True Crime Warum uns Morde so faszinieren

Was ist hier nur passiert? Foto: Unsplash/Joel in't Veld

Warum finden wir Verbrechen so interessant? Sind wir alle schaulustig oder wollen wir lediglich die Untiefen der menschlichen Psyche ergründen? Medienpsychologin Jana Dombrowski weiß, warum wir uns gerne wahre Kriminalfälle zu Gemüte führen.

Auf dem Heimweg von der Arbeit zur Entspannung die Story "des Säurefassmörders" anhören? Nicht ungewöhnlich. Mit einer Kriminalgeschichte im Ohr entspannt es sich besser - klingt absurd. Doch Gruselgeschichten und wahre Verbrechen faszinieren die Massen, ob als Podcast oder als Netflix-Serie. Um der Faszination von True Crime auf die Spur zu kommen, haben wir uns an Jana Dombrowski gewandt. Sie ist Medienpsychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hohenheim und gibt Einblicke in unsere Begeisterung für die dunklen Seiten der Menschen.

 

Warum beschäftigen wir uns freiwillig mit Gräueltaten?

Die Medienpsychologin hat darauf eine klare Antwort: „Generell haben Menschen, wenn auch manche mehr und manche weniger, einen Hang zur Sensation und zum Negativismus“. Verbrechen beinhalten beides, Spannung ist also vorprogrammiert. Und die spielt bei der Begeisterung für True Crime eine zentrale Rolle: „Das Gefühl, wenn sich ein Kriminalfall löst, ist vergleichbar mit dem Lösen eines Rätsels“, beschreibt Dombrowski.

Und obwohl Spannung und Schock zunächst eher negative Emotionen sind, schauen wir gerne Krimis. Das liege daran, dass wir negative Emotionen in Spannung und Unterhaltung umwandeln können: „Die Spannung, die während der Rezeption aufgebaut wird, wird nach der Rezeption als positive Aufregung, Erleichterung oder neue Erfahrung gedeutet“, erklärt die Expertin.

Genauso sei die moralische Botschaft des Krimis ein Schema, das wir als Menschen leicht nachvollziehen könnten: „Normüberschreitungen werden - im Falle einer Auflösung des Verbrechens - sanktioniert und dies suggeriert auch eine Form von Systemerhalt und damit Sicherheit.“ In der Hoffnung auf Gerechtigkeit ertragen wir also gerne ein wenig Spannung: „Einen Mord finden wir in der kurzen Frist spannend, wenn wir am Ende eine Auflösung des Falles oder eine gerechte Bestrafung erwarten.“

"Dass der Krimi zu den Lieblingsgenres zählt, ist nicht neu“

Auch nach gefühlten neunhundert Tatort-Varianten scheint die Faszination um das Böse nicht nachzulassen. Der Krimi gehöre seit geraumer Zeit formatübergreifend zu den beliebtesten Genres: „Der Tatort ist in vielen Familien zur gemeinsamen Tradition oder einem Ritual geworden“, so Dombrowski. Durch Streaming-Dienste habe man jedoch jederzeit Zugriff auf eine große Auswahl an Inhalten.

Der Einblick in fremde Realitäten ist verlockend

Unbekanntes fasziniert. Was sich hinter dem Vorhang der Nachbar:innen verbirgt, finden viele Menschen interessant. Für die Gedankengänge der Mörder:innen interessieren sich noch viele mehr. „Wir bekommen durch True Crime Einblick in Realitäten, die fernab unserer eigenen Realität liegen.“ So erfahren wir interessante Details über das Denken unserer Mitmenschen, die auch in unserer Straße wohnen könnten. Mindestens genauso interessant ist aber das "Warum". Das True Crime-Genre beleuchte die Täter:innen als moralisch ambivalente Charaktere, die sich in der Grauzone zwischen Gut und Böse bewegen: „Dies bietet uns die Chance uns selbst moralisch einzuordnen. Wir können demnach auch etwas über uns selbst als Personen lernen“, so Dombrowski.

