„ Wirklich feine Tage, mit befreundeten Vereinen und DJ Rainer Häussermann.“ Genüsslich erzählt Roland Müller vom Brückenfest, das der Musikverein Murr über das Wochenende zum 39. Mal veranstaltete. Dort feierten auch die Gässlesfetzer nun ihren 25. Geburtstag, die Guggenmusik ist vom Heilbronner Unterland bis weit über die Grenzen Stuttgarts hinaus bekannt. Müller spielt die Bassdrum, seine Frau Marion die Woodblocks alias „Klöpferle“. „Eigentlich gibt es uns schon viel länger“, betont er. „Den Grundstein hat im Prinzip der Fasching hier gelegt, lange bevor ich aus dem Schwarzwald hierher zog.“ 1993 kam er der Liebe wegen aus Furtwangen nach Murr. Dort hatten sich 18 Jahre zuvor die Karnevalsfreunde gegründet. „Da ist es mit den Faschingsumzügen losgegangen. Schon immer lief der Musikverein mit, und aus dem heraus entstanden wir. Mit der Zeit wurde aus ‚Rucki-Zucki’ Guggenmusik – das machte uns mehr Spaß.“
Alles nahm seinen Lauf. 1999 sei dann klar gewesen, dass man nun ein „Häs“ brauche, also das Narrenkostüm der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Und dazu einen eigenen Namen. „In Murr gibt es die vielen kleinen Gässle, also nannten wir uns Gässlesfetzer.“ Weil sie Teil des Musikvereins Murr blieben, kamen über die Jahre mehr und mehr gute Musiker und Musikerinnen hinzu. „Aus der ganzen Umgebung“, so Roland Müller. Mit seiner Frau Marion und deren Schwester Sandra Heinisch war er im Team der ersten Stunde. Wie auch Reiner Obergaßner, der im Musikverein zuvor dirigierte und dann Tambour wurde, also musikalischer Leiter der Guggenmusik. „Die Gruppe sagt, was sie gerne spielen würde, und Reiner setzt es um, er arrangiert die Stücke.“ Dabei bewege man sich eher auf der rockigen Seite, manchmal auch beim Pop. Zum großen Repertoire gehören etwa Songs der Toten Hosen und Ärzte, von Queen, Andreas Burani, Cranberries, Robbie Williams. Auch „Halleluja“ von Leonard Cohen erklingt mal oder „Sound of Silence“ in der Disturbed-Version. „Wir passen unser Programm dem Event an, ob es was zum Schunkeln oder Schmachten braucht.“
Gibt es genug Nachwuchs-Musiker?
Dabei haben die Gässlesfetzer noch zwei weitere Tambours, Michael Boger und Matteo Malchin von „den Jungen.“ Nachwuchsprobleme gibt es keine. „Bei uns spielt auch Spaß eine große Rolle, wer will kann mitmachen“, lacht Müller. Man müsse kein Supertalent sein, aber man müsse wollen und: „Einmal pro Woche proben, damit alles klappt.“ Das geschieht in der Murrer Lindenschule. „Die Rektorin Annett Marchand und die Gemeinde kommen uns da sehr entgegen und überlassen uns die Aula zum Üben.“ Obschon Guggenmusik ein Saisongeschäft sei, auf das man sich nach den Sommerferien beginne vorzubereiten, werden die Gässlesfetzer auch über das Jahr zunehmend für weitere Gigs gebucht.
„Anfangs war mal gedacht, dass wir nach dem Fasching, während dem wir um die 30 Auftritte absolvieren, etwas Pause haben“, sagt der Ingenieur für Feinwerktechnik. „Doch nach und nach sind weitere Anfragen hinzugekommen.“ Der Auftritt beim Brückenfest ist ein Fixum, aber auch mal bei Geburtstagen oder Ähnlichem wird gespielt. „Dieses Jahr waren wir schon beim NOL Guggen Treffen Open Air in Kornwestheim und bei ‚Gugg in den Mai’ Murrhardt, das Maifest hat dort der Faschingsverein übernommen.“
Bei beiden Karnevalsvereinen von Murr trete man auf in der fünften Jahreszeit, die am 11.11. freilich richtig losgehe. Doch die Gässlesfetzer sind auch so gefragt. „Eigentlich versucht man die Auftritte außerhalb des Faschings zu reduzierten. Doch 2024 scheint es keine richtige Pause zu geben“, sagt Müller, der als passionierter Mountainbiker Stamina hat. Im Oktober steht ein Auftritt bei den Gassafäger Güglingen an, im November – noch vor dem offiziellen Faschingsbeginn – einer bei den Querköpf aus Winnenden, die ihr 20-Jähriges feiern.
Termine für 2025 stehen schon
Und auch Anfang 2025 sind sie schon gebucht von den Lohkäs Trampler in Backnang, die 33 werden. „Über die Jahre entstehen schöne Freundschaften mit anderem Guggenmusiken. Man feuert sich gegenseitig an und unterstützt sich.“
Das braucht Organisation: Als „Tour- und Terminmanager“ sowie Ansprechpartner fungiert Roland Müller mit Sandra Heinisch. „In dieser Funktion des Koordinators bin ich Stück für Stück hineinrutscht. Als Ingenieur brauche ich Struktur und einen Terminplan. Nicht, dass es heißt, ich weiß nicht, wo wir morgen sind.“ Auch bei Rathaus- oder Zunftmeisterempfängen muss jemand vorne stehen. „Da hat man mich irgendwann hingeschoben.“ ‚Man’, das ist durchaus weit zu fassen: 57 Mitglieder zählen die Gässlesfetzer, die jüngsten sind zehn Jahre alt, die ältesten über 60 Lenze.
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.fasnet-in-weil-der-stadt-das-fasnetskuechle-ist-dem-pfarrer-zu-teuer.d985aea9-0e12-4b1a-8042-c9e8deeca740.html
„Ganze Familien, mit Enkeln und Großeltern, laufen mit, auch unsere Kinder“, sagt Müller, der selbst vergangenes Jahr 60 wurde. Schmunzelnd fährt er fort: „Ich hoffe, dass irgendwann unsere Enkel im Kinderwagen dabei sind.“ Im Schnitt musizierten bei Veranstaltungen 33 bis 45 Leute mit Blas- und Percussionsinstrumenten.
Nun glänzen und glitzern sie noch mehr: Zum Jubiläumsjahr gibt es neue Kostüme. „Unsere Frauen haben ein neues Häs designed und selbst genäht, in unseren Farben Türkis, Silber, Rot und Schwarz, plus Logo.“ Kurz hält Müller inne, bevor er bekennt: „Ich finde die Mischung hier aus rheinischem Karneval und schwäbisch-alemannischer Fasnet richtig gut.“