Bürokratie, eine Gefahr für das Brauchtum? Diese Frage steht immer dann im Raum, wenn es im Ländle um den enormen Aufwand geht, den Fastnachts- und Karnevalsvereine zum Teil betreiben müssen, um ihre Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Melanie Bader, Präsidentin der Renninger Schlüsselgesellschaft, einem Karnevalsverein mit rund 250 Mitgliedern, kann diese drastische Formulierung nachvollziehen. „Die Menge an Bürokratie ist schon nicht unerheblich und stetig steigend“, berichtet sie. In den Vereinen engagieren sich Ehrenamtliche, der Zeitaufwand bei manchen Themen sei enorm. Veranstaltungen, die einst grüne Zahlen geschrieben haben, würden zusehends in die roten Zahlen rutschen. Der Renninger Verein führe aufgrund der Vorgaben erst gar keinen Umzug durch. „Und viele andere Umzüge stehen zusehends auf der Kippe“, meint Melanie Bader.
Wer einen Umzug oder eine andere Veranstaltung zur Fasnets- und Karnevalszeit plant, hat in der Tat eine lange Liste abzuhaken. Melanie Bader führt es beispielhaft auf: Brandschutz müsse beachtet werden, ebenso die Anfahrt- und Abfahrtswege entlang der Strecke – und das in Zusammenarbeit mit der Polizei. Die Kommunikation mit den Behörden kostet ebenso Zeit wie das Beantragen von Genehmigungen, etwa für den Ausschank. Security-Personal muss engagiert, die Gema bezahlt werden. „Leider wurde es nicht nur mehr, auch die bereits vorhandenen Themen werden umfangreicher und komplexer“, sagt Bader. Kleinen Vereinen geht es an die Zeitkapazität, für größere Vereine werde es zunehmend teurer.
Wege finden für Sicherheit – und das Überleben der Fasnet
Einig sind sich dabei alle: Sicherheit ist wichtig. „Der bürokratische Aufwand ist auch teilweise gerechtfertigt“, sagt Jürgen Zeiher, Schatzmeister des Frohen Faschingsclubs Gerlingen. Dass die Vorgaben sich mehren, sei auf der einen Seite also verständlich. „Auf der anderen Seite bekommen das die Vereine zu spüren.“ Und das gehe ins Geld. Wer heute eine Halle dekorieren will, der kann nicht einfach Papierwimpel aufhängen, sondern braucht brandschutzsichere Dekoration, die teurer ist. „Dann wird vielleicht weniger oder gar nicht dekoriert“, berichtet Jürgen Zeiher.
Einer, der sich in Sachen Bürokratie und Fasnet schon lange engagiert, ist Roland Wehrle. Er ist der Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte. In seiner 45-jährigen Tätigkeit für den Verband haben zehntausende Veranstaltungen stattgefunden. „Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft es da Probleme gab“, sagt er. Trotzdem: „Wir alle wollen natürlich Sicherheit.“ Dafür müsse man eben gemeinsam Wege finden – und eine Verfahrensweise, die die Fasnet langfristig sichert.
Runder Tisch soll Verständigung fördern
Als Plattform gibt es dafür auf Landesebene schon länger einen „Runden Tisch“ zur Fastnacht. Die Verbände beteiligen sich dort ebenso wie Vertreter des Landes und der Kommunen. Ergebnis dieser Zusammenkunft war Ende des vergangenen Jahres etwa ein neuer Leitfaden, der für Vereine und Behörden eine Stütze sein soll, wenn es darum geht, wer sich wann um was kümmern muss. Für Veranstaltungen mit weniger als 500 Teilnehmern soll der Aufwand reduziert werden, eine Genehmigung soll bei kleinen Veranstaltungen außerdem auch für mehrere Jahre gültig sein. Für Roland Wehrle ist das ein erster guter Schritt, er will nach der diesjährigen Saison aber noch einmal Bilanz ziehen. Probleme sieht er weiterhin in puncto Kosten. „Die Zünfte haben nicht immer genug Einnahmen, um die Sicherheitsauflagen zu bezahlen.“ Auch die Genehmigungen kosten Geld.
Erleichterung, das sagt Jürgen Zeiher vom Frohen Faschingsclub in Gerlingen, würde es etwa bringen, wenn die Vereine für einzelne Veranstaltungen von der Gema-Pflicht befreit werden würden. In Bayern etwa übernimmt inzwischen das Land die Gema-Gebühren für eintrittsfreie Veranstaltungen von Vereinen. Melanie Bader aus Renningen wünscht sich derweil einen Fortschritt bei der lang versprochenen Digitalisierung der Ämter und Behörden: „Die Realität sieht noch immer so aus, dass wir bei Gema, Rathäusern und Ämtern mit Papierformularen arbeiten müssen, teilweise monatelange Rückmeldezeiten haben, es tatsächlich noch den Wunsch nach einem Telefax gibt oder die Onlineportale eine Vollkatastrophe sind“, erzählt sie.
Großer Wunsch nach Digitalisierung
Ähnlich geht es Frank Gann, dem Chef der Weiler Narrenzunft AHA. „Es wäre ein großer Benefit, wenn das alles digitalisiert werden würde“, sagt er. Die Sache mit dem bürokratischen Aufwand sieht er derweil nicht so eng. Viel mehr belasten würde seinen Verein inzwischen unvorhergesehene Ereignisse, die seine Planung inzwischen fast jedes Jahr ungewiss machen. Die Pandemie, Krieg in Europa, Energiekrise und Preissteigerungen haben die Fasnet der vergangenen Jahre auch geprägt. In diesem Jahr hat die vorgezogene Bundestagswahl die Narren ins Grübeln gebracht. „Bei solchen Themen haben wir keine jahrelangen Erfahrungen“, sagt Frank Gann.
Und dann wären da noch andere tragische Ereignisse, die auf große und kleine Veranstaltungen rund um die Fasnet einen Einfluss haben. „Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg macht uns zu schaffen“, berichtet Jürgen Zeiher. „ Die Behörden sind sensibilisiert.“ Die Zufahrtswege zum Umzug in Gerlingen müssen in dieser Saison deshalb mit querstehenden Fahrzeugen, nicht mehr nur mit Barken abgesperrt werden. Aber angesichts einer Welt, die immer verrückter wird, ist das auch nötig, findet Zeiher. „Keiner möchte, dass in Gerlingen etwas passiert.“