Faszinierender Ballettfilm Goyo Montero tanzt mit dem Wolf

Szene aus dem Ballettfilm „Über den Wolf“ mit Olga Garcia und dem Ensemble des Staatstheaters Nürnberg Foto: Staatstheater Nürnberg/Jesús Vallinas 9 Bilder
Szene aus dem Ballettfilm „Über den Wolf“ mit Olga Garcia und dem Ensemble des Staatstheaters Nürnberg Foto: Staatstheater Nürnberg/Jesús Vallinas

Das Streamingangebot ist derzeit auch für Tanzfans groß. Doch abgefilmte Bühnenkunst reißt nicht immer mit. Goyo Montero und das Ballett am Nürnberger Staatstheater gehen mit dem Ballettfilm „Über den Wolf“ neue Wege.

Kultur: Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - Lieber „Romeo und Julia“ in der Version von Mats Ek aus Stockholm oder Christian Spucks Verdi-Ballett „Messa da Requiem“ aus dem Zürcher Opernhaus? Ballettfans können derzeit ohne viel Aufwand durch die Welt des Tanzes reisen. Während wegen des Coronavirus überall die Bühnenvorhänge geschlossen bleiben, verstärken die Kompanien nochmals ihre Präsenz im Internet. Die Plattform Tanznetz.de widmet eine ihrer Tipp-Seiten dem wachsenden Streamingangebot. Während hier vor allem die deutschsprachige Tanzszene berücksichtigt wird, weitet sich der Blick auf der Plattform des Europamagazins „Fedora“. Nach Ländern sortiert gibt es hier Tanz von Austria bis United States. Lust auf Benjamin Millepieds „Bach-Studies“, auf Hofesh Shechters „Clowns“, Ohad Naharins „Deca Dance“? Mithilfe der „Fedora“-Links könnten Tanzfans Bildungslücken schließen und ganze Tage abhängen.

Geteilte Emotionen wirken intensiver

Könnten? Tatsächlich taugt abgefilmte Bühnenkunst nicht so recht zum Binge-Watching, selbst dann nicht, wenn wechselnde Kameraperspektiven, Überblendungen und ungewöhnliche Blickwinkel Spannung erzeugen, wie jüngst in Marco Goeckes aus München übertragenem Ballett „La Strada“. Statt sich ins Koma zu glotzen, dreht man nach der ersten Runde lieber ab. Nicht nur, weil das Gesehene meist komplex ist und verdaut werden will. Bühnenkunst ist vor allem auf den Livemoment angelegt: darauf, dass Tänzer, Schauspieler, Sänger, Musiker und ihr Publikum denselben Raum teilen, darauf, dass sich jeder Zuschauer direkt angesprochen fühlen darf, darauf, dass im Parkett mit anderen geteilte Emotionen viel intensiver wirken.

Aus dieser Mängelliste hat Goyo Montero, der seit vielen Jahren am Nürnberger Staatstheater als Nachfolger von Daniela Kurz tätig ist, eine tolle Lehre gezogen: Er hat gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk und dem Regisseur Hans Hadulla aus Sergej Prokofjews Musikmärchen „Peter und der Wolf“ nicht noch ein Tanzstück gemacht. Unter dem Titel „Über den Wolf“ ist vielmehr ein eigenständiger Ballettfilm entstanden, der den Ängsten in einer Pandemiezeit ein Gesicht geben will – so wie Prokofjew den Menschen und Tieren seines Stücks einzelne Musikinstrumente zuordnete.

Ein Märchen landet im Heute

Wie ein Psychothriller beginnt „Über den Wolf“, im Vogelflug geht’s übers winterliche Nürnberg zum Staatstheater, wo auf dem Balkon Goyo Montero wartet. Der spanische Ballettchef holt jeden Zuschauer persönlich ab, teilt seine Ängste mit ihm. Durch Gänge und Gedanken folgen wir dem Choreografen, durch Ballettsäle und beklemmende Ausführungen über das, was das Virus mit uns Menschen, mit unseren Beziehungen macht. Unterdessen begegnen wir Tänzern beim Training, bei Proben, in der Maske: Die Blicke in eine Art Alltag hinter den verschlossenen Theatertüren sind Balsam für Seelen auf kaltem Bühnenentzug.

Wie wird man seiner Ängste Herr, statt sich in ihnen zu verlieren? Themen wie Gefahr und Isolation, Mut und Solidarität hat Goyo Montero aus dem Märchen ins Heute übertragen, musikalisch schlägt der Komponist Owen Belton mit atmosphärischem Sound Brücken zwischen den dunklen Regionen der Seele zur Partitur von Prokofjew. Der Schauspieler Thomas Nunner fasst die seelische Schieflage, in der wir uns derzeit alle befinden, in Worte, als „Über den Wolf“ doch noch auf der Bühne landet. Der Tanz zeigt Wege aus einer isolierten Welt auf. Doch die wuchtigen Tafeln, die sich da zu immer neuen, mal klaustrophobischen, mal chaotischen Motiven fügen, sind einfacher zu manipulieren als das fiese Virus, das uns gerade einsperrt. Trotzdem darf man sich schon jetzt auf den Tag freuen, an dem die Coronapandemie Vergangenheit ist und Goyo Monteros Montage „Über den Wolf“ als ganz banales Bühnenspektakel in Nürnberg Premiere feiern wird. Im digitalen Fundus des Nürnberger Staatstheaters bleibt der Ballettfilm auch dann abrufbar unter https://fundus.staatstheater-nuernberg.de/detail/ballett-film-ueber-den-wolf




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