Fastentrend im Kreis Göppingen Freiwilliger Verzicht auf Social Media

Social Media ist inzwischen aus dem Leben vieler Menschen nicht mehr wegzudenken. Dennoch nimmt der Trend zum „Digital Detox“ gerade unter jungen Menschen stark zu. Foto:  

In der Fastenzeit verzichten viele Menschen traditionell auf verschiedene Dinge. Bei jungen Leuten heißt das immer öfter: weg mit Instagram und Co. Der Trend zum „Digital Detox“, dem bewussten Verzicht auf soziale Medien, nimmt zu.

Nach der Faschingszeit beginnt traditionell die Fastenzeit. Inzwischen geht es in dieser Zeit weniger um den kompletten Verzicht auf Alkohol oder Fleisch, sondern eher um das Einschränken des eigenen Lebens und den Verzicht auf Dinge, die einem nicht guttun. Seit einigen Jahren trendet gerade unter jungen Leuten das „Digital Detoxing“ – der Verzicht auf Social Media für eine gewisse Zeit.​

 

Laut einer Statistik des Unternehmens Statista verbringen Jugendliche etwa 200 Minuten am Tag online, gut drei Stunden. Für Markus Löble, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Christophsbads Göppingen, wäre eine Reduzierung der Social-Media-Zeiten nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene sinnvoll. Ein komplettes Verbot findet er allerdings weniger zielführend. Für ihn ist wichtig, dass aktuell darüber diskutiert wird, was einen vernünftigen Umgang mit sozialen Medien ausmacht. Er verweist hier vor allem auf die Vorbildfunktion der Erwachsenen: „Kinder machen uns sowieso alles nach“, frei nach dem Komiker Karl Valentin. Wenn die Eltern viel Zeit am Handy verbringen würden, könnten sie nicht ihren Kindern verbieten, viel Zeit online zu verbringen.​

In der Schule nichts zu suchen​

Fragt man den Mediziner nach einer Faustregel, wie viel Zeit zu viel ist, verweist er auf die Individualität der Kinder. Solange weder die Schule noch das private Familienleben darunter leide, könne auch eine vergleichsweise hohe Bildschirmzeit unbedenklich sein. Er weist aber darauf hin, dass Social Media in der Grundschule nichts zu suchen habe. Jeder sollte sein Online-Verhalten überdenken und kritisch hinterfragen. Generell sei aber zu verzeichnen, dass die Zahl der Angst- und Essstörungen seit Corona stark angestiegen seien. Das könne allerdings nicht allein auf die sozialen Medien zurückgeführt werden, eher auf den Wegfall der Peergroup und die psychische Belastung durch den Lockdown. Eine Entwicklung, die er kritisch sieht, ist die des Cyber-Mobbings. Dadurch fielen Schutzräume weg, das Mobbing könne überall weitergehen und die Betroffenen könnten sich nicht mehr abgrenzen.​

Angst, etwas zu verpassen​

Die 19-jährige Nida hat bereits öfter Erfahrungen mit dem Verzicht auf soziale Medien gemacht. „Immer wenn ich Prüfungs- oder Klausurenphase habe, lösche ich alle Apps“, berichtet die Studentin. Generell nutze sie die sozialen Medien häufig, rund zwei Stunden am Tag, so schätzt sie. Hauptsächlich bleibe sie über Apps wie Instagram in Kontakt mit vielen Bekannten, entsprechend groß sei ihre Angst davor, etwas in der Zeit des Verzichts zu verpassen. Deshalb lade sie die Apps immer wieder auf ihr Handy, um auf dem Laufenden zu bleiben und mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben. Außerdem spiele sich die moderne Pop-Kultur hauptsächlich in den sozialen Medien ab. Um auf dem Laufenden zu bleiben, gehörten die sozialen Medien eigentlich zum Leben dazu.

Sie merke aber, dass sie ohne die sozialen Medien mehr Zeit für anderes habe, „man fokussiert sich mehr auf sich selbst und vergleicht sich nicht so häufig mit anderen Menschen.“ Mehr noch: Ihre Konzentrationsspanne verlängere sich und sie habe mehr Zeit für andere Dinge und Hobbys, meint die 19-jährige. Als sinnvolle Tipps für das Fasten von Social Media empfiehlt sie, die Apps entweder komplett zu löschen oder sich zeitliche Limits zu setzen. Sie merke, „dass man natürlich auch ohne diese Apps ganz gut leben kann“, aber es gehöre zum heutigen Leben dazu.​

Zufrieden ohne Instagram

Selbstversuch
 Im vergangenen Jahr stellte auch die Autorin fest, wie gut es tun kann, Social Media für eine Weile zu meiden. Vor allem das ständige Vergleichen mit den Influencern machte ihr sehr zu schaffen, deshalb nahm sie die Fastenzeit als Anlass, ganz auf Instagram und Co. zu verzichten. 

Angst
Am Anfang war es zwar recht herausfordernd. Langeweile und die große Angst, etwas zu verpassen, waren allgegenwärtig. Nach rund zwei Wochen legte sich diese Angst, allmählich stellte sich das Gefühl ein, ausgeglichener zu sein. Infolgedessen hat die Autorin eine automatische Sperre installiert, die die App nach jeweils einer Stunde Nutzung für diesen Tag komplett sperrt.

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