Generell sei Information eines der Hauptmotive, wenn es um den Konsum dieses Genres gehe: „Wir können durch True Crime etwas über Tathergänge, Kriminologie, das Rechtswesen, aber auch die Psyche von Verbrecher:innen lernen.“

Etwa 70% des True Crime-Publikums sind Frauen

Betrachtet man die Podcastlandschaft im Bereich True Crime, so sind Frauen überproportional vertreten. Tatsächlich ist es so, dass Frauen mehr True Crime konsumieren: „In etwa 70% des Publikums sind Frauen“, sagt die Medienpsychologin. „Studien vermuten, dass Frauen ein höheres Bedürfnis danach haben, Informationen zu Verbrechen zu sammeln, um sie im Ernstfall einsetzen zu können.“ 

Geben wir Täter:innen zu viel Sendezeit?

Nach dem Erfolg der Netflixserie über Jeffrey Dahmer hagelte es vielfach Kritik am Täterkult in den sozialen Medien, aber auch auf Netflix. Nicht selten wird von Angehörigen der Vorwurf erhoben, True Crime verschiebe den Fokus weg von den Geschädigten bzw. Opfern hin zu den Täter:innen. Dies könne im schlimmsten Fall zu einer Retraumatisierung der Angehörigen führen.

Dombrowski betont daher den großen Unterschied zwischen der reinen Nacherzählung eines Verbrechens und einer Darstellung, die mit fiktiven und nicht beweisbaren Details angereichert wird. „Basierend auf dem, was wir aus der Wirkungsforschung wissen, kann eine geschönte oder fehlleitende Darstellung dazu führen, dass ein Fall weniger ernst genommen wird oder ein Täter sympathisch wirkt“, erklärt sie. Auch wenn es sich bei der Netflixserie Dahmer um eine fiktive Nacherzählung eines wahren Falls handele, dürfe man diese nicht pauschal verurteilen, so Dombrowski. Vielmehr sei eine ethische Abwägung im Einzelfall sinnvoll, die darüber berate, wie und was für ein Kriminalfall aufgearbeitet werde. Hier sieht Dombrowski die Medienschaffenden in der Verantwortung. „Auch Trigger-Warnungen können dabei helfen, Rezipierende zu informieren und vor negativen Folgen zu schützen.“

„Nur weil wir uns Geschichten von Mördern anhören, heißt es nicht, dass wir selbst zu Mördern werden“

Befürchtungen, dass der Konsum von True Crime zu Nachahmungstäter:innen führt, hält Gombrowski für unbegründet: „Zu Nachahmungseffekten gibt es meines Wissens keine belastbaren Studien“, was zum Teil aber auch daran liegen könne, dass es einfach schwierig sei, solche Zusammenhänge konkret zu untersuchen. Grundsätzlich sei aber nicht davon auszugehen, dass Personen, die vorher keine kriminellen Ambitionen hatten, durch die Rezeption von True Crime zu Kriminellen werden.

Wenn also jemand eine Schlägerei anzettelt, ist davon auszugehen, dass zahlreiche Probleme und Faktoren Einfluss nehmen, auch wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Täter:innen True Crime konsumiert haben.

Schadet zu viel Mord und Totschlag?

Generalisierbare negative Auswirkungen des Konsums von True Crime gibt es laut Dombrowski nicht. Wer sich viel mit Kriminalität beschäftigt, kann allerdings das Gefühl entwickeln, dass hinter jeder Ecke das Verbrechen lauert. Die Studienlage dazu sei jedoch gemischt. „Es kann also nicht per se davon ausgegangen werden, dass die Rezeption Angst schürt“, so die Medienpsychologin.

Wir können uns also getrost in unseren Lieblingssessel kuscheln und weiterhin den Thrill genießen, auch wenn wir uns später im Dunkeln nicht mehr auf die Toilette trauen.

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