Bei der Fastenpredigt feiern Landespolitiker Kretschmanns Abschied. Der sticht sein letztes Fass an. Christoph Sonntag verteilt Bosheiten, Hagel, Özdemir & Co. lachen oder leiden.
Wird Winfried Kretschmann seiner Frau künftig auf den Wecker gehen, wenn er nach dem Ende seiner Amtszeit nun öfter zu Hause ist? Gerlinde Kretschmann antwortet trocken und klar: „Der Wecker ist das Erste, was bei uns daheim wegkommt.“
Der Kappelberg rückt von Jahr zu Jahr immer näher an den Nockherberg, der in München seit Jahrzehnten hochkarätig im Publikum besetzt ist. Die schwäbische Version des bayerischen Derbleckens hat sich in 14 Jahren längst selbst zur Marke entwickelt – sie vereint die Spitzenpolitiker des Landes beim Bier (bei den Schwaben gibt es ein normales Helles, kein Starkbier wie in Bayern). Zwei Wochen vor der Wahl ist alles da, was Rang und Namen in der Landespolitik von Baden-Württemberg hat – oder haben will.
Künftig kommt Winfried Kretschmann nicht mehr zur Fastenpredigt
Die deftige Musi fehlt nicht, wenn 1500 Besucher in der Alten Kelter in Fellbach bei der 14. Aufzeichnung der SWR-Fernsehsendung „Das jüngste Geri(ü)cht“ mit dem Kabarettisten Christoph Sonntag auf Bierbänken sitzen und Gaisburger Marsch essen. Der klare Star der Show ist Winfried Kretschmann. Das Theaterstück mit Doris Reichenauer, Elsbeth Gscheidle, Thorsten Strotmann, Martina Brandl und Thomas Schreckenberger erzählt, wie Eventmanager seine große Abschiedsparty vorbereiten. Es liegt also Wehmut in der Luft. Wird der scheidende Ministerpräsident auch künftig die Fastenpredigt in Fellbach besuchen? „Ganz bestimmt nicht“, sagt er unserer Zeitung. „Ich will doch nicht meinem Nachfolger im Weg stehen.“
„Unbedingt wählen gehen! Wählt, als wäre es das letzte Mal.“
Christoph Sonntag, Kabarettist
„Mit 77 Jahren fängt das Leben an“ – der ganze Saal singt mit. Der 77-jährige Grüne darf zum Abschied noch einmal das Fass anstechen, was nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört. „Ihr wisst doch, dass ich das nicht kann“, sagt er. Sonntag kontert trocken: „Eben deshalb.“
Zehn Schläge sind nötig, bis das Bier fließt – Applaus, Gelächter und Respekt vermischen sich. Sonntag schlägt zudem vor, dass Kretschmann, sollte er nach seinem Auszug aus der Villa Reitzenstein einen Job suchen, wegen seiner Frisur Markenbotschafter für Klobürsten werden könnte. Was im Saal so oder ähnlich immer wieder zu hören ist: „Kretschmann ist großartig – er wird uns fehlen.“Kretschmann bringt seine Frau Gerlinde mit, Cem Özdemir seine Frau Flavia Zaka, die er mitten im Wahlkampf zur Geisterstunde bei OB Boris Palmer (auch er ist in Fellbach dabei) in Tübingen geheiratet hat, und Manuel Hagel (CDU) kommt in Begleitung von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Beide haben für ein paar Stunden den CDU-Bundesparteitag, der zeitgleich auf der Messe Stuttgart stattfindet, unterbrochen, um bei der Fernsehsendung dabei sein zu können.
Unter den Gästen ist Bundestagspräsidentin Julia Klöckner
Sonntag macht sich über den Bekanntheitsgrad des 37-jährigen Hagel lustig: „Manche sagen, wenn sie den Hagel auf Plakaten sehen – den kenn ich, das ist doch der Mann von Barbie.“ Weil der junge Spitzenkandidat von einer möglichen Dreierkoalition aus CDU, SPD und FDP spricht, schlussfolgert der Fastenprediger: „Er will also einen Dreier – das hört sich an nach Swingerclub. Hagel weiß nicht, was das ist. Ist Oettinger da, der ihm das erklären kann?“
Cem Özdemir bekommt zu hören, dass er für Bonusmeilen und Basilikum auf dem Balkon bekannt sei. Mit ihm würde sich für das Land nicht viel ändern, sagt Bruder Christopherus: „Wir haben seit 15 Jahren ja bereits einen grünen Ministerpräsidenten, von dem jeder weiß, dass er der CDU näher steht als seiner eigenen Partei.“
Auch Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) bekommt sein Fett weg: „Als Nopper gewählt wurde, sagte er, er reißt das Ruder rum – nun hofft die Bürgerschaft, dass er das Ruder endlich mal überhaupt in die Hand nimmt.“ Der ebenfalls scheidende Verkehrsminister Winfried Hermann, der in diesem Jahr seinen 74. Geburtstag feiert, wird wegen Stuttgart 21 verspottet: „Als Gegner musste er Stuttgart 21 umsetzen – das ist, als würde die Ordensschwester den Anbau eines Bordells organisieren.“
Beim Puppenspiel ist nur Kretschmanns Stimme zu erkennen
Beim Puppenspiel wird deutlich: Kretschmanns Stimme ist die einzige, die sofort zu erkennen ist. Hagel und Özdemir bleiben im Klang blass. Ihre Besonderheiten müssen erst noch hervorstechen. Würde man die Augen schließen, wüsste man nicht, wer da spricht. Die SPD, spottet Sonntag in Richtung Andreas Stoch, sei wie ein altes Videokabel: man brauche es nicht mehr, wolle es aber trotzdem nicht wegwerfen. Hans-Ulrich Rülke (FDP) hört, dass dies sein letzter Besuch bei der Fastenpredigt als aktiver Politiker sei, denn er werde rausgewählt.
Unter den Gästen im Publikum: SWR-Intendant Kai Gniffke, Fanta-Manager Andreas „Bär“ Läsker, die frühere Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang, VfB-Präsident Dietmar Allgaier, etliche Ministerinnen und Minister sowie Landtagspräsidentin Muhterem Aras.
„Wählt, als wäre es das letzte Mal“
Eine Wahlempfehlung will Christoph Sonntag am Ende nicht aussprechen, doch er gibt unter starkem Beifall einen dringenden Rat für die Wahl: „Unbedingt wählen gehen! Wählt, als wäre es das letzte Mal.“ Den rechtsextremen Kräften, die die Demokratie zurückfahren wollten, müsse man entschlossen entgegentreten.
Das SWR-Fernsehen strahlt die Aufzeichnung der Fastenpredigt mit Christoph Sonntag an diesem Montag, 23. Februar, um 20.15 Uhr aus.