Die Cannstatter Jungfrauen mit dem Wauwau als Kind- und Mannersatz (von links im Uhrzeigersinn): Nadine (Olga), Elke (Liesl), Heike (Ruth), Karin (Rösle), Sabine (Agathe) und Carmen (Frida). Foto: Cannstatter Jungfrauen
Am Fasnetsmontag ziehen die Schnurrgruppen durch Cannstatts Kneipen. Sehnlichst erwartet werden dann die Cannstatter Jungfrauen. Ein Besuch bei einem fröhlich-anarchischen Frauenhaufen.
Ob Agathe, Rösle, Liesl und die anderen auch was mit Sushi anfangen könnten? Vielleicht mögen sie lieber Spätzle, selbstverständlich handgeschabt. Mit Sekt wahrscheinlich schon eher. Der ist schließlich auch gut für den Kreislauf. Sushi und Sekt stehen an diesem Freitagabend auf dem Tisch im Zunfthaus der Kübler, wo sich die Cannstatter Jungfrauen auf ihren Auftritt beim Honoratiorenabend vorbereiten. Später werden sie zur Weinstube am Stadtgraben hinüber gehen.
Die Jungfrauen sind dezimiert. Eigentlich sind sie zu siebt, an diesem Abend treten sie zu fünft auf. Ruth, die im wahren Leben Heike heißt, sitzt erkältet daheim und lässt sich per Videotelefonie zuschalten. Auch Elke, die Liesl, fehlt. Noch halten sich die schwäbischen Madämle mit ihren Persianerjäckle, den Schluppenblusen und dem blauen Lidschatten übrigens im Hintergrund. Um den Tisch sitzen Carmen, Sabine, Birgit, Karin und Nadine. Ihre Alter Ego haben ihren Auftritt erst später.
„Wir schwätzen vier Stunden und proben eine halbe“
Während Sushi, Edamame und Misosuppen herumgereicht werden, geht es wild durcheinander. Wie eigentlich immer, wenn sich die Cannstatter Jungfrauen treffen, sagt Sabine: „Wir schwätzen vier Stunden und proben eine halbe.“ Und fügt lachend hinzu: „Deshalb können wir auch unsere Texte nicht auswendig.“ Als Agathe hat sie die Damen im Griff, schaut, dass ja keine über die Stränge schlägt – oder gar einem Mann schöne Augen macht.
Inzwischen ist es 18 Jahre her, seit die Cannstatter Jungfrauen zum ersten Mal als Schnurrgruppe am Fasnetsmontag durch die Kneipen von Bad Cannstatt zogen. Heike hörte damals das Lied „Hackespitze“ und beschloss: „Ich such’ mir ein paar Mädels und mache eine Schnurrgruppe.“ Die Cannstatter Jungfrauen waren geboren. „Hackespitze“ ist bis heute ihre Erkennungsmelodie. Heike, Elke, Sabine und Karin sind Jungfrauen der ersten Stunde, die anderen stießen später dazu.
Die Kübler pflegen die schwäbisch-alemannische Fasnet
Bad Cannstatt ist eine Art gallisches Dorf, die Zunft der Kübler beinahe der letzte, nördlichste Zipfel echter schwäbisch-alemannischer Fasnet. Dass der Kübelesmarkt zur Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) gehört, nimmt man ernst, darauf ist man stolz. Die Jungfrauen sind alle auch bei den Felben.
Fünf der sieben Cannstatter Jungfrauen (von links): Birgit (Hille), Karin (Rösle), Sabine (Agathe), Nadine (Olga) und Carmen (Frida) Foto: StZN/Schäfer
Der vielleicht schönste, ganz bestimmt urigste und persönlichste Teil der Cannstatter Fasnet ist das Schnurren am Fasnetsmontag, den man hier auf gar keinen Fall Rosenmontag nennen darf. Wer dann in der Weinstube Zaiß oder der Sattlerei sitzt, weiß nicht, was passiert: Ob er gleich Rasierschaum im Gesicht hat, bei einem Sketch mitspielen muss, oder – im Fall der Jungfrauen – in eine Wolke von 4711 Echt Kölnisch Wasser und Tosca eingenebelt wird. Dazu singen sie Lieder über ihr Leben als ungeküsste alte Jungfern, die wunderbar ohne Mann klarkommen, so lange der Thermomix sie nicht im Stich lässt.
