Villa eines Stuttgarter Bankiers Der Traum eines angehenden Architekten

, aktualisiert am 28.12.2022 - 15:53 Uhr
Das denkmalgeschützte Anwesen in Bad Niedernau wurde immer wieder umgebaut, zuletzt in den 1920er Jahren im expressionistischen Stil. Foto: Sichtlichmensch/Andreas Reiner

Rettung vor dem Verfall: Der junge angehende Architekt Andreas Stenzel saniert die leer stehende Sommervilla des Bankiers Kilian von Steiner in Bad Niedernau im Kreis Tübingen. Wie kam es dazu? [Plus-Archiv]

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Kinderträume. Wenn ich mal groß bin, werde ich Feuerwehrmann, Polizistin, Youtubestar. Das kennt man. Aber: Wenn ich groß bin, kaufe ich mir die Villa Waldhaus? Heute, ein Vierteljahrhundert später, gehört Andreas Stenzel genau diese Villa. Sie schmiegt sich in einen Steilhang am Ortsrand von Bad Niedernau im Landkreis Tübingen. Der nächste größere Ort, Rottenburg am Neckar, ist wenige Kilometer entfernt.

 

Der 32-Jährige ist, um die Villa sanieren und glanzvoll erstrahlen lassen zu können, sogar noch mal an die Uni gegangen. Andreas Stenzel studiert Architektur im sechsten Semester, hat sein Praxissemester bei dem Stuttgarter Architekturbüro Strebewerk gemacht, das auf Denkmalschutz spezialisiert ist.

Eine Liebesbeziehung kann man offenbar auch mit einem Haus eingehen. Schon als Kind, berichtet Andreas Stenzel, habe ihn das Haus fasziniert: der ungewöhnlich spitze Giebel, der kunstvoll verzierte hölzerne Laubengang. „Ich kenne den Ort immer schon, da ich ein paar Dörfer entfernt aufgewachsen bin. ,Die Villa hat einem jüdischen Bankier aus Stuttgart gehört‘, das hat mir meine Mutter damals gesagt.“

Betreten auf eigene Gefahr

Und die erste Nacht im Dezember 2020, als er den Kaufvertrag unterschrieben hatte? „Bin ich vorsichtig durchs Haus gegangen und dachte kurz, was passiert, wenn mich hier jemand erwischt?“, sagt Andreas Stenzel. „Ich konnte noch gar nicht recht glauben, dass mir das jetzt alles gehört.“

Das alles – das ist das mehrstöckige Haupthaus, der Gartenpavillon mit Speisesaal und imposantem Kamin, Ruheraum und Herrenzimmer. Und ein Laubengang, damit man trockenen Fußes von der Villa in den Pavillon gelangt.

Nicht zu vergessen das lauschige, komplett mit Holz getäfelte und mit Einbauschränken versehene Gästezimmer im Dachgeschoss. Das lässt sich nur auf eigene Gefahr betreten, weil die Treppe als einsturzgefährdet eingestuft wurde. Und dann ist da noch das Gärtnerhaus – in dem lebt der Villenbesitzer seit Mai 2021, genießt die Luft, die Stille, freut sich, wenn er frühmorgens Rehe sieht. Inzwischen weiß er auch: Der eigentümliche Krach, den er manchmal hört, „stammt von Rehböcken, die sich anbellen“.

Es ist ein Anwesen mit bewegter Geschichte. Zuletzt wurde es 2001/2002 als Rottenburger Amtsgericht benützt, der Busfahrplan hängt noch neben der Treppe. In den Jahrzehnten zuvor, ab 1957, gehörte es der Kongregation der Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau aus der Bačka, die in Niedernau eine neue Heimat fanden und eine Förderschule mit Internat betrieben. Davor war es ein Krieger-Erholungsheim – 1917 hatte der Württembergische Kriegerbund das Anwesen gekauft, renoviert und 1925 im Stil des Expressionismus aufstocken lassen.

Und davor wiederum war es ein Ort der deutschen High Society: Der Bankier, von dem Andreas Stenzels Mutter gesprochen hatte, hieß Kilian von Steiner, er lebte von 1833 bis 1903. „Er war eine Art Bill Gates des 19. Jahrhunderts“, sagt Andreas Stenzel. Zumindest war er extrem reich.

