Faszination Tipp-Kick Das Eckige muss ins Eckige

Vier Spieler auf dem Feld: Tipp-Kick gehorcht dem Prinzip der Reduktion. Foto: imago//Peter Schatz

Tipp-Kick feiert seinen 100. Geburtstag. Der Autor Rainer Moritz spürt der Faszination des minimalistischen Fußball-Brettspiels nach. Ob es in der digitalen Welt überlebt, kann indes niemand sagen.

Mein Vater war kein Mann für Gesellschaftsspiele. Sich mit Freunden oder Arbeitskollegen an einen Biertisch zu setzen und Stunden mit den Kartenspielen seiner bayerischen Heimat – mit Schafkopf oder Watten – zuzubringen, damit konnte er nichts anfangen. „Monopoly“ oder „Das Börsenspiel“ waren ihm zu zeitraubend; allenfalls für eine Runde „Mensch ärgere Dich nicht“ war er im Urlaub zu gewinnen, ohne dass er dabei übermäßige Begeisterung an den Tag gelegt hätte.

 

Eine Ausnahme freilich gab es. Wenn ich meine „Tipp-Kick“-Schachtel aus dem Regal holte und das grüne Feld auf unserem Esstisch ausrollte, brauchte es nicht lange, um ihn für eine Partie zu gewinnen. Als Fußballfan, der sich je nach Tabellenstand mal für den VfB Stuttgart, mal für den 1. FC Nürnberg begeisterte, interessierte er sich für fast alles, was mit diesem Sport zusammenhing. Da keine lange Einführung nötig war, um die Tipp-Kick-Regeln zu begreifen, war er sofort Feuer und Flamme. Mein Vater war ein ernsthafter Spieler, ein kompetitiver Charakter, wie man heute sagt, der sich bemühte, mich mit strammen, scharfen Schüssen à la Otto Luttrop zu besiegen. Meine Vorliebe hingegen, seinen Abwehrspieler und Torwart mit raffinierten Lupfern zu überwinden, verachtete er, empfand diese Schussmethode als hinterlistig, ja unfair und verließ nach drei, vier Niederlagen die Esszimmerarena schmollend.

Tipp-Kick war das Spiel meiner Jugend, und dass es bis heute existiert und in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, hat etwas Beglückendes, zeugt davon, dass es in unserer kurz- und schnelllebigen Welt weiterhin Dinge von Bestand gibt, die sich allen technischen Neuerungen nicht beugen. Die Begeisterung für Sportarten unterliegt freilich gesellschaftlichen und konjunkturellen Schwankungen. Manches wie der Großfeldhandball, bei dessen Ausübung sich meine Eltern einst kennenlernten, verschwindet sogar fast gänzlich von der Bühne. Der Spielzeugmarkt reagiert rasch auf solche Entwicklungen und entwickelt Produkte, die es erlauben, die neuen Heroen des Sportgeschehens in die heimatlichen Wohn- und Kinderzimmer zu versetzen.

Als der deutsche Fußball in den 1920er-Jahren zu boomen begann und jene Nürnberger mit legendären Akteuren wie Stuhlfauth, Riegel, Kugler oder Kalb zum Serienmeister wurden, kam der Schwenninger Kaufmann Edwin Mieg auf die folgenreiche Idee, den Fußball als einfaches, auf jeden beliebigen Tisch passendes Spiel zu präsentieren. Das Patent für dieses „Fußballbrettspiel“ hatte 1921 der Stuttgarter Möbelfabrikant Carl Mayer angemeldet; Mieg kaufte es ihm drei Jahre später ab, machte sich selbstständig und Tipp-Kick zum Verkaufserfolg.

Anders etwa als das fast gleichzeitig in England entwickelte „Subboteo“-Spiel, das übrigens auch auf meinem Weihnachtswunschzettel stand, zeichnet sich Tipp-Kick durch seinen denkbar simplen Aufbau aus. Ein kleines, aufrollbares Spielfeld von 106 mal 70 Zentimetern, dazu pro Spieler ein leicht zu bedienender Torwart und je eine aus Blech, später aus Zink gefertigte Figur, deren Schüsse von einem auf dem Kopf angebrachten Druckknopf ausgelöst werden.