Was seine eigene Ironie hat, wenn man weiß, dass die sieben Jungfrauen zusammen 17 Kinder und vier Enkel haben. Einmal standen zwei von ihnen hochschwanger in der Kneipe und sangen davon, dass Männer, diese schrecklichen haarigen Kerle, bei ihnen Hausverbot haben. Während ihre Ehemänner im Publikum saßen.
Die Cannstatter Jungfrauen in Aktion. Foto: StZN/Schäfer
Im wahren Leben sind die Cannstatter Jungfrauen Inklusionsbeauftragte, Sonderschulpädagogin, Coach und Führungskräftetrainerin, Kita-Leiterin, Salesanalystin oder Kundenberaterin. Vor ein paar Jahren schärften sie zusammen mit einer Theaterpädagogin ihre Charaktere: Carmens Frida – die Frau am Akkordeon – ist ein bisschen kokett und guckt gern nach den Männern, Birgits Hille ist zupackend pragmatisch und geht nie ohne ihr Spätzlebrett irgendwo hin. „Jede von uns bringt was von ihrer eigenen Persönlichkeit mit ein“, sagt Nadine. „Ich bin Mutter, Ehefrau, Lehrerin – und ein bisschen auch Agathe“, fasst Sabine es zusammen.
Textideen kommen unter der Dusche
Legen sie die staubig-schweren Omaparfüms auf und schlüpfen in ihre „Kleidle“ – die Blusen mit den Puffärmeln, die Kleider mit Schulterpolstern oder den alten Persianer finden sie Secondhand oder im Nachlass der Urgroßtante –, werden sie die Jungfrauen. Neue Liedtexte ersinnt Sabine oft unter der Dusche, manche steuert auch eine Freundin bei. Am Schnurrabend sind sie eine feste Größe. Inzwischen sind sie aber mehr als eine Schnurrgruppe, im Mai werden sie bei den Cannstatter Mundarttagen auftreten. „Wir drängen uns so lange rein bis wir fehlen, wenn wir nicht da sind“, sagt Carmen mit charmantem Lächeln. „Positive Präsenz zeigen“, nennt Nadine das.
Aber vor allem, da sind sich die Frauen einig, sind sie sieben Freundinnen. Zwischen 45 und 63 Jahre alt, ganz unterschiedlich, aber – das spürt man gleich – einander von Herzen zugetan. „So eine Frauenfreundschaft gibt ganz viel Geborgenheit“, sagt Carmen. Und wenn man mal keine Lust hat und am liebsten daheim auf der Couch bleiben würde? „Hier muss niemand zwanghaft auf gute Laune machen, wir teilen das Schöne und auch das nicht so Schöne“, sagt Karin und Birgit ergänzt: „Und am Ende ist man froh, dass man doch gekommen ist.“
Schnurren in Bad Cannstatt
Besonderer Kneipenabend Am Fasnetsmontag, 16. Februar, ziehen ab 19.30 Uhr die Schnurrgruppen durch Cannstatts Restaurants und Kneipen. Was sie sich einfallen lassen, ist stets eine Überraschung. Mit dabei sind auch die Cannstatter Jungfrauen. In diesem Jahr machen die folgenden Gaststätten mit: Der Rote Hirsch, Der Sizilianer am Markt, Weinstube „Zur Schreinerei“, Weinstube Zaiß, Wirtshaus „Zur Alten Schmiede“, Durscht, Wirtshaus „Zur Sattlerei“ und die Rock-Mezé-Bar Pirates.