Steiner war königlicher Kommerzienrat, königlicher Berater in Finanzfragen sozusagen, Mitbegründer der Württembergischen Vereinsbank, war an der Mitbegründung und Finanzierung zahlloser Unternehmen beteiligt (WMF, BASF, Württembergische Maschinenfabrik Esslingen, Stuttgarter Zacke, Anatolische Eisenbahn). Und er war ein Mäzen und Schillerfan. Er hatte großzügig für den Bau des Schiller-Nationalmuseums in Marbach am Neckar gespendet. Die Villa in Bad Niedernau verfügte über eine große Bibliothek, Steiner stiftete einige Originalschriften für das Museum.

Die Hautevolee zu Gast in Bad Niederau

Kilian von Steiner kaufte das Waldhaus 1877 von dem Tübinger Arzt Felix von Niemeyer, Leibarzt des Hauses Württemberg. Zuvor war es im Besitz der Arztfamilie Raidt, die es 1846 errichtet hatte. Steiner vergrößerte das Anwesen, ließ Straßen verlegen, Bauernhäuser abreißen und neue Gebäude luxuriös und im Stil der Gründerzeit und im Schweizerstil errichten.

In Bad Niedernau war einige Jahre lang regelmäßig die Hautevolee zu Gast, darunter Schriftsteller wie Berthold Auerbach, der Bankier und Politiker Georg von Siemens. Von dem Maler Franz von Lenbach ließen sich die Steiners porträtieren. 1895 zog sich Steiner in das Schloss Großlaupheim zurück, das der Familie schon länger gehörte und baute es aus. Die prächtige Sommervilla in Bad Niedernau geriet in Vergessenheit.

„Als ich 2018 erfuhr, dass die Villa zum Verkauf steht, war klar, das wird mein Haus“, sagt Andreas Stenzel. Nicht mal dreißig Jahre alt war er damals, lebte in Zürich und arbeitete im medizinischen Bereich. Er begann, in Archiven zu forschen, und sicherte zerbrochene Scheiben. Die Villa stand seit Jahren leer. Stenzel wollte nicht, dass durch Vandalismus noch mehr Bausubstanz zerstört wird. „Es sah übel aus.“

Die Eltern sind begeistert

Auf der Landesdenkmalschutz-Homepage sind viele Objekte zum Verkauf gelistet, für dieses bekam Andreas Stenzel den Zuschlag von der Stiftung der Armen Schulschwestern. „Der Ortschaftsrat unterstützte das Vorhaben auch“, berichtet er. Im Ort war man offenbar froh, dass sich jemand kümmert. Ohne privates Engagement verfällt viel erhaltenswerte Baukultur. Und das ist dieser Bau zweifelsohne, jeder Raum atmet Historie.

Andreas Stenzel hat seinen Bruder Simon als Projektarchitekt beauftragt, da dieser einige Erfahrung hat. Er selbst kümmert sich um die Bauforschung und Voruntersuchungen, die bei denkmalgeschützten Gebäuden üblich sind. Und die Eltern? Sind begeistert, sagt der junge Villenbesitzer. Die Mutter hatte ihm den Zeitungsartikel über den anstehenden Verkauf der ehemaligen Kilian-von-Steiner-Villa geschickt, der Vater ist auch vom Fach.

All das erzählt Andreas Stenzel, während er in der ehemaligen Küche der Villa steht. Ein paar Fliesen aus der Gründerzeit sind noch erhalten. „Die Wandfliesen sind von 1865, der Ofen ist von 1930.“

Zuvor hat er darauf hingewiesen, dass die Eingangstür und die Fenster mit der Reling-Anmutung, den geschwungenen Formen typisch für den Stil des Expressionismus seien. „Das Haus ist besonders, weil es eine vielschichtige und komplexe Weiterbaugeschichte hat. Es ist eine Zeitreise durch verschiedene Epochen und Stile.“

Kürzlich hat er in einem Raum im ersten Stock – der wurde 1865 errichtet – vorsichtig den Gipskarton von den Wänden entfernt. Dahinter kamen eine naturbelassene Holzvertäfelung und exquisite handbemalte Blümchentapeten zum Vorschein. „Der Raum sollte offenbar wie eine Schwarzwaldstube gestaltet werden. Niedernau lag damals im Schwarzwaldkreis.“

