Fassadenbegrünung in Stuttgart Das Paradies hängt schief

Von Andrea Jenewein 

Was tun, wenn für das dringend benötigte Grün, das in Städten für ein besseres Klima sorgen soll, kein Platz ist? Die Bäume an Fassaden in die Vertikale wachsen lassen, dachte sich Alina Schick. Mit ihrem Hohenheimer Startup Visioverdis bringt sie nun einen waagerechten Garten nach Stuttgart.

Sieht fast aus wie ein surreales Gemälde: Der vertikale Fassadengarten des Startups Visioverdis. Foto: Universität Hohenheim/Sacha Dauphin/Sacha Dauphin
Sieht fast aus wie ein surreales Gemälde: Der vertikale Fassadengarten des Startups Visioverdis. Foto: Universität Hohenheim/Sacha Dauphin/Sacha Dauphin

Stuttgart - Ein bisschen fühlt man sich wie in einem Gemälde des surrealistischen Malers Salvador Dali: Zwar zerfließen hier keine Uhren über Ästen oder Steinen, aber an der Fassade des Hauses wachsen Bäume - und zwar waagerecht. Wie ein schief hängendes Paradies. Bis zum 20. März konnte man dieses Wunder bereits auf dem Campus der Universität Hohenheim bewundern, vom 4. bis 6. Mai wird es an der Fassade des Treffpunkt Rotebühlplatz installiert werden: Der vertikale Fassadengarten des Hohenheimer Startups Visioverdis.

Die Stadt Stuttgart hat die 8,50 Meter lange und 3,50 Meter breite Garteninstallation gekauft. Diese soll nun auf zehn Meter Höhe freihängend installiert werden. „Das Bedürfnis, Großstädte begrünen zu wollen, wächst stetig. Nicht nur die Stadt Stuttgart, sondern auch Firmen aus anderen Städten und aus dem Ausland kontaktieren uns“, sagt Alina Schick, Gründerin und Geschäftsführerin von Visioverdis. Denn nicht nur hier erkennt man den positiven Aspekt: Wo Platz für Parks fehlt, können grüne Gebäudefassaden etabliert werden. Dabei reicht der positive Effekt weit über die Ästhetik hinaus: Diese Pflanzenwände wirken als Lärmdämpfer, binden Kohlenstoffdioxid, verbessern die Luftqualität und haben im Sommer eine kühlende Wirkung. Das Besondere des Fassadengartens besteht darin, dass die Ligusterbäumchen rotieren. Durch die Rotation verändert sich für die Pflanzen die Schwerkraft- und Lichtwahrnehmung: Die Pflanzen orientieren sich nach ihrer letzten bekannten Wuchsrichtung, bevor sie gedreht wurden. So können die rotierenden Pflanzen in unterschiedliche Richtungen ausgerichtet werden – etwa waagrecht. Pro Minute sind es zwischen 0,1 und 1,6 Umdrehungen. Zudem bleiben die Bäume klein, es wachsen dafür mehr grüne Blätter als bei der herkömmlichen Pflanzung.

Die Bäume drehen sich um die eigene Achse

GraviPlant nennt Visioverdis diese Idee, um Großstädte mit wenig Raum zu begrünen. Seit 2011 forscht Schick an den waagerecht wachsenden Pflanzen und entwickelte ein Technologie-Konzept: Die Fassaden sind mit LAN, Wasser- und Stromleitung verbunden, sodass die Pflanzen automatisch versorgt werden. Sensoren steuern Bewässerung, Rotation und LED-Beleuchtung.

Kuhn. „Wir brauchen zur Kühlung mehr Grün“

Die promovierte Agrarwissenschaftlerin und Gravitationsbiologin hat sich bereits 2009 mit der Schwerkraftwahrnehmung von Pflanzen auseinandergesetzt, indem sie Pflanzen mit Hilfe von Waschmaschinenmotoren drehte. Obwohl es bereits jahrzehntelange Forschung im Bereich Gravitation und Pflanzen gibt, ist Visioverdis in seiner Branche Vorreiter.

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) freut sich über die Verschönerung auf dem Rotebühlplatz: „Die Stadt wird im Sommer heißer, sodass wir zur Kühlung mehr Grün ausbringen müssen. Mich freut besonders, dass wir für den Fassadengarten eines Stuttgarter Start-Ups einen so prominenten und geeigneten Standort am Rotebühlplatz gefunden haben.“

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