Fasching in Stuttgart Ein Troll nicht von der Stange

Von Heidemarie A. Hechtel 

Von der Stange ist alles zu haben für den Rollentausch im Fasching. Aber man kann auch selber kreativ werden – wir sind bei der Verwandlung eines Fünfjährigen in ein Fabelwesen dabei gewesen.

Theos Verwandlung: die Ohren sitzen schon, nun fehlt nur noch etwas Schminke. Foto: Lg/Julian Rettig 7 Bilder
Theos Verwandlung: die Ohren sitzen schon, nun fehlt nur noch etwas Schminke. Foto: Lg/Julian Rettig

Stuttgart - Gustav, gerade 9 Jahre alt geworden, möchte zur nächsten Faschingsparty als Millionär gehen. Seine Mutter Stephanie Strecker hat da sofort die passende Idee und denkt an Dagobert Duck: Das Kind irgendwie mit ganz vielen Goldmünzen behängen und bestücken. Damit stößt sie aber bei ihrem älteren Sohn auf wenig Gegenliebe. Der blonde Bub will offenbar auf keinen Fall einen neureichen Schnösel darstellen, der mit Geld um sich wirft. „Ich stelle mir vor, dass ein Millionär ganz schick ist“, sagt er. Und wie sieht das dann aus? „Mit Krawatte“, fällt Gustav als erstes ein. Dazu schwarze Hose, Hemd und Sakko. Das ist ihm Verkleidung genug.

„Gustav hat es nicht so mit dem Maskieren“, sagt seine Mutter und lächelt. Schon gar nicht brächte er die Geduld auf, sich schminken und total verwandeln zu lassen wie sein kleiner Bruder. Theo, fünf Jahre alt, geht zur großen Faschingsparty in der Kita als Troll. Wie diese bösartigen Geister und Dämonen aus der nordischen Mythologie aussehen, weiß er: „Aus dem Fernsehen.“ Und von der Sammlung an Trollfigürchen, die die Oma ihren Enkeln aus Norwegen mitgebracht hat. „Darum hat er auch bis ins Detail ganz präzise Vorstellungen von seiner Maske“, erzählt die Mutter, die diese Vorstellungen mit großem Vergnügen erfüllt. Und so werden wir Augenzeugen, wie aus einem hübschen kleinen Jungen ein Furcht erregender Troll wird, wie ihn kein Theater im Stück „Peer Gynt“ des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen besser auf die Bühne bringen könnte.

Knubbelnase und diabolische Hörnchen

Erst mal wird aus Theos wohlgeformtem Näschen mit etwas Knetmasse eine freche knubbelige Himmelfahrtsnase. Dann fährt Stephanie Strecker mit zehn Fingern in den dichten Haarschopf ihres Jüngsten, richtet ihn in die Höhe, fixiert alles mit Haarspray und dreht anschließend aus Strähnen noch diabolische Hörnchen. Ein paar Accessoires müssen natürlich noch dazu gekauft werden, wie die Kobold-Ohren aus Latex zum Aufstecken, das schwarze Haarspray, das dem Kerlchen zusammen mit einem gemalten Bart und ganz schwarzen Augenbrauen ein noch finstereres Aussehen gibt – dazu kommen noch Hose und Kittelchen aus rustikalem Filz in Erdfarben.

„Die Kostümierung nach eigenen Ideen zusammenzustellen macht am meisten Spaß“, sagt Stephanie Strecker. Einfach etwas von der Stange zu kaufen und den Kindern überzuziehen, das wäre ihr zu langweilig. Als Szenenbildnerin, die nach einem Kunststudium und dem Abschluss an der Filmakademie in Ludwigsburg beim SWR für Fernsehspiele, die Soko Stuttgart und auch mal einen Tatort Drehorte sucht und entsprechend ausstattet, ist die 43-Jährige darin freilich ein Profi. „Eigentlich sind wir gar nicht so faschingsverrückt“, stellt sie klar. Dennoch existiert natürlich eine große Faschingskiste, in der sich alle möglichen Accessoires und Versatzstücke früherer Maskeraden finden, die immer mal wieder verwendet werden. Zum Beispiel die Kochmütze, die Theo zum französischen Moustache als Monsieur Bocuse getragen hat. Schild und Schwert eines Ritters, dessen Helm allerdings nicht überlebt hat. Oder das gelbe T-Shirt und die grüne Hose vom Pumuckl, für dessen Rolle Theos Haare orangefarben leuchteten. Nur aus dem Plüsch-Overall, mit dem Stephanie Strecker vor Jahren Gustav in ein Äffchen verwandelte, sind beide Buben rausgewachsen.

Theo will einmal Schauspieler werden – das Talent hat er

Hingebungsvoll hält Theo seinen Kopf hin, zuckt mit keiner Wimper, bläst die Backen auf, steckt sich als Clou zum Schluss noch grausliche falsche Zähne in den Mund und überprüft das Ergebnis im Spiegel. „Zufrieden“, fragt die Mutter. Offenbar. Mit einem Kissenbauch unterm Kittel, Holzschuhen, einem langen Stock und perfekter Mimik tritt Theo vor sein Publikum und erwartet völlig berechtigt den Applaus.

Das ganze habe jetzt vielleicht 25 Euro gekostet, rechnet die Mutter die Ausgaben zusammen. Was mehr zählt, ist die eigene Kreation. Einem Troll wie diesem, der Menschen ziemlich üble Streiche spielen kann, möchte man nicht im dunklen Wald begegnen. Da überrascht es nicht, was Theo sehr bestimmt und selbstbewusst verrät: „Ich werde mal Schauspieler.“ Man sollte sich den Namen schon mal merken.

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