Fazil Say in der „Meisterpianisten“-Reihe Der Übertreibungskünstler

Die Fans lieben seinen Stil: Fazil Say Foto: picture alliance / dpa/Bernd Thissen

Der Pianist Fazil Say hat im Beethovensaal in Stuttgart Bachs monumentale Goldberg-Variationen gespielt.

Fazil Say weiß, was er seinen Fans schuldig ist. Als Zugabe gibt er „Black Earth“, ein eigenes Stück, das von der türkischen Musik und vom Jazz inspiriert ist und in dem er auch mal dämpfend in die Saiten des Steinways greift, um den Klang der Saz zu imitieren. Endlich ist er ganz bei sich: ohne übertriebene Gestik und Mimik, ohne mitzusingen.

 

Viele im Stuttgarter Beethovensaal jubeln erfreut, als sie die ersten Takte hören – wie in einem Popkonzert. Auf Youtube verzeichnet Say in einem Mitschnitt von „Black Earth“ 8,5 Millionen Aufrufe. Das Publikum in diesem Konzert der Russ-Meisterpianisten-Reihe ist bunter und im Durchschnitt jünger als sonst. Es wird fleißig mitgefilmt. Fazil Say – Pianist, Komponist, Weltbürger – stört das nicht. Und die meisten sind ja auch sehr konzentriert bei der Sache: Johann Sebastian Bachs abendfüllenden Goldberg-Variationen.

Vielfalt des musikalischen Kosmos

Ein technisch und musikalisch ungeheuer anspruchsvolles Werk. Es ist nicht einfach, sich nach Glenn Gould einen Weg durch die dreißig Variationen zu bahnen, der sowohl originell ist als auch Bachs konstruktiven Vorstellungen entspricht. Originell will Say in der Regel sein. Und als Übertreibungskünstler, der er nun mal ist, geschieht das Erwartbare: Er arbeitet mit zusätzlichen Kontrasten, wo eigentlich schon welche einkomponiert sind.

Das macht ja die Größe aus dieses monumentalen Zyklus: die Vielfalt des riesigen musikalischen Kosmos, der sich unter dem Spannungsbogen des Themas, seiner Basslinie und Harmonik, aufbaut. Mal kontrapunktisch streng, mal als spieltechnische Studie, mal als Suitensatz oder Charakterstück. Mal kantabel und lyrisch, mal von entfesselter Virtuosität, mal tänzerisch, mal im schlichten, mal im komplexen Satz. Ja, sogar Volksmelodien baut Bach am Ende ein. Jede Variation ist individuell gestaltet.

Das Spannungspulver zu früh verschossen

Aber schon im Thema des Zyklus, der Aria, einer zarten, introvertierten Sarabande, sucht Say nach dem Ungewohnten und findet dort plötzlich aufkeimende Euphorie, wird laut und aufdringlich. Er verschießt damit schon hier sein dynamisches Spannungspulver, das typisch ist für seine Interpretationen: ständig Kontraste herzustellen zwischen schüchternem Pianissimo und martialischem Fortissimo, erst ganz leise anzufangen und dann dort Emotionen hineinzupfeffern, wo sie schnell manieriert wirken, später auch mariniert, in Pedalsoße nämlich – vor allem in den technisch besonders haarigen Variationen, wo sich so mancher Patzer im virtuosen Gewusel auflöst. Warum also schon in der Aria aufdrehen, wenn noch dreißig Variationen bevorstehen?

Holzhammer-Akzentuierungen

Solche Ungereimtheiten, die dem Spannungsbogen schaden, ziehen sich durch Says ganze, musikantisch zur Sache gehenden Interpretation: In Variation 7 etwa haut er die aufsteigenden, auf unbetonter Taktzeit stehenden 32tel-Motive derart heraus, dass sie unfreiwillig (?) komisch wirken.

Die Fughetta spielt er rhythmisch so hart akzentuiert, dass dadurch die linear gedachte Vierstimmigkeit verletzt wird. Fazil Say setzt zu oft auf Klangeffekte, Holzhammer-Akzentuierungen, aufs Gegen-den-Strich-Bürsten, statt auf luzide Durchdringung, die die stets mehrstimmigen Goldberg-Variationen unbedingt brauchen. Aber das ist halt sein Stil. Und seine Fans lieben das.

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