L’Utopia verstehe sich als eine Art Reise, das sagen die Veranstalter dieses Projekts des Bürgertheaters Ludwigsburg. Eine Reise, die spannende Geschichten, Menschen und Orte aufspürt. Eine Reise auf der Suche nach „den Verrücktheiten und den Möglichkeiten“, nach Gesellschaftsentwürfen, nach Formen des Zusammenlebens, nach Spielräumen und nach Utopien, deshalb der Name. Die Historikerin Margherita Lo Tito und die Bühnen- und Kostümbildnerin Gesine Mahr waren kürzlich auf so einer Reise durch die Oststadt. Während eines Spaziergangs über den Alten Friedhof an der Schorndorf Straße sei ihnen das Pantheon – das Zeppelin-Mausoleum – sofort aufgefallen. Auch wegen der Worte, die über den Eingang zu lesen sind: „Dem vorangegangenen Freunde“ und „Die der Todt getrennt, vereiniget das Grab“. Die Neugier der beiden Frauen war geweckt.
Das imposante Bauwerk hat der spätere König Friedrich Wilhelm Karl von Württemberg Anfang des 19. Jahrhunderts für seinen deutlich jüngeren Freund, Johann Karl von Zeppelin, bauen lassen. Für das Pantheon waren zwei Sarglegen vorgesehen, aber nur Zeppelin wurde hier beerdigt. „Irgendwas stimmt hier nicht“, das habe sie sich sogleich gedacht, erzählt Lo Tito. Die Forschung in alten Dokumenten nahm ihren Lauf. Der 2010 verstorbene Historiker und Archivar Paul Sauer hat in einem Buch über den Monarch geschrieben, „bis in die Gegenwart“ werde die sexuelle Orientierung des späteren Königs Friedrich I. von Württemberg zu Männern in der politischen Geschichtsforschung allenfalls angedeutet. Für die L’ Utopia-Macher indes steht fest: Der König war schwul.
„Ich liebe Sie wie niemanden sonst“
Die Inschriften auf dem Zeppelin-Mausoleum seien ein öffentliches Liebesbekenntnis des Monarchen. Viele Briefe Friedrichs an seinen deutlich jüngeren Freund Karl von Zeppelin seien erhalten, erzählt die Historikerin Lo Tito. In einem der Briefe schreibe der König: „Ich liebe Sie wie niemanden sonst.“ Die Abreise Zeppelins betrübe ihn sehr, so der König. Und weiter: „Ich kann fast nicht schreiben, so sehr zittert meine Hand. (…) Du bist mein erster Gedanke, wenn ich aufwache und mein letzter, wenn ich zu Bett gehe.“ Als Zeppelin schwer krank wurde, habe Friedrich seinen Freund gepflegt.
Den Todestag des im Jahr 1801 verstorbenen Zeppelins habe Friedrich oft in stiller Trauer verbracht, erzählt Axel Brauch, der zusammen mit Gesine Mahr das Bürgertheater leitet und L’Utopia auf den Weg gebracht hat. Friedrich, von 1806 bis zu seinem Tod im Jahr 1816 König von Württemberg, habe den Todestag Zeppelins, den 14. Juni, oft gar nicht am Hofe zugebracht. Er wollte wohl allein sein. Lo Tito und ihre Kollegen behaupten keinesfalls, dass sie herausgefunden haben, dass der Monarch homosexuell war. Sie sagen allerdings, dass diese Tatsache bis heute kaum offen angesprochen werde. Viele Bürger wüssten nichts davon – und das sollte sich ändern, so Margherita Lo Tito: „Das war eine innige Liebesbeziehung – und das darf sein.“
„Das Thema sollte in die Welt“
In einem „Pop-up-Café der UtopistInnen“ auf dem Berliner Platz in der Oststadt haben die Historikerin und ihre Kolleginnen und Kollegen kürzlich die gesammelten Geschichten aus dem Stadtteil erzählt, auch von der Liaison des Herrschers. Lo Tito sagt, sie wünsche sich, dass fortan in der Stadt frank und frei über die Liebe des Königs und Zeppelins gesprochen werde. Warum, fragt sie, gibt es zum Beispiel keine Stadtführung auf den Spuren dieser für die damaligen Verhältnisse unverschämten Liebesbeziehung? Dieses Thema „sollte in die Welt“.
Internet: www.buergertheaterlb.de