Entscheidendes Objekt des Spiels ist ein anfangs aus Kork, später aus Plastik gefertigter zweifarbiger Ball, der auf den ersten Blick nicht viel Ballähnliches an sich hat. Es handelt sich um einen sogenannten Kuboktaeder, einen Körper mit sechs Quadraten und acht gleichseitigen Dreiecken. Tipp-Kick eignet sich, man sieht es, also auch dafür, Schülerinnen und Schülern archimedische Körper nahezubringen.

Welcher Farbe der Kuboktaeder mehr zuneigt, entscheidet über die Schussberechtigung. Ein in gebührendem Abstand zu postierender Gegenspieler darf versuchen, den Torschuss abzublocken, und die Kunst des Schützen zeigt sich darin, die Bälle so platziert oder tückisch abzufeuern, dass die gegnerische Abwehr inklusive Torwart chancenlos bleibt. Generell gilt das leicht variierte Fußballmotto: Der Eckige muss ins Eckige!

1982 erhielt der Torwart mehr Freiheit

Ihren Sitz hat die von Nachfahren Edwin Miegs geführte Firma weiterhin in Schwenningen. Ihr Gedeih und Verderb hängt auf mal erfreuliche, mal verhängnisvolle Weise vom Erfolg der großen „Vorbilder“ ab. Anders gesagt: Wenn die deutsche Nationalmannschaft bei Welt- und Europameisterschaften reüssiert, schnellt der Absatz in die Höhe – wie nach dem „Wunder von Bern“ 1954, dem überraschenden WM-Sieg der Herberger-Elf gegen Ungarn, als 180 000 Tipp-Kick-Sets über den Tresen der Spielzeuggeschäfte gingen, oder 2014, als Joachim Löws Truppe um Kroos, Müller und Klose Brasilien und Argentinien in ihre Schranken verwies.

Umso fataler jedoch, wenn die Nationalelf kläglich scheitert, 1978 in Córdoba gegen Österreich verliert oder 2018 und 2022 schon in der WM-Vorrunde die Segel streicht. Dann sinkt die Lust, die Ereignisse zuhause nachzuspielen, und Tipp-Kick gerät zum Ladenhüter. So setzt man auch in Schwenningen inständig darauf, dass mit Bundestrainer Julian Nagelsmann der Erfolg schnell zurückkehrt. In seiner Grundstruktur ist sich das Spiel über alle Jahrzehnte treu geblieben. Neuerungen kamen nach und nach. Die harte Plastikrückwand des Tores wurde 1978 durch ein flatterndes Netz ersetzt, was die ewige Diskussion bei zurückprallenden Scharfschüssen – „Der war drin!“ – „Nie war der drin!“ – minimierte. Und auch der in seiner Beweglichkeit an eine Bahnschranke erinnernde Torwart erhielt 1982 zusätzliche Freiheiten und durfte nicht nur zur Seite, sondern auch nach vorne hechten. Auch der Erfolg des Frauenfußballs blieb nicht ohne Folgen: 2011 brachte man eine erste Spielerin auf den Markt, eine, so die Firmenformulierung, „dezent weibliche Metallspielerin, die Sportlichkeit und das Feminine vereint“. Wie eine nicht dezente Spielerin aussähe, wollen wir uns gar nicht vorstellen.

Jedes Spiel gerät, vor allem in Deutschland, schnell zum Ernst. Und so versteht es sich von selbst, dass Tipp-Kick auch professionell gespielt wird. Es gibt einen Deutschen Tipp-Kick-Verband (DTKV), der einen Liga- und Pokalspielbetrieb durchführt. Aktiv sind dort übrigens meistens Männer, aus allen Gesellschaftsschichten; Frauen finden nur selten zum Tipp-Kick. Wer nach Meisterschaften schielt, begnügt sich natürlich nicht mit den handelsüblichen Spielfiguren. Mit Akribie setzt man Metallsägen ein und feilt den beweglichen Fuß so raffiniert, dass kaum zu erahnen ist, in welcher Flugbahn und in welchem Winkel sich der Ball aufs Tor senken wird.

