans hatten auf einen Neustart im Kampf gegen den Abstieg gehofft im ersten Spiel des Jahres, doch heraus kam ein kapitaler Fehlstart. „Das war fast schon eine Untergangsstimmung“, sagt Joachim Schmid, der Vorsitzende der Rot-Weißen Schwaben Berkheim, dem größten VfB-Fanclub mit mehr als 1200 Mitgliedern. „Da muss man schon sehr leidensfähig sein, um nach einem 0:3-Rückstand zu Hause gegen Mainz im Stadion zu bleiben.“

Wolfgang Dietrich zeigt Verständnis

Die Anstimmer in der Cannstatter Kurve hatten schon früh Schwierigkeiten, ihre Gefolgsleute im Fanblock der Ultragruppierungen zum inbrünstigen Anfeuern zu animieren. Nach dem 0:3-Rückstand in der 72. Minute initiierte der Schwabensturm dann „Dietrich raus“-Rufe in Richtung des VfB-Präsidenten Wolfgang Dietrich und rollte ein passendes Plakat aus, das Commando Cannstatt stimmte mit ein. Eine vierstellige Anzahl der 51 881 Zuschauer verließ währenddessen schon die Mercedes-Benz-Arena. „Ich glaube, es war noch nicht der große Bruch, doch es werden Risse sichtbar. Die Stimmung dreht sich, die Leute sind kolossal frustriert“, sagt ein Sprecher von Commando Cannstatt.

Dass in sportlich schwierigen Zeiten der Vereinsboss in den Fokus rückt, ist nicht nur in Stuttgart so – aber eben auch hier. Gerhard Mayer-Vorfelder etwa hat sich in 25 Jahren als VfB-Chef nicht nur einmal Schmähungen anhören müssen. „Dass nach so einem Spielverlauf und bei der Erwartungshaltung, die wir für das Spiel alle hatten, totaler Frust und Enttäuschung aufkommt, ist logisch“, sagt Dietrich. „Da habe ich Verständnis, dass Unmut entsteht. Dass das auch an dem festgemacht wird, der vorne steht, ist Teil des Fußballs.“ Und er fügt noch hinzu: „Dass im Moment großer Enttäuschung die hervorragenden Rahmenbedingungen, die wir in den vergangenen zwei Jahren geschaffen haben, keine Rolle spielen, ist mir völlig klar.“

Die Kritik am Präsidenten schwappt über

Die Ablehnungshaltung der Ultras gegenüber dem Präsidenten, die am Samstag erstmals auch in Rufen im Stadion zum Ausdruck kam, ist nicht neu. Sie sehen ihn schon seit seiner Wahl im Oktober 2016 kritisch, sind Gegner der von ihm vorangetriebenen Ausgliederung der Profifußball-Sparte des Vereins in eine Aktiengesellschaft im Juni 2017. „Es gärt schon lange“, sagt der Sprecher von Commando Cannstatt. „Der Widerspruch gegen die Art und Weise der Vereinsführung seitens des Präsidenten wird lauter und vernehmbarer.“

Die Kritik an Wolfgang Dietrich schwappt angesichts der sportlichen Misere über die Ultragruppierungen hinaus. „Ich kann die Dietrich-raus-Rufe völlig verstehen und unterstütze das auch“, sagt Martin Koch, der 31-jährige Vorsitzende der Highlander, einem Fanclub mit 615 Mitgliedern aus Biberach. Er bemängelt: „Es wird nur über die Probleme gesprochen, aber es werden keine Taten gezeigt.“

Die Mannschaft ist gefordert

Am Samstag war nur ein Bus der Highlander in Stuttgart statt wie sonst zwei Busse, was zu Teilen aber auch an der Winter- und Faschingszeit in Oberschwaben liegt. Joachim Schmid berichtet, dass er schon seit Anfang Dezember Schwierigkeiten hat, alle Tickets aus dem Kartenkontingent der Rot-Weißen Schwaben Berkheim (bei Heimspielen sind es rund 100) los zu bekommen. Das ist auch ein Ausdruck der Verdrossenheit und Hoffnungslosigkeit, die sich breit macht. „Ich habe das Gefühl, dass gerade ein Riss zwischen Fans und Team entsteht“, sagt Martin Koch.

Nah dran an den Anhängern ist der VfB-Fanbeauftragte Christian Schmidt, der sagt: „Ich gehe davon aus, dass diese Reaktionen auf das Spiel am Samstag bezogen waren, das Tischtuch zwischen Fans und Mannschaft ist definitiv nicht zerschnitten.“ Spezielle Maßnahmen seien daher zunächst auch nicht geplant. Mit seinen Kollegen stehe er aber wie immer als Ansprechpartner parat und ist „auch bereit, über kritische Punkte zu diskutieren“. Die Fans wüssten auf jeden Fall: „Es geht um viel.“ Gerade in den Partien gegen den SC Freiburg und Fortuna Düsseldorf. „Natürlich“, sagt Schmidt, „muss aber auch immer von der Mannschaft das Signal kommen, dass sie alles für den Club gibt.“

So sieht das auch Martin Koch: „Die Mannschaft muss mehr zeigen, damit wir wieder 100-prozentig dahinterstehen. Das nächste Heimspiel gegen den SC Freiburg wird ein Schlüsselspiel für das Verhältnis zwischen Fans und Mannschaft.“




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