Loch im Boden, Leck im Dach

Im Haus ist es licht und kalt – und ganz schön staubig. Die gelblich glänzenden Holztüren warten ebenso darauf, aufgearbeitet zu werden, wie die Wände, die Böden, die Elektrik. Die einfach verglasten Fenster aus den 1970ern müssen ersetzt werden. Der erste Stock wurde mit Liebe zum Detail ausgebaut. Holzvertäfelung, kleine Erker, sogar ein Balkon mit Blick auf den Wald. Das Eichenparkett im Fischgrätmuster allerdings stammt aus den 1920ern.

Die Holztreppe führt hinauf ins zweite Geschoss. „Diese Etage kam erst 1925 hinzu.“ Ein Bad mit Boiler, viele kleine einfache Zimmer, in jedem Platz für etwa zwei Betten. Die Fenster zeigen auf Grün und Bäume. Kassettentüren, Holzdielen sind zwar verschrammt, aber reparierbar – wie das Loch im Boden.

Der Anblick schmerzt. Höchste Zeit, dass sich jemand des Hauses annimmt. „Das Dach war leck, es hat hereingeregnet, der Bodens war morsch und schimmlig.“ In einem Raum stehen ein Eimer voller Schraubnägel und eine Brechstange. „Damit habe ich eine Nacht lang Nägel entfernt, mit denen die PVC-Bodenplatten auf den Holzboden genagelt waren.“

Im ersten Stock wird der Besitzer wohl selbst einziehen, im zweiten Stock Wohnraum schaffen. Davor muss er sanieren. Und dabei mehr als einen Eimer voller Schraubnägel aus dem Boden holen. Natürlich denkmalgerecht.

Vom Denkmalschutzamt hat Andreas Stenzel die Genehmigung bekommen, dass er nachträgliche Einbauten entfernen und eine Bestandsaufnahme machen kann. Vier Container voller Müll und alten Möbeln hat er entrümpelt. An manchen Wänden sieht man nun wieder, wie gebaut wurde – mit Tonziegeln, dazwischen lugen Lehmwickel und Weidenstecken heraus.

Dokumentation auf Instagram

In Kürze erwartet Andreas Stenzel Besuch vom Landesamt für Denkmalpflege, mit dem dann das künftige Nutzungskonzept für die Villa abgestimmt wird. Eine Restauratorin wird auch die historischen Putze und Farbschichten untersuchen, um dem Haus seine bauzeitliche Gestalt wiederzugeben.

Es gilt beispielsweise zu klären, welches die „jeweils leitende Schicht ist“ – also ob man sich bei der Sanierung an der Gründerzeit orientiert oder am Expressionismus. Entscheiden wird sich dann auch, ob es beim Putz das ursprüngliche Dunkelgelb werden soll.

Jeden Schritt abstimmen, das muss man wollen. „Ich finde das spannend, eine tolle Forschungsarbeit“, sagt Andreas Stenzel, der sein Projekt auf der Instagram-Seite „waldhaus_bad_niedernau“ dokumentiert. Selbst der Garten ist denkmalgeschützt. Es gibt seltene Pflanzen und alte, zum Teil morsche Bäume. „Beim letzten großen Sturm stand ich am Fenster und dachte, das war’s.“ Der Baum ist dann aber doch nicht aufs Haus gefallen, sondern abwärts in den Garten.

Den Garten und die 700 Quadratmeter Nutzfläche zu sanieren ist eine Mammutaufgabe. Das ist es auch, was Andreas Stenzel sagt, wenn er Skepsis in den Blicken mancher Leute sieht: So ein junger Mann, was macht der mit diesem Anwesen? Hat er überhaupt Geld? Wann passiert hier endlich mal was?

Andreas Stenzel lächelt. Er erkläre dann, dass die Vorplanung lange dauert. Bauhistorische Untersuchungen, Gutachten, all das braucht Zeit. „Und ich nehme mir gerne die Zeit dafür“, sagt Andreas Stenzel. So ist es, eine Liebe braucht Aufmerksamkeit, will gepflegt sein, damit sie lebendig bleibt.

Dieser Text erschien erstmals am 20.04.2022. 

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