Faschistischer Anschlag in Herrenberg Ausstellung mit Hakenkreuzen beschmiert

Die Bilder gegen das Vergessen: Luigi Toscano hat Holocaust-Überlebende fotografiert. Einige der Fotografien sind jetzt in Herrenberg mit Hakenkreuzen und Hitlerbärtchen beschmiert worden. Foto: /Luigi Toscano

Ein Zwölfjähriger hat in der Herrenberger Jerg-Ratgeb-Schule Bilder von Holocaust-Opfern geschändet. Die Polizei sagt, er habe keine politischen Motive.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Auf die Holocaust-Ausstellung in der Jerg-Ratgeb-Schule in Herrenberg hat es einen Anschlag gegeben. Mehrere Porträts der letzten Überlebenden der Shoa sind mit Hakenkreuzen besprüht und mit Hitlerbärtchen beschmiert worden.

 

Ermittlungen des Polizeireviers Herrenberg sowie der Kriminalpolizei führten noch am Dienstag zu einem Zwölfjährigen, der die Tat bereits eingeräumt hat. Die Polizei geht nicht von einem politischen Motiv aus.

Gleich nachdem der Anschlag auf die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ bekannt geworden war, setzte sich der Ausstellungsmacher und Fotograf Luigi Toscano ins Auto und fuhr von seinem Wohnort Mannheim nach Herrenberg, um dort den Schaden von etwa 2000 Euro zu begutachten. „Es ist für mich ein Schlag ins Gesicht“, sagt der Deutsch-Italiener, der vor 20 Jahren eine Karriere als Berufsfotograf einschlug. „Wir hatten am Montag eine wunderschöne Eröffnung und müssen das jetzt erleben. Ich bin sehr niedergeschlagen.“

Der Herrenberger Oberbürgermeister Thomas Sprißler verurteilte den Anschlag: „Es ist demütigend und respektlos, dass die Porträts der Zeitzeugen diffamiert wurden.“ Der Schulleiter Alexander Riegler fügte hinzu: „Unsere Schule wird weiter ein Ort sein, der Hass, Hetze, Antisemitismus und Rassismus entgegentritt.

Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume kündigte an, die Schule am Mittwoch zu besuchen. Er zeigte sich von den Schmierereien, die vermutlich in der Nacht zum Dienstag angebracht wurden, entsetzt.

Jeder soll sich diesen Fragen stellen

Vor acht Jahren hat Toscano das Projekt ins Leben gerufen. Das war am Höhepunkt der letzten Flüchtlingswelle, zu dem Zeitpunkt, als das in Ablehnung umschlug, was zunächst als Willkommenskultur begonnen hatte. Toscano sagt: „Ich habe mir überlegt, was kann ich dagegen als Einzelner machen? Deutschland ist meine Heimat, und ich will meine Heimat nicht von den Nazis kaputtmachen lassen.“

Dabei ging es ihm nicht nur um die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, sondern alle Verfolgten sollten ein Gesicht bekommen. Er hat auch Sinti und Roma fotografiert, politisch Verfolgte und jene Menschen, die von den Nazis als „Asoziale“ diskriminiert wurden. Seine Bilder sind genauso eindrücklich wie minimalistisch. Weil er wenig Gerät transportieren will, arbeitet er mit einer Ringleuchte und einem schwarzen Tuch aus Molton. Dieses Licht spiegelt sich in den Augen der oftmals 100 Jahre alten Opfer und verleiht ihnen ein prägnantes Aussehen. Die etwa zwei auf 1,5 Meter großen Tafeln stehen bewusst im Freien, damit sich jeder damit auseinander setzen kann und jeder für sich den Fragen stellen kann, die diese Bilder aufwerfen.

Dreimal wurden Anschläge auf die Ausstellung verübt

Manche beantworten diese Frage mit Zerstörung. In den Schlagzeilen der Weltpresse war jene Ausstellung, die er in Wien aufgebaut hatte. Dreimal wurden Anschläge auf seine Fotos verübt, die Gesichter waren damals regelrecht herausgeschnitten worden. „Damals hat sogar die New-York-Times über die Ausstellung berichtet“, erzählt Toscano.

Etwa 40 bis 50 Ausstellungen seiner Porträts hat er in den vergangenen Jahren organisiert, einige wurden preisgekrönt. Die wohl wichtigste Auszeichnung verlieh ihm im Jahr die Unesco, die ihn zum „Artist for Peace“ kürte.

400 Bilder sind zusammengekommen

Am Anfang hat es viel Recherche-Arbeit bedurft, um an die Adressen der Überlebenden zu kommen. „Viele Institutionen wie auch die jüdischen Gemeinden schützen ihre Mitglieder“, berichtet Toscano, aber die Vertrauensarbeit habe sich gelohnt. Mit der Zeit konnte er die Schranken überwinden, und jetzt melden sich sogar die letzten Augenzeugen des Holocaust bei ihm und lassen sich porträtieren. 400 Bilder sind so in den vergangenen Jahren zusammengekommen, mehr als eine Millionen Menschen haben seine Ausstellungen gesehen. Jetzt dreht er einen Dokumentarfilm über Auschwitz. Er will ihn auf der Berlinale einreichen.

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