Tipp-Kick, das vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet ist, hat sich im digitalen Zeitalter mächtiger Konkurrenz zu erwehren. Videospiele wie EA Sports FC, Dream League Soccer oder PES bieten Simulationen, die Tipp-Kick vorsintflutlich erscheinen lassen. Doch vermutlich ist es gerade die anrührende Schlichtheit von Tipp-Kick, die besonderen Reiz ausübt. Selbst ausgebuffte Gamer genießen es, wenn sie plötzlich einen Druckknopf bedienen und sich auf einem äußerst überschaubaren Spielfeld zurechtfinden müssen. Ob sich der Familienbetrieb in Villingen-Schwenningen allerdings auf Dauer gegen die übermächtig wirkende digitale Konkurrenz behaupten kann, steht in den Sternen. Allzu optimistisch darf man leider nicht sein.

Immerhin finden sich Tipp-Kick-Reminiszenzen immer wieder in den Höhen der Kultur. 2004 schaffte es das Spiel ins Kino, in Gil Mehmerts Film „Aus der Tiefe des Raumes“. Dieser erzählt die Geschichte des Tipp-Kick-Virtuosen Hans-Günther, dessen Spielfigur sich nach und nach in den realen Günter Netzer verwandelt. Wolfgang Herrndorf, Verfasser des zur Schullektüre avancierten Romans „Tschick“, schildert in einem seiner kürzeren Texte einen jungen, orientierungslosen Mann, der den „Auftrag von oben“ erhält, ans Meer zu fahren,. Für diese Situation findet Herrndorf ein passendes Bild: „Mein altes Problem, ich wusste nie, wo rechts und links war, aber von oben, über mir, kamen diese Aufträge, wie eine Eisenstange, die mir durch den Schädel gerammt wurde, wie bei einer Tipp-Kick-Figur.“

„Wie ein verdammter Blödsack“

In diesem Jahr, dem Jubiläumsjahr, schließlich veröffentlichte der Buchhändler Christian Girod (unter dem ausgeklügelten Pseudonym C. G. Irod) seine literarisch ambitionierte Geschichte „Ylipulli“, die aus dem Leben einer beinlosen Tipp-Kick-Figur erzählt. Sie ist zum einen eine Hommage an Deutschlands erfolgreichsten Tipp-Kick-Spieler aller Zeiten, an den Lübecker Normann Koch, der zwischen 1994 und 2009 sagenhafte sieben Mal die deutsche Einzelmeisterschaft gewann. Zum anderen breitet Girod in epischer Detailfreude aus, was sich 2001 bei einem Turnier in Hirschlanden abspielte – als jener Normann Koch wenige Sekunden vor dem Schlusspfiff einen scheinbar verkorksten Schuss abgab, der auf verschlungen rätselhafte Weise den Weg ins Tor fand. Nuancierter ist die Flugbahn eines Balles, auch wenn es ein eckiger war, in der Weltliteratur nie beschrieben worden: „. . . schon kippte der Torwart, ließ sich fallen, wie ein Sack, wie ein verdammter Blödsack kippte er, und der Ball hob an und schwebte über ihm wie eine kleine schwarz-weiße Sonne.“

So fiel damals in Hirschlanden das 5:4 für Normann Koch. Allein deshalb darf Carl Miegs geniale Großtat nicht aus den Spielzeugläden und Kaufhäusern verschwinden.

Ich werde in diesem Jahr an Weihnachten wahllos Jugendliche aus meinem noch so entfernten Bekanntenkreis mit Mieg-Produkten beschenken. Das Set „Tipp-Kick Junior-Cup mit Netztoren“ wäre vielleicht ein guter Einstieg. Vielleicht ist durch meine Großzügigkeit ein erster Schritt getan, um dem Siegeszug der Videospiele Paroli zu bieten. Und zuvor eile ich ins Uhrenindustriemuseum in Villingen-Schwenningen, wo bis zum 10. November die Ausstellung „Abseits des Rasens. Fußball in Spiel und Simulation“ zu sehen ist.

Rainer Moritz leitet das Literaturhaus Hamburg. Er ist Literaturkritiker, Mitglied des TSV 1860 München und Autor zahlreicher Bücher. Vor kurzem erschien von ihm im Freiburger 8  grad verlag „Ein Lied kann eine Brücke sein. Die größten Hits aus dem Südwesten“. 2020 veröffentlichte er die Erzählung „Fräulein Schneider und das Weihnachtsturnier“, in dem Tipp-Kick fast die Hauptrolle spielt.

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