Farbe mit Symbolkraft Warum in Esslingen Bronzefiguren jetzt Orange tragen

Orange als Symbolfarbe gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, hier am Eingang zur Württembergischen Landesbühne. Foto:  

Vor den besinnlichen Tagen kommen die Orange Days: In Esslingen geht es derzeit bei mehreren Veranstaltungen um das Thema Gewalt gegen Frauen. Der Oberbürgermeister beklagt, dass ausgerechnet das Aus der Ampel-Regierung ein Rückschlag ist.

Hinsehen und hinstehen, Zivilcourage zeigen und Hilfe anbieten. Das ist es, was jeder und jede Einzelne gegen Gewalt an Frauen und Mädchen tun kann. Die Auftaktveranstaltung zu den ersten Esslinger Orange Days vermittelte sachkundige Informationen und Standpunkte, aber auch Solidarität und Zusammenhalt. Eine UN-Kampagne hat die Farbe Orange als Symbol gegen Gewalt gesetzt, und so tragen die Bronzefiguren draußen vor dem Eingang der Württembergischen Landesbühne orangefarbene Schals, ebenso wie viele der Frauen bei der Auftaktveranstaltung. Einige Männer sind an diesem Abend auch dabei – sie mögen es nachsehen, dass sie in diesem Text bei den weiblichen Endungen mitgemeint sind.

 

Der Andrang ist groß an den Informationsständen im Foyer der WLB. Alle Bäcker der Stadt haben Backwaren gespendet. Dorothea Burkhardt-Hein verteilt Programme und begrüßt: „Schön, dass Sie gekommen sind!“ Sie ist Mitglied im Soroptimist International Club Esslingen, der zusammen mit der City Initiative und der Beauftragten für Chancengleichheit der Stadt, Jitka Sklenarova, die Aktionstage auf die Beine stellt. So warm und herzlich die Atmosphäre ist, so bedrückend ist das Thema. Erst vor wenigen Tagen hat das Bundeskriminalamt Zahlen veröffentlicht, die belegen, dass die Zahl der weiblichen Opfer von häuslicher Gewalt erneut gestiegen ist. 360 Frauen und Mädchen wurden 2023 im familiären Rahmen getötet. Oft ist der Täter der Partner oder der Ehemann, oft hat er schon jahrelang physische und psychische Gewalt ausgeübt.

Ist die Bereitschaft zur Anzeige gewachsen?

Wie alltägliche Gewalt von Frauen erlebt wird, zeigt der Spielclub der WLB in eindringlichen Szenen auf der Bühne. Später liest die Schauspielerin Kristin Göpfert ein Fallbeispiel aus einem Buch der Anwältin Christina Clemm, das mit der Tötung der Frau endet. Eine Tötung mit Ansage – der Täter, ihr Mann, bekam vor Gericht trotzdem mildernde Umstände zugesprochen.

Geschichten wie diese kennen die Teilnehmerinnen und der Teilnehmer, die danach für die Podiumsdiskussion Platz nehmen, mehr als genug. Nadine Dörfer, Kriminalhauptkommissarin und in der Prävention tätig, hat Zahlen für Esslingen dabei: 678 Fälle häuslicher Gewalt wurden 2023 angezeigt, ein Viertel mehr als im Jahr davor. Die Dunkelziffer dürfte ein Vielfaches betragen. Aber liegen die steigenden Zahlen nicht einfach daran, dass das Bewusstsein und die Bereitschaft zur Anzeige wachsen, fragt die Moderatorin Hilke Lorenz. Das spiele zwar eine Rolle, sagt die Kriminalbeamtin, „aber das ist es nicht nur“. So sieht es auch Sarah Seibold, Sozialarbeiterin und Traumapädagogin beim Verein „Frauen helfen Frauen“. Sie hat den Eindruck, dass Fortschritte bei der Gleichberechtigung „gleichzeitig eine Zunahme der Gewalt bedingen“ – eine Art Gegenwind zu mehr Frauenrechten. Björn Nolting, als Leiter der Traumaambulanz Esslingen ebenfalls auf dem Podium vertreten, sieht die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft insgesamt wachsen. Es brauche oft nur eine Nichtigkeit, um attackiert oder niedergestochen zu werden. Festzustellen sei auch eine Zunahme an „Cyberviolence“, also Gewalt im Netz, sagt Manuela Nitsche, Präsidentin von Soroptimist International Deutschland, die aus München angereist ist. Kinder und Jugendliche sähen in Youtube, Tiktok und anderen Medien Inhalte an, von denen Erwachsene nichts ahnten. „Auch manche Mädels haben das Handy voll von Gewalt“, sagt sie, würden diese aber gar nicht als solche erkennen. Gewaltprävention gehöre deshalb unbedingt in die Schulen.

Anonyme Spurensicherung schafft Zeit für eine Anzeige

Trotz der erschreckenden Bestandsaufnahme gibt es verschiedene Ansätze gegenzusteuern: mit Präventivmaßnahmen, klaren Grenzen und Sanktionen. Die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung gibt Frauen mehr Zeit, den Täter anzeigen. Das Gewalthilfegesetz, das Schutz und Beratung bei häuslicher Gewalt garantieren soll, liegt nach dem Ampel-Ende auf Eis. Es müsse „unbedingt fortgeführt werden, auch vor dem 23. Februar“, betonte Esslingens Oberbürgermeister Matthias Klopfer als Schirmherr der Orange Days bei seiner Begrüßung.

Frauen stellen oft das Wohl der Kinder in den Vordergrund

Im persönlichen Umfeld ist jeder und jede gefordert, aufmerksam sein, nachzufragen und im Zweifel auch die Polizei zu rufen. „Das kann Leben retten, das kann die Gewaltspirale beenden“, sagt Dörfer. Manchmal müsse man auch einfach „da bleiben“ und akzeptieren, wenn eine Frau sich gerade nicht helfen lassen wolle, sagt Seibold. Es ist nie einfach zu gehen, weil in einer gewaltgeprägten Beziehung Abhängigkeit und Isolation wachsen. Oder weil eine Frau Kindern das Umfeld erhalten möchte. „Egal, was passiert, wir stehen auf und singen weiter“ – diese Botschaft gaben Sisu Lustig und Ricarda Hornych zum Abschluss mit einem argentinischen Lied dem Publikum mit auf den Weg.

Die Orange Days gehen weiter

Bewusstsein schaffen
Das Ziel der Kampagne „Orange the World“ der Vereinten Nationen ist es, auf Gewalt an Frauen und Mädchen weltweit aufmerksam zu machen und etwas dagegen zu tun. In diesem Sinn sollen die Orange Days in Esslingen künftig regelmäßig mit unterschiedlichen Aktionen und Projekten stattfinden.

Weitere Termine
Am Montag, 9. Dezember, von 17.30 bis 19.30 Uhr lädt Wildwasser Esslingen zum „Get Together“ in die Räume des Vereins in der Richard-Hirschmann-Straße 47 ein. Willkommen sind alle, die sich informieren, engagieren oder Ideen spinnen wollen. Am Dienstag, 10. Dezember, ab 19 Uhr trifft im Komma unter dem Titel „Queer. History. Beats“ Geschichte auf queerfeministischen Rap und Drag.

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