Vehement haben sich die Einwohner von Faurndau gegen die Eingemeindung nach Göppingen im Jahr 1975 gewehrt. Anders als in den anderen Stadtbezirken wurde sie von oben verordnet. Kein Wunder, dass heute niemand das Jubiläum begehen möchte.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Göppingen - In seiner Haushaltsrede im Oktober hat der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till noch stolz darauf hingewiesen: Im Jahr 2015 werde sich die Eingemeindung des größten Stadtbezirks Faurndau zum 40. Mal jähren. Und die Zahl 40, das hat der aus dem Rheinland stammende OB längst gelernt, ist für die Hiesigen eine heilige. Mit 40 wird der Schwabe gescheit. Vielleicht, so mag sich Till gedacht haben, gilt das ja auch für die nicht unbedingt als Liebesbeziehung gestartete Verbindung von Göppingen und Faurndau. Noch sei offen, ob und wie das Jubiläum begangen werden könne, sagte der OB in Feierlaune.

 

Von wegen Schwabenalter

Mittlerweile scheint es so, als ob zumindest Till selbst gescheit geworden ist. Denn als der Linke-Stadtrat Christian Stähle wenige Wochen später den Ball aufnahm und beantragte, 10 000 Euro für die Feierlichkeiten im Etat bereitzustellen, legte Till eine ablehnende Stellungnahme vor. Eine Feierlichkeit fände wenig Akzeptanz und würde in der Bevölkerung Faurndaus zu großem Unverständnis führen, schrieb er. Auch der Bezirksbeirat habe sich geschlossen gegen eine Feier ausgesprochen.

Keine drei Kilometer sind es vom Göppinger Schillerplatz zum Hirschplatz in Faurndau, der früher selbst einmal Schillerplatz hieß. Kein Stadtbezirk liegt näher an der Kernstadt, und keiner ist in seiner Bevölkerungsstruktur Göppingen so ähnlich. Hier wie dort brachte die Eisenbahn im 19. Jahrhundert die Industrialisierung. Und doch wehrten sich die Menschen in Faurndau bei der Kommunalreform besonders heftig gegen die Eingemeindung durch den großen Nachbarn. Gleich zweimal wurden die Faurndauer zur Urne gerufen, beide Male sprachen sich bei jeweils hoher Wahlbeteiligung mehr als 95 Prozent gegen den Anschluss aus.

OB König auf Raubzug

Doch der damalige Göppinger OB Herbert König ließ nicht locker. Rechberghausen, zeitweise sogar Eislingen standen auf seinem Speisezettel. In beiden Fällen ging er leer aus. Nun wollte er sich wenigstens Faurndau einverleiben, um seine Stadt endlich über die 50 000-Einwohner-Grenze zu hieven. Bei der Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU) traf König auf Wohlwollen. Per Landesgesetz wurde die Eingemeindung zum 1. Januar 1975 erzwungen. Da hatte Faurndau eigentlich seine erste urkundliche Erwähnung vor 1100 Jahren in einer Urkunde des Klosters Sankt Gallen feiern wollen. Der Bürgerwillen sei etwas mehr als gar nichts, soll Karl Schiess, der damalige CDU-Innenminister, ein Politiker mit NS-Vergangenheit, gesagt haben.

Walter Ziegler kann sich über das Zitat noch heute aufregen. Der pensionierte Kreisarchivar lebt selbst in Faurndau und engagierte sich in der Bürgerinitiative „Faurndau muss selbstständig bleiben“. Natürlich will auch er die damalige Entscheidung nicht rückgängig machen. Und dennoch ist er überzeugt, dass bei vielen Faurndauern eine Narbe geblieben ist. „Wäre der Ort selbstständig geblieben, wäre er weder unter- noch pleitegegangen.“ Die Infrastruktur stimmte. Es gab Kindergärten, eine neu erbaute Schule und sogar ein Hallenbad. Mit 7400 Einwohnern wäre Faurndau noch heute die neuntgrößte Gemeinde im Kreis Göppingen.

Die Politik des leeren Stuhls

Bis zum Sommer 1975 dauerte der Kampf. Dann bestätigte der Staatsgerichtshof den Anschluss. Noch eine Weile verfolgten die Faurndauer Gemeinderäte eine Politik des leeren Stuhls und blieben den Göppinger Gemeinderatssitzungen fern. Für eine Feier gebe es wirklich keinen Anlass, findet Ziegler, wohl aber für eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Schließlich handele es sich um ein Lehrstück, wie die Politik mit dem Bürgerwillen umgehe.